«Grossbritannien ist heute wie ‹Game of Thrones› auf Steroiden»

Das EU-Parlament wurde zum TV-Studio: Emotional wurden die Kandidaten vor allem beim Brexit – und beim Klimawandel.

Das Europäische Parlament wird für die Debatte zum Fernsehstudio. Bild: AFP

Das Europäische Parlament wird für die Debatte zum Fernsehstudio. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Brexit sei doch der lebende Beweis, entrüstet sich Frans Timmermans. Man habe die Nationalisten viel zu lange walten lassen und «viele unserer Wähler an die Rechten verloren», sagt der niederländische Sozialdemokrat auf der Bühne des Europaparlaments. Mit welchem Resultat? «Grossbritannien ist heute wie ‹Game of Thrones› auf Steroiden.»

Es ist Wahlkampf für die Europawahlen von 23. bis 26. Mai und bei der Debatte aller europaweiten Spitzenkandidaten gilt es offenbar, nochmal alles zu geben. Im Herbst muss ein Nachfolger für EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gefunden sein. Wer ihm nachfolgt, soll sich auch an diesem Abend mitentscheiden. Denn wenn es nach den europäischen Parteienfamilien gehen soll, dann kann nur jemand Chef der Kommission werden, der auch als europaweiter Spitzenkandidat angetreten ist. Also nur konsequent, dass die einzige Debatte in diesem Wahlkampf mit wirklich allen sechs Spitzenkandidaten auch genau dort stattfindet, wo die Idee geboren wurde: im Europaparlament.

«Wir haben viele unserer Wähler an die Rechten verloren»: Frans Timmermans während der Debatte zu den Europawahlen. (15. Mai 2019) Bild: Francois Walschaerts/Reuters

Das Plenum in Brüssel hat sich dafür besonders herausgeputzt und in ein riesiges Fernsehstudio verwandelt. Mit Platzanweisern im Frack, die Zuschauer und Presse zu den Sitzen geleiten, mit blauen Lichteffekten und dramatischen Musikeinlagen.

Mehr als 50 Fernsehsender strahlten die Diskussion mit Manfred Weber (EVP), Frans Timmermans (SPE), Jan Zahradil (AKRE), Margrethe Vestager (ALDE), Ska Keller (EGP) und Nico Cué (EL) europaweit aus. In Deutschland allerdings nur Phoenix. Das mag wohl daran liegen, dass an diesem Donnerstag schon das nächste Wahl-Duell ansteht, aber auch daran, dass das Konzept der europaweiten Spitzenkandidaten bisher nicht ganz aufgeht – und in den vergangenen Wochen weiter Schaden genommen hat.

Da sind zum einen Staatschefs, allen voran Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, die den bisher aussichtsreichsten Kandidaten, Manfred Weber, zu verhindern versuchen – und neben den Spitzenkandidaten auch andere Namen ins Spiel bringen wollen. Da sind zum anderen aber auch die Europäer selbst, die Umfragen zufolge kaum etwas mit Weber, Timmermans und Co anfangen können.

Das alles schwebt über der Debatte, die als rasend schnelles Themen-Abklopfen anfängt und sich dann doch noch in eine Diskussion über die grossen Themen des Kontinents entwickelt: Migration, Klimawandel, Handel und Populismus. Vor allem beim Thema Umwelt wird der Ton emotional. Die Grüne Ska Keller appelliert, dass «Europa nicht länger warten kann.» Weber müht sich, sein Umweltengagement zu betonen, will aber auch «nachhaltig für Jobs» in der EU sein. Im Ziel, dass die EU bis 2050 klimaneutral werden müsse, stimme er mit den anderen Parteien überein, sein Weg sei jedoch ein anderer. «Ich glaube an Innovation», sagt Weber.

Proeuropäisch positioniert

Sozialdemokrat Timmermans kritisiert den EVP-Kandidaten dafür und fordert eine CO2-Steuer: «Ich bin die Ausreden leid.» Die Liberale Margrethe Vestager betont, dass der Klimawandel «grösser als wir alle» sei – man dürfe in dieser Sache nicht parteipolitisch denken, sondern müsse zusammenarbeiten.

Solidarität ist eines der grosses Stichworte des Abends. Sei es beim Klima oder der Migration, die meisten Kandidaten heben die europäische Zusammenarbeit als Instrument gegen alle Probleme hervor. Dabei wird klar, dass alle sechs Politiker, die schon jahrelang in Brüssel und Strassburg arbeiten, sich in vielem doch ähneln. Vor allem positionieren sie sich eindeutig proeuropäisch – selbst der Konservative Jan Zahradil, der zwar mehr Selbstbestimmung der Nationalstaaten propagiert, sich aber gleichzeitig klar zur EU bekennt.

Und es zeigt sich, dass sie doch alle mehr oder weniger Skepsis für die EU-Skeptiker übrig haben, die wohl deutlich zulegen werden, wenn die Umfragen Recht behalten. Auch Weber, der sich sonst meist verbindlich und besonnen zeigt, findet bei diesem Thema zwar keine «Game of Thrones»-Vergleiche wie sein Kollege Timmermans, aber doch scharfe Worte. Europa gelte es vor den Nationalisten zu verteidigen, so der Christdemokrat.

Erstellt: 16.05.2019, 09:32 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir haben die Absicht, die EU aufzulösen»

Interview Thierry Baudet ist Chef der populärsten Partei der Niederlande. Er glaubt, die Elite fördere die Masseneinwanderung, um Europas Werte zu zerstören. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.