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Fliegen in Zeiten von CoronaAirlines wollen Mittelplatz nicht frei lassen

Erste Länder lockern die Reisebestimmungen. Nun geht der Kampf darum los, unter welchen Bedingungen Swiss und Co. wieder Passagiere transportieren dürfen.

Die Swiss hat einen Teil ihrer Maschinen in Dübendorf geparkt. Im Juni soll das Flugangebot wieder ausgedehnt werden.
Die Swiss hat einen Teil ihrer Maschinen in Dübendorf geparkt. Im Juni soll das Flugangebot wieder ausgedehnt werden.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Es besteht noch Hoffnung für die Luftfahrtindustrie. In vielen europäischen Ländern werden rechtzeitig vor Beginn der Sommerferien die Restriktionen gelockert. Tourismusverbände machen Druck, auch internationale Reisen wieder zu ermöglichen, um den Kollaps von Hotels und Reiseveranstaltern zu verhindern. Aber geht das? Sich einfach wieder in ein enges Flugzeug setzen mit Hunderten anderer Passagiere, ohne das Coronavirus doch noch einzufangen?

Die Antwort der Industrie ist ein eindeutiges Ja. Die Branche arbeitet seit Wochen an Konzepten, wie sie Flugreisen wieder im grossen Stil ermöglichen kann, und behauptet, dass die gesundheitlichen Risiken sehr beherrschbar seien.

An den Flughäfen müssten die Abstandsregeln gewahrt werden, durch neue Verfahren beim Einchecken und Einsteigen. Unbedingt verhindern wollen die Airlines allerdings, dass sie an Bord Sitze freilassen müssen, damit die Passagiere nicht zu eng nebeneinander sitzen. Sie argumentieren, dass es wirtschaftlich nicht machbar sei, halb leere Flugzeuge durch die Gegend zu fliegen. Und in Sachen Gesundheitsschutz sei es auch nicht notwendig.

Leere Sitze heisst leere Kassen

Die Kalkulation ist die folgende: Wenn immer der Nachbarsitz frei bleiben müsste, dann könnten Airlines laut International Air Transport Association (Iata) nur 62 Prozent aller Sitze verkaufen. Da auf einem Flug selten alle Plätze wirklich gefüllt sind, wäre die tatsächliche Auslastung noch deutlich geringer. Airlines verdienen aber erst ab einer Auslastung von etwa 75 Prozent Geld – gemessen an den Preisen, die sie vor der Krise erreicht haben.

Die Iata geht aber davon aus, dass die Preise angesichts eines riesigen Angebots – Airlines wollen Zehntausende herumstehende Flugzeuge möglichst schnell wieder einsetzen – und eher schwacher Nachfrage bis weit ins Jahr 2021 deutlich unter das Vorkrisenniveau sinken werden. Um überhaupt eine Chance auf Gewinne zu haben, müssen die Maschinen also noch besser gefüllt werden. Oder die Preise müssten gemäss dem Branchenverband theoretisch um die Hälfte oder mehr steigen – dann fliegen aber umso weniger Passagiere.

Das Problem liesse sich vermeiden, wenn aus Sicht des Gesundheitsschutzes nichts dagegen spräche, alle Sitze zu füllen. «Es hat keinen Sinn, den Mittelsitz frei zu lassen», sagt Airbus-Chefingenieur Jean-Brice Dumont. Die Luft in einem Flugzeug werde alle zwei bis drei Minuten komplett ausgetauscht, es gebe Filter, die auch bei Viren wirken. Die Qualität der Luft entspreche der in einem Operationssaal.

Die Swiss erklärt, dass sie die Mittelsitze grundsätzlich weiter verkauft – allerdings nur dann, wenn es das Zielland erlaubt.

Auch die Art und Weise, wie die Luft an Bord zirkuliert, helfe beim Schutz: Sie strömt von oben nach unten und wird unter dem Kabinenboden zu den Filtern geführt, wo auch die frische Luft aus der Umgebung des Flugzeuges beigemischt wird. Viel wichtiger sei, dass die Passagiere und das Personal sich richtig verhalten, also vor allem Masken tragen, und dass die Flugzeuge gründlich gereinigt werden.

Drei Verdachtsfälle

Der Flugmediziner David Powell hat im Auftrag der Iata untersucht, wie gross das Risiko ist, sich Covid-19 an Bord von Flugzeugen einzufangen. In den bisher veröffentlichen Studien gibt es laut Powell keinen einzigen gesicherten Fall. Eine Umfrage bei Airlines, die rund 14 Prozent des weltweiten Luftverkehrs repräsentieren, ergab drei Verdachtsfälle, in denen Passagiere sich bei Crew-Mitgliedern angesteckt haben könnten, sowie vier Fälle, bei denen die Übertragung zwischen Piloten passiert sein könnte. Es ist allerdings unklar, ob an Bord oder anschliessend im Hotel. Kein einziges Mal haben sich demnach Passagiere gegenseitig angesteckt.

Die Swiss erklärt dazu, dass sie die Mittelsitze grundsätzlich weiter verkauft – allerdings nur dann, wenn es das Zielland erlaubt, was in Italien zum Beispiel nicht der Fall sei. «Nach Möglichkeit lassen wir die Mittelsitze frei und verkaufen sie als letzte», fügt ein Sprecher an. Zudem werde allen Passagieren das Tragen einer Maske empfohlen.