Atzmännig

Als der Wüstenbussard ausbüxte

Wenn die Dämmerung anbricht, nimmt Falkner Rochus Brotzer Interessierte mit auf eine Greifvogelwanderung. Eine Geschichte über den Fernsehstar Bartli, kitzelige Eulen und Wüstenbussarde, die plötzlich das Weite suchen.

Sie sorgt für Furore: Sorona, der Wüstenbussard, auch Harris Hawk genannt, mit Praktikant Manuel Häfliger.

Sie sorgt für Furore: Sorona, der Wüstenbussard, auch Harris Hawk genannt, mit Praktikant Manuel Häfliger. Bild: Ramona Kriese

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Es ist eine Fahrt ins Nebelmeer. Mit jedem Meter, den die Sesselbahn nach oben ruckelt, werden die Nebelschwaden dichter, die Luft kühler. Wie ein Schleier legt sich der Nebel über die Baumwipfel. Oben auf der Bergstation, 1200 Meter über Meer, wartet der Falkner. Auf seinem Arm sitzt ein Vogel mit dunklem Gefieder und ebenso dunklen, wachen Knopfaugen. Es ist ein Malaienkauz, wird der Falkner später erzählen – ein Vogel, der in seiner Herkunftsregion Südostasien wegen verbreiteten Aberglaubens bedroht ist: Schwangere Frauen würden nach seinem Anblick ihr Kind verlieren, heisst es.

Eine kleine Gruppe schart sich um den Falkner. Zehn, zwölf Personen, eingemummt in dicke Jacken, wollen Rochus Brotzer auf seiner Dämmerungswanderung auf dem Atzmännig begleiten (siehe Kasten). Manche haben seine Greifvogelflugshow am Nachmittag gesehen und sich spontan angeschlossen. Sie kennen schon einige von Brotzers Greifvögeln – etwa den kecken Bartkauz Bartli, der kürzlich in der SRF-Sendung «Happy Day» seinen grossen Auftritt hatte. Doch nicht nur Bartli ist ein Fernsehstar. Auch Maja, der Malaienkauz mit den grossen, nachdenklich wirkenden Augen, stand für «Happy Day» vor der Kamera: Für einen Aussendreh machte Maja die «Harry Potter»-Kulisse perfekt.

Zwei Greifvögel hat Falkner Rochus Brotzer auf der Wanderung mit dabei. Nebst Maja ist dies ein Wüstenbussard mit Namen Sorona. Der Vogel trägt ein kleines Glöckchen am Fussgelenk und wird an diesem Abend noch für Furore sorgen. «Sorona ist sechs Monate alt», erklärt Brotzer, «sie ist quasi in der Pubertät.»

Eulen für die Hochzeit

Rochus Brotzer betreibt mit seiner Frau Nadja eine Greifvogelstation in Reichenburg. Rund 15 Eulen und Greifvögel gehören zur Zucht – dar­un­ter etwa Steppenadler, Gerfalken und ein Sibirischer Uhu. Manche Vögel hat Brotzer von klein an aufgezogen: Dazu gehört Bartli, der Bartkauz aus dem Fernsehen. Er ist dem Falkner besonders ans Herz gewachsen. Brotzer betreibt eine mobile Falknerei: Für Flugshows und Besuche von Schulklassen ist er in der ganzen Schweiz unterwegs. Zudem setzt er seine Habichte bei Landwirten ein, um Krähen aus den Maisfeldern zu vertreiben. Seine Greifvögel sind ausserdem ein beliebtes Sujet für Fotoshootings oder Musikvideos. Erst kürzlich klopfte Stefanie Heinzmann beim Falkner an: Sie wünscht sich die imposanten Vögel für ihren nächsten Musikclip.

Ebenfalls ganz oben auf der Liste sind Hochzeiten. Maja, der Malaienkauz, fliegt in der Kirche hin und wieder die Ringe zum Altar.

Auf den Baum entwischt

Nach einem zehnminütigen Fussmarsch macht der Falkner einen ersten Stopp. Er erzählt, dass Eulen schlecht sehen, auf kurze Distanzen sogar fast blind sind. Dafür hören sie umso besser. Mit Klopf- und Pfeifgeräuschen lockt der Falkner sie aus der Entfernung auf seinen Arm. Auf Klopfgeräusche reagiert auch der Wüstenbussard Sorona. Um dies zu demonstrieren, lässt Brotzer Sorona vom Arm seines Praktikanten Manuel Häfliger zu einer Freiwilligen aus der Gruppe fliegen. Doch auf halbem Weg entscheidet sich Sorona anders – und steuert auf eine hohe Baumkrone zu. Nur das Glöckchen am Fussgelenk verrät, wo sie sich versteckt hat. Jetzt sind die Fähigkeiten des Falkners gefragt. Er pfeift mehrmals, ruft den Vogel, klopft auf seinen Falknerhandschuh. Da endlich: Sorona fliegt im Steilflug zurück zu ihrem Besitzer.

Der Boden ist aufgeweicht, an den Schuhen kleben kleine Dreckklumpen. «Jetzt auszurutschen, mit dem Vogel auf der Hand, wäre fatal», sagt Brotzer: «Maja würde mir nie wieder auf den Arm sitzen.» Vögel, erklärt er, speichern nur die negativen Erinnerungen.

Die Taube als Lockvogel

Brotzer lässt Sorona ein zweites, ein drittes Mal fliegen. Beim letzten Mal – vielleicht ist es der Regen – bleibt sie hartnäckig in den Baumwipfeln. Alles Klopfen, Pfeifen und Locken nützt nichts. Sogar die tote Taube am Federspiel, die Manuel Häfliger hin- und herhüpfen lässt, bleibt wirkungslos. Die Gruppe wandert weiter ins Tal – Häfliger bleibt zurück: Für ihn ist Geduld gefragt.

Währenddessen erzählt Brotzer von den acht Eulenarten, die es in der Schweiz gibt. Davon, dass Uhus mit Vorliebe Igel verspeisen und die Stachelhülle leer im Wald zurücklassen. Und dass es kitzelige Eulen gibt. Brotzer selbst hat eine solche: Krault er den Sibirischen Uhu am Hals, fängt der Vogel an zu kichern.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Die Talstation Atzmännig liegt nur noch wenige Meter entfernt. Was, wenn Sorona noch immer auf dem Baumwipfel sitzt? Über Nacht würde der Wüstenbussard wohl dort ausharren, sagt Brotzer, doch in der Früh müsste er zurückkehren, um den Vogel erneut anzulocken.

Das Handy klingelt in der Jackentasche des Falkners. Am Telefon ist sein Praktikant Manuel. «Er hat sie.»

Erstellt: 21.10.2015, 08:08 Uhr

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