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Reformation in WinterthurArm und ein Bleischild um den Hals

Das erste Buch zur Reformation in Winterthur bringt zwar keine neuen Erkenntnisse, zeichnet aber ein lebendiges und eindrückliches Bild dieser Zeit.

Eine kleinere Landstadt: Winterthur um 1648, mit Blick in Richtung Süden.
Eine kleinere Landstadt: Winterthur um 1648, mit Blick in Richtung Süden.
Foto: Museum Lindengut, Winterthur

Im Mittelalter hatte sich die Kirche um die Armen gekümmert. Mit der Reformation übernahm die Stadt diese Aufgabe. Und formulierte sogleich ein ehrgeiziges Ziel, dass nämlich künftig «enkein Armer under uns sin soll», wie es in der «Armenordnung» von 1525 heisst: dass es also in der Stadt keine Armen mehr geben soll.

Das Betteln auf der Strasse war nun verboten. Einheimische Almosenempfänger wurden gekennzeichnet, sie mussten ein Bleischild mit dem Stadtwappen oder einem Sinnspruch gut sichtbar um den Hals tragen, in der Art einer Halskette, und sie durften kein Wirtshaus betreten; auswärtige Bedürftige wurden verpflegt und anschliessend weggeschickt. «Unverkennbar trug die neue Armenpolitik stark moralisierende und polizeiliche Züge», schreibt Peter Niederhäuser in «Winterthur im Wandel», dem ersten Buch zur Reformation in Winterthur.

Das Stichwort «Moralisieren» muss man ganz wörtlich nehmen: Wer auf Gaben angewiesen war, musste sich öffentlich demütigen, indem er nach dem Gottesdienst vor die versammelte Gemeinde trat, um die Almosen in Empfang zu nehmenmeist Geld, Kleider oder Brot. Das heisst, Arme wurden zur Schau gestellt. Immer mehr waren davon betroffen, die sozialen Unterschiede verstärkten sich zunehmend in dieser Zeit, schreibt Niederhäuser. So waren es an einem einzigen Tag im Mai 1531 nicht weniger als 450 Personen, die Almosen erhielten.

Winterthur macht, was Zürich will

Aus Winterthur kam kein eigenständiger Beitrag zur Reformation. Zu nahe war Zürich, unter dessen Herrschaft man stand. Der Reformator Zwingli hatte dort 1519 sein Amt angetreten und förderte anfänglich die Verbreitung der Schriften des «Erfolgsautors» Luther, was sich auch in den Beständen der Winterthurer Bibliotheken spiegelt. Winterthur war eine kleinere Landstadt mit etwas mehr als zweitausend Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Stadt vollzog die reformatorischen Änderungen «in aller Stille und starker Anlehnung» an Zürich. So sah es der «Landbote» schon 1961 in der damaligen Wochenendbeilage «Sonntagspost».

«Winterthur vollzog die Änderungen in aller Stille.»

«Sonntagspost», Wochenendbeilage des «Landboten», 1961

Der Winterthurer Historiker Niederhäuser, drei Mitautoren und eine Mitautorin zeichnen kein grundsätzlich neues Bild der Ereignisse. Das können sie gar nicht, weil es sehr wenige Dokumente gibt. Hauptquelle ist die Chronik von Laurenz Bosshart, Chorherr im Stift Heiligberg. Die Abschnitte über die Reformation sind darin «erstaunlich kurz und inhaltsarm», wie Rudolf Gamper schreibt. Grosse Streitpunkte oder Umwälzungen gab es kaum, vermutlich auch keinen Bildersturm, man ergab sich in die Neuerungen. Der Titel des Buches wird dann in der Überschrift des zentralen Kapitels sogar infrage gestellt: «Winterthur im Wandel?»

Aber die Autoren liefern reiches Anschauungsmaterial zu dieser Umbruchzeit, am eindrücklichsten zum Wandel der Predigt und zum Armenwesen, das gemäss Niederhäuser zu den wichtigsten Neuerungen der Reformation zählte.

Unruhen und Ausschreitungen

Im näheren und weiteren Umfeld war durchaus etwas los. Das Kloster Ittingen wurde im Juli 1524 geplündert und angezündet. Auch Bauern aus der Region Winterthur waren daran beteiligt, wie einem amtlichen Verzeichnis zu entnehmen ist. Zwei Beispiele daraus zeigen, wie bescheiden das Raubgut war: «Uli Strasser genannt Brid von Wiesendangen, Weberknecht, nahm ein Altartuch und machte daraus ein Hemd.» «Erhart Hasler aus Rickenbach hat eine Mönchskutte genommen, gab sie wieder.»

Auch für Zürich war der Klostersturm im Grenzgebiet von Zürich und Thurgau eine einschneidende Erfahrung. Als sich dann im Jahr darauf an Pfingsten mehrere Tausend Bauern beim Kloster Töss versammelten und Ausschreitungen nur mit Glück vermieden werden konnten, wurde ein Exempel statuiert: Dem Bauern Heini Süsstrunk aus Hünikon wurde in Zürich der Prozess gemachtein klassischer Sündenbock. Die Strafe war hart: Wegen «Zusammenrottens in Trunkenheit und der aufrührerischen und mutwilligen Handlung» wurde Süsstrunk mit dem Schwert geköpft.

Buchhaltung der Seelen

Derweil produzierte Winterthur vor allem Verwaltungsdokumente. Viele neue Verzeichnisse entstanden, darunter die Kirchenbücher, in denen Taufen, Eheschliessungen und Todesfälle vermerkt wurden, eine Art «Buchhaltung der Seelen», wie Niederhäuser schreibt, der hier die Anfänge des Zivilstandswesens erkennt.

Am spannendsten findet der Historiker ein Dokument des Rates, das die Zukunft des Kirchenvermögens regelt. Denn darin wurden die aufzuhebenden Pfründen (kirchliches Vermögen) und die in der Stadtkirche vorhandenen Wertsachen systematisch erfasst: Die Liquidation habe «die stattliche Summe von 1500 Pfund» eingebracht, schreibt Niederhäuser. Das entspreche dem Wert von zehn bis fünfzehn Häusern in der Altstadt.

Fast wäre Zwingli gekommen

Auch auf viele Detailfragen gehen die Historiker ein: Was passierte mit den Geistlichen? Was verdient ein Pfarrer? Was passierte mit den Konventen, also dem kleinen Frauenkonvent in der Altstadt (Sammlung) und dem Chorherrenstift Heiligberg? Ein eigenes Kapitel erhält das Kloster Töss. Weitere Abschnitte widmen sich dem vorreformatorischen Winterthur, dem Konstanzer Bischof Hugo von Hohenlandenberg und dem Thema «Predigen in Winterthur».

Zwinglis Geist prägte den Winterthurer Alltag für lange: Statue des Zürcher Reformators über dem Eingang des im 19. Jahrhundert erbauten Museums Reinhart am Stadtgarten.
Zwinglis Geist prägte den Winterthurer Alltag für lange: Statue des Zürcher Reformators über dem Eingang des im 19. Jahrhundert erbauten Museums Reinhart am Stadtgarten.
Foto: Peter Niederhäuser

Die 1475 eingerichtete Prädikatur (deutschsprachige Predigerstelle) an der Stadtkirche sei besonders gut dokumentiert, schreibt Rudolf Gamper. Sie ist von besonderer Bedeutung, denn die Predigt in der Volkssprache beeinflusste das Verhalten der Menschen direkt. 1517 suchte man einen neuen Prediger, und einige Ratsherren fragten Huldrych Zwingli an, der noch in Einsiedeln wirkte.

«Wie hätte sich die Reformation entwickelt, wenn Zwingli die Stelle in Winterthur angenommen hätte?»

Rudolf Gamper, Historiker

Zwingli zeigte zuerst Interesse, doch dann lehnte er ab, auf Druck aus seinem persönlichen Umfeld; sein rhetorisch ausgefeilter Absagebrief ist im Band übersetzt wiedergegeben. Damals ahnte niemand, dass Zwingli bald die Zürcher Kirche reformieren würde. «Wie hätte sich die Reformation wohl entwickelt, wenn Zwingli die Stelle als Prädikant in Winterthur angenommen hätte?», fragt Gamper.

Loslösung vom Papst

Fesselnd und gut verständlich schildert Gamper in der Folge die Entwicklung von der Prädikatur zur reformierten Pfarrstelle, die mit der Wahl von Heinrich Lüthi aus Richterswil im Februar 1525 endete. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der städtische Rat, der zunächst zwischen Zürich und dembekanntlich aus Hegi stammendenKonstanzer Bischof lavierte.

Schliesslich nahm der Rat die Leitung der Kirche selbst in die Hand: Am 15. Februar 1524 liess er die Winterthurer Geistlichen Gehorsam schwören und beendete damit die Herrschaft des Bischofs von Konstanz und der vom Papst geleiteten, hierarchisch organisierten Kirche.

Von nun an galt die Bibel als alleinige Grundlage der Predigt. Und anstelle von rund einem Dutzend Klerikern wurde die Pfarrgemeinde nur noch von ein paar Geistlichen betreut. Der Stadtpfarrer wurde, wie vor der Reformation, von Zürich bestimmt.

Vorschriften

Der zwinglianische Geist beherrschte die Stadt für längere Zeit: «Vorschriften regelten den Alltag, Abweichungen wurden öffentlich sanktioniert», resümiert Niederhäuser ein Dokument aus dem 17. Jahrhundert. Davon zeugt auch noch die Zwingli-Statue auf dem 1838 bis 1842 als Knabenschulhaus erbauten Reinhart-Museum am Stadtgarten. Sie weist auf den starken Einfluss hin, den Zürich auf das tägliche Leben in Winterthur ausübte – weit über die Reformation hinaus.

Peter Niederhäuser: Eine Stadt im Wandel. Winterthur und die Reformation. Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. 87 (184. Neujahrsblatt). Unter Mitarbeit von Rudolf Gamper und mit Beiträgen von Hansjörg Brunner, Thomas Gehring und Brigitte Meile. Chronos-Verlag, Zürich 2020. 168 Seiten, Fr. 48.–.