Turbenthal

Vom Tellerwäscher zum Krisencoach

Hansruedi Stahel zog als 15-Jähriger aus Turbenthal weg, weil er sich nicht akzeptiert fühlte. Erst schlug er sich als ­Tellerwäscher und Laufbursche durch, später als Direktor in einem Gross­konzern. Seit er pensioniert ist, berät er Menschen in schwierigen Situationen.

In Hansruedi Stahels Karriere reiht sich Erfolg an Erfolg, davon zeugen die unzähligen Diplome und Medaillen in seinem Turbenthaler Heim.

In Hansruedi Stahels Karriere reiht sich Erfolg an Erfolg, davon zeugen die unzähligen Diplome und Medaillen in seinem Turbenthaler Heim. Bild: Johanna Bossart

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Hansruedi Stahel empfängt den Besuch schon im Treppenhaus. Im Wohnzimmer ist es angenehm warm, im Cheminée brennt schon am Morgen ein Feuer. «Damit heizen wir in der Übergangszeit die ganze Wohnung nach», sagt er, «denn sie ist gross.» Über Turbenthal hat sich der Nebel noch nicht gelichtet, die Temperaturen sind unterden Gefrierpunkt gefallen. In der Küche brummt die Kaffeemaschine, Stahel serviert Kaffee.Der 72-Jährige lebt auf der Überholspur, so scheint es. Er ist allen und jedem einen Schritt voraus. Fragen braucht es keine. Er erzählt auch so – praktisch ohne Pause – aus seinem Leben und dem, was er beruflich tut. Denn mit 65, einem Alter, bei dem sich die meisten zur Ruhe setzen, gründete er seine eigene Firma. Heute berät er Ärzte und Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft in Krisensituationen und bringt Ehepaaren sowie Familien bei, wie sie miteinander kommunizieren müssen. Er habe in den letzten Wochen wieder sehr viel um die Ohren gehabt, erzählt er. Elfmal sei er im Flieger gesessen. «Das ist zu viel.» Er habe sich bremsen müssen.

Hansruedi Stahel hat im wahrsten Sinne des Wortes eine Tellerwäscherkarriere durchlaufen. Nicht dass er heute Bundespräsident wäre. Aber er brachte es vom Schulabbrecher zum Direktor in einem international tätigen Pharmakonzern, für den er schliesslich 28 Jahre arbeitete.

Er wuchs in Turbenthal auf. Nach Abschluss des zweiten Sekundarjahres zog er als 15-Jähriger nach Genf. «Im Tösstal hielt ich es nicht mehr aus, ich fühlte mich von niemandem akzeptiert.» In einer Grosskonditorei wusch er Geschirr ab und lieferte als Laufbursche mit dem Velo Desserts an vermögende Kunden aus.

Hätte er auf seinen Vater gehört, so wäre er irgendwann Verkäufer geworden. Er aber machte eine Drogistenlehre und arbeitete zuerst in einer Grossdrogerie, während er abends die Handelsschule besuchte. Danach absolvierte er die Drogistenfachschule in Neuenburg. Als Betriebsas­sistent in einer Fabrik hielt eres nicht lange aus. «Das war ­langweilig.» Also besuchte er als Aussendienstmitarbeiter Ärzte und erklärte ihnen Medikamen­te. Später bildete er selbst Aus­sendienstmitarbeiter aus. In den Pharmakonzern stieg er als Gross­kundenbetreuer ein. Und in nur sechs Monaten arbeitete er sich zum Marketingchef hoch.

Stahel scheut sich nicht, auf seine Erfolge hinzuweisen. Stolz präsentiert er Diplome und Medaillen. Gleichzeitig räumt er aber auch ein: «Ich bin kein ein­facher Mensch.» Er sei ständig auf Draht, impulsiv und wolle oft recht haben. «Was ich dann auch habe.» Sagt er und lächelt.

Seit 42 Jahren ist er mit seiner Frau Kiddy verheiratet. «Sie bedeutet mir sehr viel», schreibt er auf der Internetseite seiner Firma. Sie pflegten eine gute Streitkultur, das halte zusammen. «Und sie ist meine beste Beraterin.» Obwohl sie von seinem Business nichts verstehe.

Er lernte Kiddy im Zug kennen. Sie war damals 20 Jahre alt, eine kleine zierliche Frau. Er sah sie und beschloss: «Die heirate ich.» Sechs Jahre vergingen, bis sie vor den Traualtar traten. Die beiden haben eine Tochter und zwei Enkelinnen. Die Familie sei ihm sehr wichtig. Sie schafft neben Freunden, dem Glauben («Ich bin Christ») und Sport den nötigen Ausgleich, den er braucht, wenn er sich wochenlang mit den Problemen anderer beschäftigt. So sehr, dass sie ihn manchmal nicht mehr loslassen.

Nach der Gründung seiner Firma wuchs die Zahl der Aufträge stetig an. Stahel machte zwar keine Werbung, seine Fähigkeiten sprachen sich aber herum. An Vorträgen traten die Leute an ihn heran und baten ihn, sie zu coachen. Er arbeitete 14 Stunden am Tag, bis er gesundheitliche Probleme bekam. Dann musste er einen Gang runterschalten und sich selbst coachen.

Mit seiner Frau habe er gelernt, Nein zu sagen und die richti-gen Prioritäten zu setzen. Nun geht er jeden zweiten Tag joggen, reserviert einen Abend pro Wo­che für seine Frau und schaut nur dosiert fern. Der Fernseher steht in einem Neben- und nicht im Wohnzimmer und ist für die Champions-League-Spiele reserviert.

Aus dem Berufsleben verabschieden will sich Stahel noch lange nicht, «aber etwas kürzertreten», damit er mehr Zeit fürs Joggen, Biken und Bergsteigen habe. Seit Jahren nimmt er an Ultra-Laufwettkämpfen teil, et­wa am 100-Kilometer-Lauf von Biel. Das will er auch in Zukunft tun. Und weiter Menschen be­raten, die ihm besonders am Herzen liegen: Eheleute und Ärzte im Gespräch mit ihren Patienten.

Ihnen vermittelt er etwa den Glaubenssatz «Den Sieger er­kennt man am Start, den Verlierer auch». So seien die ersten Minuten eines Gesprächs entscheidend. Gelängen sie, «kann man anschliessend auch eine unbequeme Botschaft besser ­vermitteln». Menschen, die nicht mehr an sich glaubten, verbiete er als Erstes sämtliche negati-ven Gedanken. «Dann kehrt der Erfolg von selbst zurück.» Mit positiven Gedanken liessen sich Handlungen beeinflussen. Er wolle nicht die Probleme anderer lösen. «Sondern den Menschen beibringen, wie sie sie selbst lösen können.» (Der Landbote)

Erstellt: 11.12.2016, 19:24 Uhr

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