Zum Hauptinhalt springen

Kolumne LomoAsymptotische Approximation

Unser Kolumnist macht sich Gedanken darüber, was Mathematik mit unserem Alltag zu tun hat, und findet auf seinem Pult eine passende Veranschaulichung.

Manchmal bleibt die ausgetrunkene Kaffeetasse lange auf dem Pult stehen – ob das mit Mathematik zu tun hat?
Manchmal bleibt die ausgetrunkene Kaffeetasse lange auf dem Pult stehen – ob das mit Mathematik zu tun hat?
Foto: ea

Als asymptotische Approximation bezeichnet man die Annäherung einer Kurve an eine Gerade, wobei die Kurve zwar immer näher an die Gerade heranrückt, sie jedoch nie trifft. Kann sein, dass sich am Anfang die Kurve noch mit grossem Schwung der Geraden nähert, doch je länger die Annäherung dauert, umso geringfügiger wird die Annäherung. Im Matheunterricht hab ich nie wirklich verstanden, wie man Asymptoten berechnet. Und ich wusste auch nicht, weshalb ich das können sollte.

Ich musste wohl erst Vater werden, um die lebensweltliche Bedeutung der asymptotischen Approximation verstehen zu lernen. Wenn die Söhne zum Beispiel Unordnung im Kinderzimmer haben, dann verläuft deren Beseitigung asymptotisch. Legos, Comics, Socken, Bücher, Drei-Fragezeichen-Hörspiele, Verkleidungssachen, Klebeband, Ferngläser, Kissen, Kappla und selbst gebastelte Raketen – alles türmt sich die Woche durch zu undurchschaubaren Haufen, bis dann am Freitag die Stunde der Ordnung schlägt und alles verräumt werden muss.

«Die Espressotasse erweist sich so als Memento mori dafür, dass das Chaos nie ganz überwunden werden kann.»

Johannes Binotto, «Landbote»-Kolumnist

Das geht zunächst auch flott voran, aber je kleiner das Chaos wird, umso zäher gestaltet sich seine Beseitigung. Ich hab voller Stolz erlebt, dass mein Nachwuchs innert Minuten Materialmengen verstaut hat, bei denen eine professionelle Umzugsfirma versagt hätte. Wenn hingegen nur noch ein einzelnes Plüschtier in die Kiste und die vier einsam herumliegenden Puzzleteilchen in ihren Karton geräumt werden sollen, macht sich bleierne Müdigkeit breit, und weder aufmunternd freundliches noch streng bestimmtes Zureden vonseiten der Eltern kann daran etwas ändern.

Freilich muss ich gestehen, dass ich dieselben Phänomene auch von meinem eigenen Schreibtisch kenne: die Espressotasse zum Beispiel, die hier vor mir steht und die nicht erst vor Stunden, sondern bereits vor Tagen, ja Wochen ausgetrunken worden ist. Sie widersteht Aufräumbemühungen, bis sie allmählich als fester Pultbestandteil wahrgenommen wird. Die Espressotasse erweist sich so als Memento mori dafür, dass das Chaos nie ganz überwunden werden kann, sondern immer auf der Lauer bleibt, sich wieder neu auszubreiten.

Wirkliche Ordnung hingegen gibts immer nur im Horizont. Aber wenigstens verstehe ich jetzt, was ich im Matheunterricht nie verstanden habe: Meine Espressotasse schneidet sich mit der Abwaschmaschine erst im Unendlichen.