St. Gallenkappel

Als Erstes kommen die Kleider in den Tiefkühler

Wie leben die Asylbewerber in der ­Zivilschutzanlage? Interessierte erfuhren gestern, war­um die Flüchtlinge gern Wäsche waschen, wann sie ihre Kleider einfrieren müssen und wieso die Türklinken ­dreimal täglich desinfiziert werden.

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An diesem Nachmittag fällt das Fussballspielen aus. Der grosse Kiesplatz ge­gen­über der Zivilschutzanlage muss kurzfristig als Parkplatz herhalten. Hier, wo sich sonst Asylbewerber zum Fussballspielen treffen, fährt ein Auto nach dem anderen auf. Es ist Tag der offenen Tür im Asylzentrum Holz in St. Gallenkappel. Die Menschen, die an diesem Nachmittag hier ihre Autos parkieren, möchten wissen, wie die Asylbewerber in der Zivilschutzanlage leben, wie ihr Alltag aussieht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Hundert Asylbewerber sind seit einem Monat vorübergehend im Asylzentrum Holz untergebracht, 89 Männer und 11 Frauen. Die Zivilschutzanlage dient dem Kanton St. Gallen als Überbrückungsort, weil alle kantonalen Zentren überlastet sind.

«Grüezi, Boss»

Der Weg zu den Asylbewerbern führt tief ins Innere des dicken Gemäuers. Wenn die Flüchtlinge hier ankommen, so erfahren die Besucher, müssen sie als Erstes unter die Dusche. Ihre Kleider kommen in eine Plastiktüte und werden eingefroren: zwei Tage lang, bei minus 18 Grad. So wird verhindert, dass Keime eingeschleppt werden, erklärt Christian Simoness. Simoness, die Asylbewerber nennen ihn «Boss», unterstützt die Zen­trumsleitung vor Ort. Er ist derjenige, der im Schuhraum die Bilder und Hinweistafeln aufhängt, damit Ordnung herrscht: ein lachendes Gesicht neben einem aufgeräumten Schuhregal, ein trauriges neben einem chaotischen. «Manchmal verständigen wir uns mit Händen und Füssen», sagt er. Simoness hat den Draht zu den Flüchtlingen gefunden, das wird schnell klar. Eine Gruppe von jungen Männern ist auf dem Weg in den Waschraum. Grüezi, Boss, tschüss Boss. «Uf Wiederluege», korrigiert Simoness.

Einige Brocken Deutsch können die Asylbewerber bereits. Der Deutschunterricht ist nicht obligatorisch, doch neun von zehn Asylbewerbern drücken regelmässig die Schulbank. Zwischendurch mit Dolmetschern, ansonsten auf Englisch, mithilfe von Bildkärtchen, notfalls halt wieder mit Händen und Füssen.

Nicht nur der Sprachunterricht gibt den Menschen im Asylzentrum Holz eine Tagesstruktur. Punkt zehn Uhr morgens müssen alle das Haus verlassen. Dann steht Putzen auf dem Programm: Manche sammeln auf dem Kiesplatz herumliegenden Abfall auf, andere schrubben die Toiletten und Duschen. Peinliche Sauberkeit ist wichtig, wenn Menschen auf so engem Raum zusammenleben, erklärt Simoness. Die Türklinken etwa würden dreimal täglich desinfiziert. Dass jemand krank werde, wolle man unbedingt vermeiden.

60 Rappen für die Zahnbürste

Zudem gibt es klare Ämtli unter den Bewohnern: Wäsche zu waschen, ist besonders beliebt. Einen regelrechten Run beobachtet Simoness jedes Mal auf diese Aufgabe. Mit dem Ämtli, erklärt er, können sich die Asylsuchenden ein bisschen Extrageld verdienen. Ansonsten gibt es für alle drei Franken Taschengeld pro Tag, einen weiteren Franken für Kleider sowie 60 Rappen «Hygienegeld» für Seife, Shampoo und Zahnbürste.

Bevor um 22 Uhr Nachtruhe ist, haben die Asylbewerber an diesem Abend Gesellschaft beim Essen. Es gibt Wurst, Kartoffelsalat und Tee. «En Guete, Boss.» ()

Erstellt: 10.12.2015, 08:07 Uhr

Zunehmend mehr Flüchtlinge aus Afghanistan

Die Asylunterkünfte im Kanton St. Gallen sind im Moment zu 135 Prozent ausgelastet. «Überall dort, wo es noch Platz hat, wird eine Matratze hingestellt», sagte der kantonale Asylkoordinator Urs Weber gestern zu den anwesenden Besuchern. In einer kurzen ­Einführung präsentierte er den Interessierten Zahlen und Fakten zur aktuellen Flüchtlings­­situa­tion im Kanton St. Gallen. ­Aktuell kommen im Kanton pro Woche 80 bis 110 Asylbewerber an. Sie kommen vor allem aus Eritrea, Afghanistan und aus ­Syrien. Aus Afghanistan kämen in jüngster Zeit besonders viele – «oft ganze Familienclans».

Ende Oktober zählte der Kanton St. Gallen insgesamt 1552 Asylsuchende, einen Monat später waren es 1900. Ende Jahr werden es wohl gegen 2000 sein, schätzt Weber. Rund drei Tage bevor Asylsuchende jeweils eintreffen, werden die kantonalen Behörden informiert. Nach sechs bis neun ­Monaten in einem kantonalen Zen­trum werden die Flüchtlinge auf die 77 St. Galler Gemeinden verteilt.

Die jüngste Asylbewerberin, die in St. Gallen registriert wurde, war ein sechsjähriges Mädchen. Wie Weber sagte, war sie allein mit ihrem zwölfjährigen Bruder auf der Flucht. Insgesamt sind es kantonsweit 140 minderjährige Asylsuchende, die unbegleitet unterwegs ­waren. Sie werden schnellstmöglich in Pflegefamilien untergebracht. (rkr)

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