Erdogan läuft in der Syrienpolitik hinterher

Die Entwicklungen im Nachbarland verlaufen nicht so, wie es sich der türkische Präsident vorgestellt hat. Auch sein Besuch in Moskau ändert daran nur wenig.

Putin lädt Erdogan auf ein Glace ein: Die beiden Präsidenten haben am internationalen Schukowski-Flughafen in Moskau eine Flugschau besucht. (27. August 2019) Video: AP

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Wie wichtig Timing in der Politik ist, weiss die Welt spätestens, seit Reporter einen verschwurbelten Satz von Michail Gorbatschow umformulierten zum knackigen Ausspruch «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» Auch dem türkischen Präsident ist die Weisheit sicher geläufig, in seiner langen Karriere erkannte Recep Tayyib Erdogan oft die Gunst des Augenblicks – etwa, als er 2016 den Putschversuch seiner Gegner dazu nutzte, die eigene Macht auszubauen.

In der Syrienpolitik läuft er jedoch gerade hinterher. Wie stark, das zeigte am Dienstag eine Reise nach Moskau. Während einer Luft- und Raumfahrtmesse traf Erdogan dort Russlands Staatschef Wladimir Putin, zunächst beobachteten die beiden durch dunkle Sonnenbrillen eine Flugshow, später lud Putin den Gast auf ein Glace ein. Bei den Gesprächen ging es zum einen um Rüstungsdeals, während die Präsidenten plauderten, landete in Ankara ein Transportflugzeug, um das bereits bestellte Luftabwehrsystem S-400 zu liefern.

Vor allem aber war Erdogans Ausflug zu Gorbatschows Nach-Nach-Nachfolger den Geschehnissen in Idlib geschuldet: Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assads versuchen, die Rebellenenklave in Syriens Norden zu erobern. Nachdem sie lange kaum Geländegewinne erzielten, überrannten sie vergangene Woche die Stadt Khan Scheikchun, in deren Süden die türkische Armee einen Beobachtungsposten unterhält. Als Ankara die Situation realisierte, war es bereits zu spät: Ein eilig entsandter Konvoi mit Verstärkung erreichte den Stützpunkt beim Weiler Morek nicht mehr, seit Freitag sind die dort stationierten türkischen Soldaten eingekesselt.

Essen zusammen ein Glace: Erdogan und Putin besuchen eine Flugschau am internationalen Schukowski-Flughafen in Moskau. (27. August 2019) Bild: Alexey Nikolsky/Sputnik/AFP

Die hämischen Selfies syrischer Kämpfer vor dem belagerten Stützpunkt, die Assad-nahe Medien seither verbreiten, sind für Erdogan peinlich. Schwerer wiegt aber, dass Russland bisher keinerlei Entgegenkommen zeigt: Aussenminister Sergej Lawrow sagte kühl in einem Interview, er sehe keine Verletzung irgendeines Abkommens durch syrische Truppen – und bezeichnete die Region um Idlib weiter als «Deeskalationszone».

Angesichts der Angriffe, die nach UN-Angaben seit April 600'000 Menschen vertrieben und fast 1000 Menschen getötet haben, war das zynisch. Und Ankara gegenüber dreist: Im Herbst 2018 hatten sich Russland und die Türkei auf die Errichtung von Beobachterposten geeinigt, die eine Waffenruhe überwachen sollten. Erdogan dürfte wenig Hoffnung gehabt haben, dass Putin nach dem gemeinsamen Messebummel verkünden würde, seinem Protegé in Damaskus von nun an weitere Vormärsche in Idlib zu untersagen.

Allgemeine Sätze zu Idlib

Als die beiden Präsidenten vor die Mikrofone traten, blieb es dann auch bei recht allgemeinen Sätzen zu Idlib, etwa, dass man den Terrorismus gemeinsam bekämpfen wolle und der Stabilität verpflichtet sei. Der Gastgeber bot Erdogan aber nicht einmal eine Lösung für einen gesichtswahrenden Abzug der türkischen Soldaten aus Morek an.

Während sich die beiden Präsidenten demonstrativ nahe gaben, könnte eine andere für Erdogan schlecht getimte Entwicklung einen Durchbruch verhindert haben: Am Dienstag starteten Aufständische eine Gegenoffensive in Idlib und eroberten mehrere Dörfer östlich von Khan Scheikchun. Dabei rückten sie auf eine Stellung der russischen Armee vor, die wie der türkische Beobachterposten 2018 errichtet wurde. Eine dauerhafte Bedrohung für Russlands Ziele in Syrien dürfte das nicht darstellen. Aber Putins Bereitschaft, Erdogan entgegenzukommen, wird der Angriff nicht erhöht haben.

Offener zeigte sich der russische Präsident für die türkische Position in der Kurdenfrage – doch auch hier droht Erdogan Ärger, diesmal im eigenen Land. Am Montag hatten türkische Medien berichtet, dass fünf Generäle um Versetzung in den Ruhestand gebeten haben. Sie alle waren mit Aufgaben an der türkischen Südgrenze und auf syrischem Staatsgebiet betraut. Für die Handlungsfähigkeit der in Idlib offenbar überforderten Armee könnte dies ein Problem werden. Vor allem seien die Generäle mit einem Abkommen unzufrieden gewesen, hiess es, das Ankara mit Washington getroffen hat.

Die mit den USA verbündete Kurdenmiliz YPG beherrscht nach dem Sieg über den IS den Nordostteil Syriens, die Türkei sieht in ihr eine Terrororganisation. Zuletzt verlangte die Türkei deshalb die Einrichtung einer Sicherheitszone entlang der Grenze. Vergangene Woche patrouillierten erstmals türkische und US-Hubschrauber gemeinsam, am Dienstag gaben die Kurden bekannt, Stellungen an der Grenze geräumt zu haben. Doch das wird Erdogan nicht reichen, er hatte dem Volk zuletzt deutlich mehr angekündigt, nämlich dass «unsere Bodentruppen bald in die Region eindringen werden». Nach der Demission der Generäle ist das fraglicher denn je.

Erstellt: 27.08.2019, 21:54 Uhr

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