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TribüneAn schiefen Tagen

Die katholische Gemeindeleiterin und «Landbote»-Kolumnistin erkennt am Ende eines schwierigen Tages, wie wertvoll eine kurze Pause ist.

Doch plötzlich wie aus dem Nichts kehrt sich das Blatt.
Doch plötzlich wie aus dem Nichts kehrt sich das Blatt.
Archivfoto

Wir kennen solche Tage. Man würde sie am liebsten aus dem Kalender streichen. Alles läuft schief, man kommt zu nichts, es scheint nur noch Missverständnisse zu geben, und am Abend ist man nur ausgelaugt. Doch plötzlich wie aus dem Nichts kehrt sich das Blatt. Eine spontane Einladung zu Freunden in den Garten. Und schon ist alles anders. Ich fühle mich leicht, beschwingt, obwohl noch ein paar Schatten aus dem Tag an mir hängen geblieben sind. Ich bin wieder bei mir, hier kann und darf ich einfach sein.

Ganz bei mir sein, spüren wie es mir geht, spüren, wie es den Menschen um mich herum geht, das fühlt sich gut an. Das Gegenteil kennen wir aus einer alten Redewendung «Ausser sich sein»! Sich nicht mehr spüren, nur noch agieren, vielleicht wütend um sich schlagen, Rechtfertigung an Rechtfertigung setzen oder in Schockstarre geraten. Und es hilft nicht, wenn mir dann einer sagt: Gelassenheit ist das Lebenselixier oder Harmonie der Seele das höchste Gut… Es hilft nicht, auch wenn die Aussagen noch so wahr sind.

Beim Sitzen im Garten spüre ich, was ich gebraucht hätte vor Stunden an diesem schiefen Tag: einen Spaziergang im Wald, schweigend in die Kirche sitzen (die ja nur ein paar Schritte von meinem Büro entfernt ist), den flackernden Kerzen zusehen und auf den eigenen Atem lauschen. Gebet nennt man das auch, Gebet ohne Worte. Vielleicht hätte eine halbe Stunde bewusste Auszeit schon genügt. Ich habe sie mir nicht genommen…

«Ich habe meine Zweifel, ob sich in unserer Gesellschaft wirklich etwas verändert.»

Monika Schmid, Gemeindeleiterin von Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten

Die vergangenen Wochen haben mich verletzlicher gemacht, dünnhäutiger, und das stelle ich auch bei anderen Menschen fest. Neben den viel beschworenen Werten wie Solidarität, Nachbarschaftshilfe, ja Nächstenliebe fällt mir auf, dass auch die Drehung um sich selber ihre alten Blüten treibt. Nur der eigene Blickwinkel zählt, und nur der. Ich habe meine Zweifel, ob sich in unserer Gesellschaft wirklich etwas verändert oder ob wir früher oder später, eher früher, wieder im gewohnten Tramp sind, meist eher ausser uns: besser, schneller, ich will, jetzt sofort. Was mir nicht passt, ist sowieso sch…, und alle, die eine andere Meinung haben, kommen halt nicht draus.

Eine halbe Stunde Auszeit, bei mir sein, wohlwollend Ja sagen zu mir, mit der Fähigkeit zum selbstkritischen Eigenblick. Daraus Kraft schöpfen, um dann auch wieder ganz und ohne Überforderung bei den anderen zu sein. So geraten auch schiefe Tage wieder ins Lot. Das versöhnliche Ja, ein Zauberwort.

Monika Schmid, Theologin, Gemeindeleiterin katholische Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten