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TribüneAn Tagen wie diesen

Die Anwältin und «Landbote»-Kolumnistin Eva Ashinze verwünscht Bett, Mann und Tochter. Zum Glück hat sie auch noch einen Hund.

Es riecht nach Sommer, nach Lindenblüten und Rosen.
Es riecht nach Sommer, nach Lindenblüten und Rosen.
Foto: Barbara Vetterli.

In der Nacht mache ich kein Auge zu. Die Mittelstrebe unseres Betts hat sich gelöst, es hängt nun durch. Wenn mein Mann sich im Schlaf dreht, bewegt sich auch meine Matratze. Zu allem Übel rollen wir aufgrund der Schräglage langsam Richtung Bettmitte. So viel nächtliche Nähe ertrage ich nicht. Ich wuchte die Matratze auf den Boden. Auch dort will der Schlaf nicht kommen. Ich verwünsche das Bett, meinen Mann und meine Tochter, die unsere Schlafstätte als Trampolin missbraucht und so massgeblich zu dieser Situation beigetragen hat.

«Als könnte ich im Lesen Erlösung finden, wenn ich denn nur
auf eine wirklich erfreuliche Nachricht stossen würde.»

Eva Ashinze, Anwältin und Krimiautorin

Nun sitze ich am Computer und sollte arbeiten: Eine Kolumne verfassen, Stellung nehmen zu einem Gutachten. Die Müdigkeit lastet wie eine bleierne Decke auf mir, ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Anstatt zu schreiben, surfe ich im Internet, verschlinge alles über die Katastrophen dieser Welt, die Ausbreitung der Pandemie, die unzähligen Covid-Toten.

Ich lese über diesen orangefarbenen Mann, der Präsident eines Landes ist und der anscheinend mit Vorliebe Hass und Missgunst sät. Ich lese von Menschen, die immer noch meinen, Rassismus gehe sie nichts an, weil in ihrem Dorf keine «Dunkelhäutigen» leben. Und ich denke an meinen Sohn, der im Bus ausgelacht worden ist und deswegen seine krausen Haare abrasiert hat.

Ich weiss, dass ich einkaufen gehen müsste, aber ich mag mich nicht in einen Supermarkt begeben, in die Gänge voll buntem Schrott in sinnloser Plastikfolie, die irgendwann die grosse Pazifikmüllinsel noch grösser machen wird. Ich bin wütend und traurig über den Zustand der Welt, und ich lese, als könnte ich im Lesen Erlösung finden, wenn ich denn nur auf eine wirklich erfreuliche Nachricht stossen würde, aber je mehr ich lese, desto mehr entfachen sich meine Wut und Traurigkeit.

Schliesslich gebe ich auf, so zu tun, als würde ich arbeiten, und schnappe mir Hund und Leine. Draussen scheint die Sonne, es riecht nach Sommer, nach Lindenblüten und Rosen. Der Refrain von «An Tagen wie diesen» der Band Fettes Brot geht mir durch den Kopf: «Absolute Wahnsinnsshow im Fernseh'n und im Radio, die Sonne lacht so schadenfroh, an Tagen wie diesen ...»

Ich streife lange durch die Gegend. An einem Gewässer halte ich schliesslich inne. Ein Reiher steht – den langen Hals gereckt – unbeweglich da. Eine blau schimmernde Libelle landet auf einem Blatt. Der Wind kräuselt die in der Sonne glitzernde Wasseroberfläche. So viel Schönheit in dieser Welt.

Eva Ashinze ist Anwältin und Krimiautorin und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.