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Perlen aus dem ArchivAusgleich in letzter Sekunde? Für Pfadi Winterthur gegen Otmar fast normal

Am Mittwoch sicherte Adir Cohen Pfadi Winterthur mit der letzten Aktion des Spiels einen Punkt. Eine Ausnahme? Nicht im Ostschweizer Derby. Eine Reise in die Vergangenheit in 7 Kapiteln.

Der letzte Pfadi-Angriff vom Mittwoch. Man beachte am rechten unteren Bildrand die Reaktion von Otmar-Trainer Zoltan Cordas.
Video: handballtv.ch

Ein direkt verwandelter Freistoss ist im Handball eine Seltenheit. Die Ausgangslage ist ja auch schwierig.
Der Schütze muss aus dem Stand den Ball aufs Tor bringen. Vor sich eine Mauer aus sechs Mann, dahinter irgendwo das Tor, bewacht von einem Torhüter. 7 gegen 1.

Das Tor von Adir Cohen vom Mittwochabend war eine solche Seltenheit. Weniger rar sind die späten Wendungen bei den Spielen zwischen Pfadi Winterthur und St. Otmar St. Gallen.

Pfadi-Trainer Brüngger sprach am Mittwoch nach dem Spiel schon von «typischen Otmar-Spielen». Er meint damit, dass sein Team lange zurückliegt, dann das Spieldiktat an sich reisst, es wieder abgeben muss und am Schluss doch noch zu einem Punkt kommt. Wie recht er hat, zeigt ein Blick in die Vergangenheit.

September 2015 – Rot und ein «richtiges Resultat»

Das erste typische Otmar-Spiel war eines jener Spiele, nach denen gleich beide Mannschaften nicht schlüssig bilanzieren konnten, ob das Unentschieden nun ein «gewonnener» oder ein «verlorener» Punkt war. Pfadi lag acht Minuten vor Schluss 20:21 zurück und musste in Unterzahl agieren. Zudem wurde der damalige Captain Marcel Hess nach einem Penalty vom Platz gestellt. Er traf Otmar-Goalie Martin Galia am Kopf.

Die spielentscheidende Szene? Marcel Hess sieht nach diesem Kopftreffer die rote Karte.
Die spielentscheidende Szene? Marcel Hess sieht nach diesem Kopftreffer die rote Karte.
Foto: hd

Doch Pfadi steckte nicht auf. Jud mit drei Treffern (dar­un­ter zwei Penaltys) und einmal Maros sorgten dafür, dass Pfadi 99 Sekunden vor dem Ende 24:23 führte. Doch den St. Gallern gelang noch der Ausgleich. «Der Landbote»-Chronist bilanzierte: «Am Ende war das Unentschieden weder ein gewonnener noch ein verlorener Punkt, sondern einfach nur das richtige Resultat.»

März 2016 – «Wär de Letscht macht, chan jasse.»

Einen rabenschwarzen Start erwischte Pfadi an jenem 14. März im Exil der Klotener Ruebisbachhalle. Gleich 0:5 lagen die Winterthurer zurück. Bis zur 50. Minute blieben sie fast chancenlos. Thomas Babak, der tschechische Nationalspieler und jetzige Bundesliga-Akteur, spielte mit der Winterthurer Abwehr Katz und Maus. 13 Tore erzielte er, bei zwei Fehlwürfen. Einer davon aber war entscheidend. Babak warf in der Schlussminute zu früh, und vor allem warf er neben das Tor.

Sechs Sekunden auf der Uhr reichten Pfadi, um den Siegtreffer zu erzielen. Filip Maros traf zum 27:26, es war dies die einzige Führung im ganzen Spiel. Aurel Bringolf, damals noch im Dienste Pfadi Winterthurs, heute bei St. Otmar unter Vertrag, gab nach dem Spiel das Bonmot zu Protokoll: «Wär de Letscht macht, chan jasse.»

Dezember 2016 – Aussichtslos zurück und doch einen Punkt verspielt

21:25 lag Pfadi Winterthur in der 50. Minute zurück. «Der Landbote» schrieb damals: «Wer nach 50 Minuten in der St. Galler Kreuzbleichehalle 21:25 in Rückstand liegt, der hat keine grossen Chancen auf etwas Zählbares.» Dass es doch zu etwas Zählbarem reichte, lag vor allem an Roman Sidorowicz und Kevin Jud.

Zuerst gelang es den Winterthurern, zum 25:25 auszugleichen. Es war die erste Wendung, die nächste folgte sogleich: Otmar konnte auf 27:25 davonziehen und sah einmal mehr wie der sichere Sieger aus. Ehe die beiden Rückraumspieler Jud und Sidorowicz für die Winterthurer vom 25:27 zum 27:27 ausglichen. «Der Landbote» bilanzierte dennoch: «Einen Punkt gerettet, einen vergeben

Die letzten Minuten zum Nachschauen

Video: handballtv.ch

Oktober 2017 – Der Exot in der Reihe

Das Spiel aus dem Oktober 2017 tanzt etwas aus dieser Reihe, denn diesmal war es nicht Pfadi, das in der Schlusssekunde eine überraschende Wendung herbeiführen konnte, sondern die St. Galler. Otmar lag in jener Partie genau ein einziges Mal in Front: in der 60. Minute.

Noch nach 52 Minuten führte Pfadi nach einem Tor von Arunas Vaskevicius (!) mit 25:22 und sah wie der sichere Sieger aus. Doch zwei Fehlwürfe Ante Kuduz’ und ein Fehlwurf von Joel Bräm 16 Sekunden vor Schluss brachten Otmar wieder zurück auf 26:26. Ehe Otmars Rechtsaussen Julian Rauch mit der Schlusssirene frei vom Kreis zum 27:26 traf. Es war so etwas wie die Revanche für die Niederlage in Kloten.

Oktober 2018 – Buzzer Beater und Hail Marry in einem

Kann man ein Spiel verlieren, wenn man in der 56. Minute 29:26 führt? Möglich. Kann man ein Spiel verlieren, wenn man 17 Sekunden vor Schluss 29:28 führt? Nein, einen Punkt hat man dann sicher. Zwei Tore kassieren in 17 Sekunden, das ist fast unmöglich. Nicht so am 2. Oktober 2018 in der Kreuzbleiche.

59 Minuten und 44 Sekunden sind gespielt, als Kevin Jud mittels Penalty zum 29:29 ausgleicht. Statt den Punkt zu sichern, wollte Otmar aber aufs Ganze gehen und ersetzte den Torhüter durch einen siebten Feldspieler. Otmar-Spieler Bo Spellerberg liess zwei Sekunden vor Schluss ohne Not den Ball fallen. Michal Svajilen reagierte am schnellsten und warf den Ball quer über das ganze Feld ins verwaiste Tor und ins Glück. Es war eine Mischung aus Buzzer Beater und Hail Mary.

Innert 16 Sekunden dreht Pfadi das Spiel

Video: handballtv.ch

November 2019 – Die Jud-Show

26:24 führte Pfadi Winterthur in der 56. Minute des vorletzten engen Duells zwischen den beiden Teams. Ehe Aleksander Radovanovic sich in der Schlussphase gleich drei Ballverluste erlaubte. Auf einmal waren es die St. Galler, die ihrerseits führten. Es war dies bereits die dritte Wendung.

Zum Sieg reichte es jedoch keinem der beiden Teams. Kevin Jud gelang eine Sekunde vor Schluss noch der Ausgleichstreffer zum 27:27. Er machte drei der letzten fünf Pfadi-Treffer und war somit massgeblich am Punktegewinn beteiligt.

Der letzte Pfadi-Angriff

Video: handball.tv

Oktober 2020 – Cohen durch die Mauer

Das Spiel war schon verloren geglaubt, die St. Galler jubelten bereits im Kollektiv, ausser einer: Otmar-Trainer Zoltan Cordas wollte nicht hinsehen. Denn Pfadi hatte ja noch einen letzten Freistoss; die Ausgangslage ist bekanntlich schwierig, ja fast hoffnungslos. 7 gegen 1. Doch Cordas ahnte wohl etwas und hatte recht. Adir Cohen fand irgendwo eine Lücke in der Mauer und sicherte Pfadi einen Punkt. Rot-schwarze Jubeltraube. Eine verrücktes Ende – ein typisches Otmar-Spiel eben.

Verstohlene Freude: Die Winterthurer bejubeln ihren Torschützen Adir Cohen (3. von rechts)
Verstohlene Freude: Die Winterthurer bejubeln ihren Torschützen Adir Cohen (3. von rechts)

Mitarbeit: Urs Stanger