Winterthur

«Pflegekinder sind kein Hobby»

Das Winterthurer Ehepaar G. hat keine leiblichen Kinder, aber zwei Pflegesöhne. So manches, was sie mit ihnen erleben, klingt nach einem ganz normalen Familienalltag. Doch das ist es nur bedingt.

In Winterthur und Umgebung werden laufend potenzielle Pflegeeltern gesucht.

In Winterthur und Umgebung werden laufend potenzielle Pflegeeltern gesucht. Bild: Keystone

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Wir sind aus Überzeugung und mit viel Herzblut Pflegeeltern und trotzdem hat es in den vergangenen 16 Jahren auch Zeiten gegeben, in denen wir uns gefragt haben, warum wir uns das eigentlich antun», erzählt das Winterthurer Ehepaar Heidi und Erich G. (Namen geändert).

«Es gab vereinzelt Situationen, in denen wir an unsere persönlichen Grenzen kamen und deshalb ganz bewusst Hilfe von aussen in Anspruch genommen haben», räumen die Pflegeeltern unumwunden ein. Doch über die ganze Zeitspanne betrachtet sei das Fazit der Pflegeelternschaft bisher klar positiv, erklären beide unisono.

Ursprünglich wollte das Ehepaar adoptieren

«Es ist eine grosse Freude und Genugtuung zu sehen, wie viel gelungen ist, wie geborgen sich unsere Pflegesöhne bei uns fühlen und wie stabil sie mittlerweile sind», bilanziert die bald 60-jährige Heidi. Und das sei alles andere als selbstverständlich. «Wir sind zu Beginn schon ziemlich naiv an die Sache herangegangen», erinnert sie sich. Da sie keine eigenen Kinder haben, wollte sich das Ehepaar «auf irgendeine Art und Weise sozial engagieren». Kindern aus schwierigen Verhältnissen ein neues Zuhause zu geben, schien beiden eine naheliegende Option zu sein.

«Wir sind zu Beginn schon ziemlich naiv an die Sache herangegangen»

Ursprünglich wollten Heidi und Erich ein Kind aus Rumänien adoptieren. Der Adoptionsprozess zog sich allerdings ungewöhnlich in die Länge und schliesslich machte ihnen der ausländische Staat wegen einer Gesetzesänderung endgültig einen Strich durch die Rechnung. Mitten in diesem Prozess kam dann die Anfrage des Jugendsekretariats Winterthur für die Aufnahme eines Pflegekindes.

Nach den vergeblichen Adoptionsbemühungen mussten Erich und Heidi nicht lange überlegen und sagten zu. Ihr erster Pflegesohn – welcher mittlerweile volljährig ist – war zwei Jahre alt, als er zum Ehepaar G. kam. Über die Gründe der Fremdplatzierung habe man damals nur das Notwendigste erfahren, sagt Heidi.

Umfassende Abklärungen

«Für uns war rasch klar, dass wir noch ein zweites Pflegekind bei uns aufnehmen wollen», sagt Pflegevater Erich. Die Platzierung geschah dieses Mal allerdings über die private Familienplatzierungsorganisation Espoir (siehe auch Box). Ergänzend zur umfassenden Sozialabklärung im Zusammenhang mit einer möglichen Adoption wurden Heidi und Erich nun auf Herz und Nieren geprüft, inwieweit sie tatsächlich geeignet sind, um ein weiteres Pflegekind bei sich aufzunehmen.

Die Abklärungen erfolgten in Gesprächen mit Fachleuten und mittels Fragebögen sowie Hausbesuchen. Anschliessend gab es erste kurze Begegnungen mit dem künftigen Pflegesohn; eine sachte, schrittweise Annäherung. Der heute 13-jährige Pflegesohn war damals, wie schon das erste Pflegekind, im Kleinkindalter als er schliesslich beim Winterthurer Ehepaar ein neues Zuhause fand.

«Die meisten Pflegekinder haben aufgrund ihrer früheren Erlebnisse Bindungsstörungen und grosse Verlustängste»

In dieser Zeit machte Heidi dann noch eine Ausbildung zur qualifizierten Erziehung von Pflegekindern. Der Austausch mit anderen Pflegeeltern habe ihr gut getan, sagt sie rückblickend. Viele Problemstellungen habe man so gemeinsam besprechen können. «Das ist übrigens auch heute noch der Fall», ergänzt Ehemann Erich. «Wir besuchen regelmässig mit anderen Pflegeeltern die von Espoir vorgesehenen Supervisionssitzungen.»

In diesen Gruppen habe man die Möglichkeit, die anspruchsvolle Aufgabe als Pflegeeltern mit Fachleuten zu reflektieren und bei schwierigen Konflikten und Situationen Lösungswege zu erarbeiten.

«Die meisten Pflegekinder haben aufgrund ihrer früheren Erlebnisse bei den leiblichen Eltern Bindungsstörungen und grosse Verlustängste», weiss Heidi. «Das war bei unseren beiden Pflegesöhnen nicht anders.» Es habe sehr viel Geduld gebraucht, um in ganz kleinen Schritten ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Als aber einer der beiden Pflegesöhne eines Tages wieder einmal bei seinem leiblichen Vater zu Besuch war und dieser ihm erzählte, wohin er ihn in naher Zukunft überallhin mitnehmen wolle, bekam der Pflegesohn grosse Angst.

Der Knabe glaubte, er müsse wohl tatsächlich demnächst das vertraute Umfeld der Pflegeeltern wieder verlassen – und zog sich darum stark zurück. «Das war eine sehr belastende und schwierige Zeit gewesen», erinnern sich die Pflegeeltern. Nur ganz langsam habe der Kleine wieder Vertrauen zu ihnen gefasst.

«Pflegekinder sind kein Hobby»

«Das A und O als Pflegeeltern ist die innere Haltung», sagt Heidi. «Denn Pflegekinder tragen bereits einen schweren Lebensrucksack mit sich rum und brauchen darum mindestens eine Bezugsperson zu 100 Prozent; Pflegekinder sind kein Hobby.»

Das Ehepaar war sich schnell einig, dass Heidi diese wichtigste Bezugsperson sein sollte und Erich weiterhin ausser Haus berufstätig bleiben würde. Sie müsse sich zwar hie und da gegenüber ihrem Umfeld rechtfertigen, da sie ja «nur» Zuhause sei. Aber: «Ich bereue diesen Entscheid keineswegs», meint Heidi. «Denn die Aufgabe als Pflegemutter ist letztlich auch ein eigenständiger Beruf.» Die vertragliche Bindung an Espoir entspreche einem Angestelltenverhältnis, erklärt Heidi. Die Organisation biete ihrerseits eine fundierte fachliche Begleitung.

«Die Aufgabe als Pflegemutter ist letztlich auch ein eigenständiger Beruf.»

Sie würden ihre beiden Pflegesöhne genau so lieben als ob es ihre eigenen, leiblichen Kinder wären, sagen die Winterthurer Pflegeeltern. Dennoch sei ihnen seit Anbeginn bewusst gewesen, dass die Kinder letztlich eine doppelte Elternschaft haben, dass sie – wie alle Eltern – lernen müssten, sie innerlich loszulassen. «Das ist nicht immer einfach», sagen beide.

Ungeachtet dessen verstehen sich Heidi und Erich als Teil einer grossen Patchworkfamilie. Denn auch zu den leiblichen Eltern ihrer Pflegesöhne hat sich über die Jahre ein gutes Vertrauensverhältnis entwickelt. Und wie grenzen sich die Söhne ab? Heute sagen sie zu ihrer Pflegemutter nicht Mami, sondern Heidi. Beim Pflegevater machen sie eine Art Kompromiss. Sie nennen ihn «Papa Erich».

(Der Landbote)

Erstellt: 18.05.2017, 13:54 Uhr

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Im Kanton Zürich bemühen sich mehrere Vermittlungsorganisationen um Pflegeeltern. Doch längst nicht jedes Paar erfüllt die Kriterien.

Gute Plätze für Pflegekinder zu finden ist nicht immer einfach. Denn wenn Kinder, die aus schwierigen familiären Verhältnissen stammen, vermittelt werden sollen, sind sie darauf angewiesen, dass sie laut Fachleuten «ein besonders stabiles Umfeld» erhalten. Eine Umgebung also, in der sie all das finden, was es für eine gesunde Entwicklung braucht: Liebe, Geborgenheit, Fürsorge, Respekt, Grenzen und Strukturen.

Menschen zu suchen, die genau das bieten können, ist eine der Hauptaufgaben des Vereins Es-poir. Er ist einer von fünf Non-Profit-Organisationen im Kanton Zürich, die von der kantonalen Bildungsdirektion eine Bewilligung zur Vermittlung von Pflegeplätzen hat. Espoir begleitet in Winterthur derzeit drei Pflegeeltern, sucht aber im Grossraum Winterthur laufend weitere potenzielle Pflegeelternpaare.

«Anforderungen sind hoch»

Der Weg zur Pflegeelternschaft ist allerdings kein Spaziergang. «Die von Espoir an eine Pflegefamilie gestellten Anforderungen sind hoch», sagt Lucia Schmid, Geschäftsführerin bei Espoir. «Interessierte Familien durchlaufen ein sorgfältiges Verfahren. Dieses umfasst ein detailliertes Motivationsschreiben, welches mit einem Hausbesuch und einem dreitägigen Seminar bei Espoir abgerundet wird.» Dass tatsächlich nicht jedes Paar, das sich ein Pflegekind wünscht, von Espoir akzeptiert wird, belegt auch die interne Statistik. Aus den im Jahr 2015 rund 90 eingegangenen Anfragen von interessierten Paaren konnten laut Schmid nur zehn als Pflegeeltern aufgenommen werden.

Leumund, Wohnsituation...

Eine gewisse Selektion gibt es bei Espoir allein aufgrund der Voraussetzungen, die künftige Pflegeeltern erfüllen müssen. Neben einer guten Gesundheit, einer geeigneten Wohnsituation und einem einwandfreien Leumund, erwartet man zudem, dass die Pflegeeltern finanziell nicht auf das Pflegegeld angewiesen sind und dass eine Person «nicht berufstätig ist oder sich die Arbeitszeit so einrichten kann, dass immer ein Elternteil beim Kind ist».

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