«Wir fühlen uns zum Helfen verpflichtet»

Andi Kunz ist einerseits Präsident der Stiftung Noiva, die sich für Flüchtlinge in Jordanien einsetzt. Andererseits investiert er Millionen ins neue Sportzentrum Wincity. Wieso er sich engagiert, woher sein Geld kommt und war­um für ihn Sport und humanitäre Hilfe zusammengehören.

Andi Kunz: «Alles, was wir machen, steht unter dem Aspekt christlicher Werte.»

Andi Kunz: «Alles, was wir machen, steht unter dem Aspekt christlicher Werte.» Bild: Marc Dahinden

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Sie sind einer der Investoren der neuen Sporthalle Wincity beim Deutweg, in die Ende 2017 unter anderem Pfadi Winterthur einziehen soll. Wie ist das Projekt unterwegs?
Andi Kunz: Wir sind im Zeitplan. Im Dezember werden wir wie geplant die Baueingabe machen.

War­um engagieren Sie sich in diesem Projekt? Wie kam Ihr Kontakt zu Pfadi zustande?
Das ist eine lustige Geschichte: Ich war unterwegs nach Amman. Wir sassen in einem Flugzeug nach Wien, wo wir umsteigen sollten. Schon beim Abflug in Zürich hatten wir eine Dreiviertelstunde Verspätung. Da kam ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch und fand heraus, dass ich mit der Handball-Nationalmannschaft unterwegs war. Ich erzählte, dass ich für ein humanitäres Projekt in den Nahen Osten reise. Man fragte mich, ob ich nicht auch in den Sport investieren wolle. Ich sagte, das käme für mich in Frage, wenn sich daraus eine Art Zusammenarbeit ergeben und sich die Sportler auch im humanitären Bereich engagieren würden. Pfadi-Trainer Adi Brüngger, der gleich nebenan sass, sagte gleich: Das wäre doch mal etwas.

Wann war denn das?
Im Herbst 2014.

Danach ging es schnell, bereits ein halbes Jahr später kam Pfadi nach Jordanien.
Ja, bereits als ich in Amman landete, hatte ich ein Mail auf dem Computer. Als ich wieder zurück war, führten wir einige Gespräche. Das brachte mich auf die Idee, die Ex-Bundesrat Adolf Ogi immer propagierte: Sport und humanitäre Hilfe müssten zusammengehören. Alles setzte sich wie ein Puzzle zusammen. Und aus den Gesprächen mit Pfadi-Präsident Jürg Hofmann und Adi Brüngger hat sich eine Freundschaft entwickelt. Ich sagte: Kommt ihr mit nach Jordanien? Sie sagten: Klar, kein Problem. So hat sich eine gute Art der Zusammenarbeit ergeben.

Wie viel Geld stecken Sie in Wincity, das insgesamt rund 35 Millionen kosten soll?
Wir haben im Verwaltungsrat abgemacht, dass wir das nicht sagen.

Das ist für Sie eine Investition, Sie wollen Gewinn sehen?
Es gäbe andere Investitionen, bei denen man mehr Gewinn machen könnte. Aber ich will eine Rendite, keine roten Zahlen.

1,25 Millionen – heisst es – hätten die jetzigen Investoren bereits bezahlt. Das stimmt?
Das ist der jetzige Stand für die Planung. Später sieht das dann noch ein bisschen anders aus.

Sie engagieren sich auch in der Flüchtlingshilfe mit Ihrem Hilfswerk Noiva. Was sind dort Ihre konkreten Projekte?
Wir wollen Hilfe vor Ort leisten. Was wir heute erleben mit den Flüchtlingsströmen nach Europa, ist die direkte Folge davon, dass bis jetzt sehr wenig Hilfe vor Ort geleistet wurde. Man hätte bereits vor fünf Jahren aktiv werden sollen. Wir leisten vor allem Hilfe im medizinischen Bereich. Wir sind gerade dabei, eine erste Flugzeugladung an Medikamenten zu verteilen, in den nächsten Wochen erwarten wir eine grössere Sendung. Neu arbeiten wir mit dem Roten Kreuz zusammen, das uns auch Medikamente abnimmt. Wir haben so viel medizinisches Material erhalten, dass wir nicht alles selbst verteilen können.

Wie haben Sie diese Medikamente organisiert?
Durch mein Netzwerk und meinen Freundeskreis in den Vereinigten Staaten. Das sind keine Schweizer Medikamente – leider, vielleicht schaffen wir das dann auch noch. Das sind Spenden aus der Pharmaindustrie. Es handelt sich um Medikamente mit Ablaufdatum in rund einem Jahr, kommerziell nicht mehr verwendbar, aber noch einwandfrei.

Welche Firmen gehören zu den Spendern, auch bekannte?
Wer die Hersteller sind, weiss ich nicht. Ich kenne nur meine direkten Kontakte. Das sind Freunde von mir in den Vereinigten Staaten, die auch ein Hilfswerk betreiben und gerade eine grosse Lieferung an Medikamenten erhalten haben. Weiter liefern wir in Hausbesuchen Food-Pakete aus, von denen eine durchschnittliche Familie zwei Wochen leben kann. Zudem reparieren wir Häuser. Man muss sich vorstellen: Die Flüchtlingsunterkünfte haben teils weder Fenster noch Türen und auch kein dichtes Dach. Dazu kommen unsere sportlichen Aktivitäten. Wir organisieren diverse Trainings und Lager für Jugendliche, ähnlich wie letzten Frühsommer mit Pfadi Winterthur. Was unser langfristiges Ziel ist: Wir wollen Arbeitsplätze organisieren – wenn möglich Hunderte.

Wie wollen Sie das erreichen?
Eines unserer ersten Projekte ist eine Biogasanlage, die Strom produzieren soll, denn Strom ist Mangelware in Jordanien.

Schafft das viele Arbeitsstellen?
Ja, anders als bei uns wird im Verarbeitungsprozess der Biomasse dort vieles von Hand gemacht. Dann muss das Biomaterial auch eingesammelt werden. Und der Kompost, den man als Dünger nutzen kann, wird wieder verteilt. Ein anderes Projekt: Wir führen Solarpanels ein, die wir selbst zusammenbauen und montieren. Ein drittes Vorhaben: Wir stellen aus Schafwolle Bauisolationen her. Schafwolle gibt es in Jordanien im Überfluss …

Alle Projekte befinden sich noch im Aufbau?
Die Werkstatt für die Solaranlage ist schon sehr weit. Wir haben eine Werkhalle gemietet. Die Biogasanlage ist bereits baufertig in Jordanien, und wir haben die Baubewilligung.

Wie kamen Sie dazu, ein Hilfswerk zu gründen?
Das ist die logische Folge gelebter christlicher Werte. Wenn man sieht, wie die Menschen im Nahen Osten leiden, wird einem klar: Da muss man etwas machen.

War­um in Jordanien?
Ich bereise den Nahen Osten bereits seit über zehn Jahren und habe viele Freunde dort. Als dann das Flüchtlingsdesaster losging, wollte ich handeln.

Wie finanzieren Sie Ihre Flüchtlingsprojekte? Über Ihre Stiftung Noiva?
Ja, in der Schweiz sind wir eine internationale Stiftung.

Woher haben Sie das nötige Geld für all diese Engagements?
Das sind Spenden von Privatpersonen und Firmen, auch von unseren eigenen.

Zum Beispiel von Ihrer Firma Intercorp?
Die Intercorp ist eine Holding, an die unsere Firmen angeschlossen sind. Sie ist in Wollerau im Kanton Schwyz registriert.

Und woher kommt das Geld?
Wir stehen in vielen Punkten noch am Anfang. Dar­um sind wir im Moment noch auf private Spenden angewiesen. Bei unseren Firmen ist eine Handelsgesellschaft dabei, die beispielsweise in Afrika Handel treibt. Dann gehört auch eine Goldmine in Kamerun dazu. Wir haben eine Lizenz, dort in einem grossen Gebiet Gold zu fördern.

Eine Goldmine? Wie kam das?
Auch das ist eine längere Geschichte: Ich habe in Uganda die nationale Fluglinie aufgebaut. Daraufhin fragte mich die kamerunische Regierung an, ob ich ihre Airline sanieren würde. Das habe ich mir angeschaut, doch da hätte ich das ganze Konstrukt mit Hotels und insgesamt 4000 Angestellten übernehmen müssen. Das lehnte ich ab. Die Regierung hatte daraufhin halbwegs ein schlechtes Gewissen und fragte mich, ob ich denn andere Interessen hätte. Ich fragte mehr spasseshalber, ob es in Kamerun keine Bodenschätze gebe. Am anderen Tag sassen wir beim Bergbauminister und konnten einen Minenblock pachten. Seit neun Jahren sind wir nun am Vorbereiten, einer meiner Söhne ist im Moment dort vor Ort. Ein bisschen wird bereits gefördert, demnächst wird es noch mehr sein.

Das tönt alles sehr abenteuerlich. Und den Gewinn, den Sie dort machen, investieren Sie in humanitäre Projekte?
Wir machen nicht auf der einen Seite viel Gewinn, um uns auf der anderen Seite humanitär zu engagieren. Wir sind auch in Kamerun humanitär tätig. Alles, was wir machen, ist unter dem Aspekt von christlichen Werten aufgebaut.

Sie haben schon betont, Sie stünden nicht mehr in Verbindung mit der freikirchlichen Harvest Church, die Sie einst gegründet haben. Sie arbeiten im Zeughaus aber im gleichen Büro wie das sogenannte Harvest Network?
Die Harvest Church gibt es bereits seit 2008 nicht mehr. Wir traten damals auch aus der Evangelischen Allianz aus. Wir haben gemerkt: Statt zu reden, wollen wir handeln. Damals verliessen uns einige Leute, denn wir sind jetzt keine Kirche mehr. Unsere Treffen haben sich verändert und sind nun in dem Sinne keine Gottesdienste mehr. Mit der Namensänderung haben wir dem Ausdruck gegeben: Harvest Network ist die Nachfolgeorganisation der Harvest Church. Die humanitäre Stiftung Noiva ist rechtlich gesehen eigenständig.

Der Dorfladen in Sennhof beispielsweise wurde früher von der Harvest Church betrieben, oder nicht? Und jetzt?
Der Dorfladen wurde vor fünf Jahren ins Leben gerufen. Also zur Zeit, als die Harvest Church gar nicht mehr existierte. Der Laden wird immer noch von Personen betrieben, die beim Harvest Network dabei sind, ist aber sonst unabhängig.

Was bedeutet es, beim Harvest Network Mitglied zu sein?
Wir kennen keine Mitgliedschaft. Wer im Network dabei ist, erhält die Informationen der Noiva-Stiftung, beispielsweise Einladungen, auf Einsätze nach Jordanien mitzukommen, sich in der Entwicklungshilfe oder sonst zu engagieren. Sonst nichts.

Was ist Ihre Motivation für Ihre Engagements?
Unsere Grundmotivation: Es braucht Versöhnung. Es geht uns darum, mit unseren Werten – aber ohne christlichen Schleier – Versöhnung zu stiften und humanitär tätig zu sein. Ich finde, wir sind auch als Schweizerinnen und Schweizer verpflichtet, in diesem Bereich etwas zu leisten. Die Bevölkerung sollte da tatkräftig mithelfen. Das ist unsere Vision. (Landbote)

(Erstellt: 23.11.2015, 19:02 Uhr)

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Friedensgespräche in Winterthur

Andi Kunz hat bereits das nächste Projekt aufgegleist: Im Januar soll in Winterthur ein diplomatisches Treffen stattfinden. Und er hat auch Mitglieder des Gemeinderats nach Jordanien eingeladen.
Am 9. Januar 2016 führt die Stiftung Noiva erstmals ein Noiva-Forum unter dem Titel «Brennpunkt Nahost: Chancen in der Krise» in Winterthur durch. Das Treffen soll eine Friedensinitiative für den Nahen Osten lancieren. Als Teilnehmer angekündigt sind sowohl der jordanische als auch der israelische
Botschafter in der Schweiz. «Wir machen das bewusst hier in Winterthur, in der Industrie- und
Gewerbestadt, und nicht in Davos oder Genf», sagt Andi Kunz.

Das Volk soll mitreden

Geplant sind öffentliche Diskussionsveranstaltungen in der Spenglerei an der Gärtnerstrasse, an denen sich auch die Bevölkerung beteiligen kann. «Es geht
darum, den Dialog zwischen Palästinensern in Jordanien und der israelischen Regierung wieder in Gang zu bringen», sagt Kunz. Dies sei eine Schweizer Tradition, die beispielsweise Bundesrätin Micheline Calmy-Rey stets gepflegt habe. Kunz hofft, dass allenfalls auch Vertreter des Bundes am Treffen teilnehmen. Er erklärt: «Wir wollen in Winterthur eine Plattform für Friedensgespräche im Nahen Osten bieten.»

Reise mit dem Gemeinderat

Auch Mitglieder des Winterthurer Gemeinderats sollen nächstes Jahr mit der Noiva-Stiftung nach Jordanien reisen und dort für eine Woche das Flüchtlingscamp Zaatari besuchen. Laut Andi Kunz ist Anfang März 2016 eine einwöchige Reise mit 10 bis 15 Personen geplant. «Ich bin
sicher mit dabei», sagt Gemeinderatspräsident Markus Wenger (FDP). Er habe von der Reise von Pfadi Winterthur im Juni 2015 nur Gutes gehört. «Zudem gehe ich gerne einmal vor Ort und mache mir ein Bild», sagt Wenger. «Ich packe auch gerne tatkräftig mit an, wenn das dort möglich ist.» Ob oder wie viele weitere Winterthurer Parlamentarierinnen und Parlamentarier nach Jordanien reisen, ist offen. Sicher ist: Sie bezahlen die Reise selbst.

Zur Person

Andi Kunz ist Gründer und
Präsident der Stiftung Noiva,
die ihre Büros in Winterthur
an der Zeughausstrasse 52 hat.
Zudem ist er Verwaltungsratspräsident der Intercorp Holding AG. Kunz hat Jahrgang 1956,
ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Er wohnt in Gundetswil.?

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