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TribüneAbtauchen!

Die «Landbote»-Kolumnistin Franziska von Grünigen nahm sich eine kurze Auszeit vom stressigen Corona-Alltag. Nun fühlt sie sich wie neu geboren.

Wasser diente der Kolumnistin als Kraft- und Ruheort.
Wasser diente der Kolumnistin als Kraft- und Ruheort.
Archivbild: Marc Dahinden

Kennen Sie das? Manchmal möchte man doch einfach nur abtauchen. Sich ausklinken aus Videocalls. Sich wegbeamen aus dem Haushaltschaos. Sich davonschleichen aus der elterlichen Verantwortung, wenn die Kinder trotz zahlreicher Ermahnungen wieder die verbotenen Blumen im Innenhof pflücken. Abtauchen, wenn einem die neuesten Corona-Fallzahlen und die Mundschutzlosen im ÖV Kummer bereiten. Abtauchen und eine Weile in Deckung bleiben, bis das Gröbste vorbei ist.

Genau das habe ich getan: Ich bin abgetaucht. Aber so richtig. In einem schnuckligen Therapiebad im Tösstal, auf dessen Grund sich zwei Delfine in den Wellen tummeln. Wassershiatsu heisst die Kunst, in die ich während einer Stunde eingeweiht wurde. Den Körper fallen lassen. Kontrolle abgeben. Sich der Therapeutin anvertrauen. Darum geht es beim Wassershiatsu. Und tatsächlich merke ich bereits im ersten Teil über Wasser schnell, wie der Kopf, der vielbeschäftigte, langsam zur Ruhe kommt. Dank Schwimmhilfen um Waden und Oberschenkel floate ich auf der Oberfläche, als wäre das Therapiebad das Tote Meer. Getragen, behütet, gedehnt und bewegt von Sabine, meiner Wassershiatsu-Therapeutin, gleite ich mit geschlossenen Augen und absolut schwerelos durchs 35 Grad warme Wasser. Die Gedanken werden langsam. Längst kann ich nicht mehr rational erklären, wie mir hier geschieht.

«Die Gedanken werden langsam»

Komplett in eine andere Dimension gerate ich, als mir Sabine, in deren Arme ich immer noch liege, schweigend eine Nasenklammer reicht und mich dreimal mit dem Finger antippt. Das Zeichen dafür, dass sie mich nach dem nächsten Einatmen auf Tauchgang schickt. Mit einer fliessenden Bewegung stösst sie mich in die Tiefe, dreht mich um meine eigene Achse, schickt mich sanft aber Hals über Kopf Richtung Boden, während ich meine Lungen Luftbläschen um Luftbläschen um Luftbläschen leere. So lange kann ich unter Wasser bleiben?! Sabine holt mich bei jedem Tauchgang rechtzeitig wieder an die Oberfläche. Ich vertraue ihr blind. Als sie mich, die 1.80-Frau, wie ein Baby in den Armen wiegt und Bajuschki Baju summt, mischen sich Salzwassertropfen unter das Poolwasser. Nicht umsonst heisst es, WasserShiatsu löse Blockaden auf körperlicher, psychischer und emotionaler Ebene.

Als ich aus meiner kleinen Alltagsflucht definitiv wieder aufgetaucht und angezogen bin, ist die Welt draussen zwar immer noch dieselbe, sie scheint mir aber strahlender, die Farben satter, die Gerüche intensiver. Manchmal lohnt es sich, für einen Moment abzutauchen, um die Welt danach - gestärkt und wie neu geboren - mit neuem Blick zu sehen. Tauchen Sie ab!

Franziska von Grünigen ist Radiofrau, Audiobiografin und Winterthurerin.