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Auf der Spur des weissen Rehs

An einem Waldrand in Oetwil können Anwohner regelmässig eine Seltenheit beobachten: ein weisses Reh. Es taucht jeweils in einer kleinen Gruppe zum Grasen auf. Fragt sich nur: Ist es ein Albino-Reh?

Da schau her! Das weisse Reh, das am Waldrand bei Oetwil beobachtet werden kann, ist häufig mit zwei rötlich-braunen Artgenossen unterwegs.
Da schau her! Das weisse Reh, das am Waldrand bei Oetwil beobachtet werden kann, ist häufig mit zwei rötlich-braunen Artgenossen unterwegs.
Angi Philippin, Leserreporter

Agnes Wegmann, die seit Mitte der 1970er-Jahre im Neugut in Oetwil wohnt, kann das weisse Reh praktisch jeden zweiten Tag beobachten: «Ich kann es sogar direkt aus meinem Schlafzimmer sehen», sagt die Frau, deren Tochter die ZSZ-Redaktion mit gemailten Fotos auf das Tier aufmerksam gemacht hat. Es kommt jeweils morgens oder am Nachmittag aus dem Waldstück, das sich zwischen Oetwil und dem Weiler Chrüzlen befindet.

Begleitet wird das weisse Reh jeweils von zwei normal aussehenden braunen Artgenossen. Die Tiere grasen eine Weile, ganz in Ruhe, wie Wegmann erzählt, und verschwinden dann wieder im Wald. Sie könne sie schon seit einem Jahr beobachten, meint Wegmann, früher sei das weisse Tier aber noch kleiner gewesen. Zudem habe es weniger weiss gewirkt als jetzt.

Wie ein Sechser im Lotto

Die Beobachtung von Frau Wegmann wird bestätigt von Gerda Rubli, der Jagdaufseherin von Oetwil. Sie hat das weisse Reh erstmals im letzten Herbst registriert. Es handle sich um eine Geiss, also ein Weibchen, das jetzt wohl etwa zwei Jahre alt sei. Die Begleiter seien möglicherweise zwei junge Rehe, die ihre Mutter verloren hätten. «Die haben eventuell Schutz gesucht und sich der weissen Geiss angeschlossen», sagt Rubli.

Die Existenz des weissen Rehs ist auch für Stefan Schleich, den Obmann des Jagdbezirks Pfannenstiel und Jagdaufseher von Stäfa, ein Thema. Er hat Fotoaufnahmen des Tiers diese Woche beim Treffen mit den Obmännern des Jagdbezirks angeschaut. «So ein weisses Reh ist wie ein Sechser im Lotto», erklärt Schleich und betont, dass solche Exemplare sehr selten seien. Das belegen auch Studien, die über Wikipedia abrufbar sind. Insbesondere reine Albinos gelten als Rarität, wie übrigens auch schwarze Rehe.

Nicht das erste Mal

In Oetwil ist es aber nicht das erste Mal, dass ein weisses Reh gesichtet wird. Gemäss Agnes Wegmann tauchte so ein Tier schon vor rund 50 Jahren einmal auf, und zwar in der gleichen Region. «Ich weiss das von Nachbarn, die schon damals hier wohnten», sagt sie. Auch Gerda Rubli hat schon Berichte über weisse Rehe in dieser Region gehört. Sie glaubt gar, dass eine Vererbungsgeschichte dahintersteckt: «Möglich, dass ein Tier früher mal Gene vererbt hat, die für das weisse Fell verantwortlich sind.»

Doch handelt es sich im aktuellen Fall um ein Albino-Reh? Dann müsste es gemäss Stefan Schleich nicht nur ein weisses Fell haben, sondern auch rote Augen. Andernfalls könnte es ein sogenannter Semi-Albino sein, der wegen einer genetischen Pigmentveränderung ein weisses Fell hat. «Möglich ist beides, aber sicher können wir nur sein, wenn wir das Reh von nahe sehen», sagt Schleich.

Recht nah dran war Emma Reichl, die Tochter von Thomas Reichl, der mit seiner Familie im gleichen Haus wohnt wie Agnes Wegmann. Seine Emma sei sicher, dass das Reh rote Augen habe, erzählt Reichl bei unserem Besuch in Oetwil schmunzelnd: «Na ja: ziemlich sicher.» Auch Reichel hat Fotos gemacht, wie die Tochter von Agnes Wegmann. Die Bilder können die Frage «Albino oder nicht?» aber nicht schlüssig beantworten, denn je nach Bild ist das Reh zu weit weg. Oder es hat braune Flecken, etwa am Kopf, und die Augenfarbe ist nicht eindeutig zu erkennen.

Bitte in Ruhe lassen

Eine klare Meinung hat Jagdaufseherin Rubli: Sie habe das Reh gesehen und wisse, dass es kein Albino sei. «Es hat keine roten Augen, das ist sicher.» Das weisse Fell sei wohl auf eine genetische Veränderung zurückzuführen. Sicher ist aber: Speziell und ein wenig mystisch wirkt das Tier allemal, weshalb wir bei unserem Besuch in Oetwil noch eine Weile am Waldrand ausharren. Vergeblich, denn an diesem Nachmittag zeigen sich keine wilden Tiere.

Sicher ist auch: Als Jäger sollte man sich davor hüten, das weisse Reh zu jagen. Das geht laut Stefan Schleich überhaupt nicht: «Wer ein solches Tier erlegt, verstösst gegen den Ehrenkodex der Jäger und muss mit einem bösen Omen rechnen.»

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