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Streit mit Gewerkschaften Amazon darf Beschäftigte nicht
in Kurzarbeit schicken

In Frankreich sind die Logistikcenter des US-Riesen geschlossen. Ursache ist nicht die Corona-Krise an sich, sondern ein Kampf mit den Gewerkschaften.

Amazon-Mitarbeiter streikten im März vor einem Logistikcenter in Lauwin-Planque, im Norden Frankreichs. Sie forderten besseren Schutz vor Ansteckung.
Amazon-Mitarbeiter streikten im März vor einem Logistikcenter in Lauwin-Planque, im Norden Frankreichs. Sie forderten besseren Schutz vor Ansteckung.
Foto: Pascal Rossignol/Reuters

Der Antrag auf Kurzarbeit war dann vielleicht doch ein bisschen zu viel: Das Gesuch, das Amazon in Frankreich für etwa 10’000 Mitarbeiter aus sechs Versandlagern gestellt hatte, werde abgelehnt, teilt das Pariser Arbeitsministerium mit. Schliesslich sei der Rückschlag, den Amazon in Frankreich zurzeit trotz des Onlinebooms der Corona-Krise zu verkraften hat, nicht auf eine Abnahme der Geschäftstätigkeit zurückzuführen, sondern auf ein Gerichtsurteil. «Und dafür ist die Kurzarbeit nicht gedacht.»

Was war passiert? Im April hatte Amazon in Frankreich in zwei Instanzen gegen Gewerkschaften verloren. Sie hatten wegen mangelhafter Vorkehrungen zum Schutz der Mitarbeiter vor dem Coronavirus geklagt und recht bekommen. Darauf zog es der US-Konzern vor, seine französischen Warenlager einfach dichtzumachen, obwohl er den Urteilen zufolge «essenzielle» Güter wie Lebensmittel oder Hygieneartikel weiterhin verkaufen darf.

Kampf ums Prinzip

Die betroffenen Beschäftigten bekommen nun also kein Kurzarbeitergeld – können aber auch nicht an den Arbeitsplatz zurück: Eine zunächst für vergangenen Mittwoch geplante Wiedereröffnung der Lager hat der Konzern kurzfristig verschoben. Amazon, bis zum Ausbruch des Coronavirus eine wahre Geldmaschine, begründet das mit einem juristischen Risiko, das Milliarden kosten könne.

Das Milliardenrisiko, mit dem Amazon konfrontiert ist, wirkt vor allem wie die Quittung für die notorisch schlechten Beziehungen, die der Onlinehändler auch in Frankreich mit den Gewerkschaften unterhält. Die wiederum nutzen das Coronavirus, um Amazon in einen Kampf zu zwingen, in dem es längst mehr ums Prinzip geht als um den Schutz vor der Krankheit. Denn das Unternehmen hat die Mitarbeiter in den Lagern schon früh mit grossem Aufwand mit Corona-Schutz ausgestattet. Vor Gericht aber ging es vor allem darum, dass Amazon dabei Mitbestimmungsrechte missachtet hat. Konzernchef Jeff Bezos mag in der Krise betonen, wie sehr ihm das Wohlergehen der Mitarbeiter am Herzen liege. Als Freund organisierter Arbeitnehmerinteressen ist er nicht bekannt.

Kurzarbeit-Antrag ist «unanständig»

Die französischen Amazon-Gewerkschaften zeigen sich nun zwar empört über den Kurzarbeit-Antrag. Er sei «regelrecht unanständig». Zugleich versuchen sie eine Deeskalation: Sie bieten der Geschäftsführung eine allmähliche Wiederaufnahme der Arbeit mit verkleinerten Teams an; parallel wollen sie – wie es die Richter aufgegeben haben – mit dem Arbeitgeber die Ansteckungsrisiken bewerten, um zu einer gemeinsamen Linie zu gelangen. Denn auch die Arbeitnehmer stehen unter Druck: Während die französischen Lager dicht sind, beliefert Amazon den Markt von deutschen oder belgischen Standorten aus.

«Wir hoffen, dass wir die Lagerhäuser schnell wieder öffnen können», sagt die Amazon-Sprecherin. Zuvor müssten aber die juristischen Risiken ausgeräumt werden. Das Gerichtsurteil sieht drakonische Geldstrafen vor, sollte Amazon vor einer Einigung mit den Gewerkschaften «nicht essenzielle» Artikel verschicken, etwa Bücher: 100’000 Euro je Artikel, der versehentlich doch versandt werde. Selbst bei einer Fehlerquote von 0,1 Prozent könne das angesichts von Millionen Bestellungen schnell teuer werden, heisst es bei Amazon.

12 Kommentare
    Jean-Pierre Neidhart

    Jeff Bezos, der Boss von Amazon, verdient 100 Millionen Dollar pro Tag. Da wird er sich die Lohnfortzahlung seiner Lohnsklaven doch locker leisten koennen.