Mr Speaker in der Schweiz: «Ich verpasse keinen Federer-Match»

John Bercow bringt bei einem Auftritt in Zürich die Leute zum Lachen. Doch was er zum Brexit sagt, meint der legendäre Unterhaus-Sprecher ernst.

Brachte das Publikum zum Lachen: Der zurücktretende Sprecher des britischen Parlaments bei seiner Rede an der Universität Zürich im Rahmen des Churchill-Symposiums. Video: Keystone-SDA

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«Order, Order» musste er nicht rufen in der Aula der Universität Zürich. Das zahlreiche Publikum – es gab eine Liveübertragung in weitere Hörsäle – verfolgte gebannt, was John Bercow zum Brexit zu sagen hatte. Der inzwischen legendäre Sprecher des britischen Unterhauses hat die von der Regierung Johnson verordneten Zwangsferien für das Parlament in Westminster für eine Reise in die Schweiz genutzt. Auf den Tag genau 73 Jahre nach Winston Churchills berühmte Zürcher Europa-Rede ging es am Donnerstagabend erneut um Europa.

Churchill, «einer meiner Helden», wie Bercow sagt, habe ein anderes Europa vor Augen gehabt, als er am 19. September 1946 «hier an dieser Stelle» gefordert habe: «Lassen Sie Europa entstehen.» Dem Kriegspremier sei es in erster Linie um die Sicherheit gegangen, die die Nato schliesslich gewährleistete. Bercow, ebenfalls ein charismatischer Redner, stimmt mit dem «politischen Koloss» jedoch überein, dass die Einigung Europas notwendig sei. Wobei allerdings jeder Churchill für seine Zwecke zitieren könne.

Darüber, wie Churchill wohl zum Brexit stehen würde, wollte Bercow nicht spekulieren. Er betonte aber mehrmals, dass er ein «Internationalist» gewesen sei, der an globale Netzwerke glaubte, den Commonwealth, die Beziehungen zu den USA und jene zu Europa. Churchill sei eben ein «grosser Brite» gewesen, kein «kleiner, enger, insularer Engländer».

«Churchill war ein grosser Brite, kein kleiner, enger, insularer Engländer.»John Bercow

Seit längerem ist bekannt, dass Bercow für den Verbleib in der EU gestimmt hat, wie er einmal einer Gruppe Studenten anvertraute. Was seine Gegner am rechten Flügel der Tories erzürnt hat, da Bercow als Speaker zur strikten Neutralität verpflichtet ist. Für sein Amt, das er seit 2009 ausübt, länger als jeder andere Speaker seit 1945, musste er aus der Konservativen Partei austreten. Wieder eintreten werde er nicht, wenn er seine Amt niederlege, verkündete er in Zürich.

Noch bis zum 31. Oktober, dem Tag seines Rücktritts und des Brexits, will Bercow sicherstellen, dass das Parlament die Kontrolle über den Austritt aus der EU behält. «Die Politiker sind die Untertanen des Parlaments», sagte Bercow mit Nachdruck – und ohne Premierminister Boris Johnson auch nur zu erwähnen. Er sieht mehrere mögliche Brexit-Szenairen: den Austritt mit einem Deal, den Austritt ohne Deal, einen weiteren Aufschub oder gar ein neues Referendum. In allen Fällen müsse das Parlament aber zwingend ja sagen dazu. «Das ist nicht verhandelbar.» Wie auch immer: Das Brexit-Drama beenden könne nur eine «äusserst gescheite Person oder ein rücksichtsloser Narr».

John Bercow hält eine Rede in der Aula der Uni Zürich. (19. September 2019) Blid: Dominique Meienberg

Seit dem Referendum im Juni 2016 dreht sich das gesamte politische Leben in Grossbritannien um den Brexit. Dabei habe eine Gehässigkeit Einzug gehalten, die ihn beunruhige, gab Bercow zu bedenken. Vor allem weibliche Abgeordnete oder Angehörige von Minderheiten würden via Soziale Medien übel beschimpft, und er erinnerte an die Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox kurz vor der Abstimmung. Die Politiker seien Mitschuld am vergifteten Klima: «Wenn sich Demokraten aggressiv verhalten, geben sie Nicht-Demokraten die Lizenz, sich noch aggressiver zu verhalten.»

Bercow hofft, dass Grossbritannien aus der Erfahrung mit dem Brexit Konsequenzen zieht. Und dafür fordert er den Tabu-Bruch: «Wir dachten immer, unser politisches System sei das beste. Doch die Brexit-Debatte hat seine Schwächen aufgezeigt.» Grossbritannien ist seit Jahrhunderten stolz darauf, keine kodifizierte Verfassung zu haben und trotzdem über eine «grossartige Demokratie» zu verfügen, die auf dem Gewohnheitsrecht und Präzedenzfällen basiert. Die jetzige Regierung habe dieses Regelwerk strapaziert und dabei viel Glaubwürdigkeit verspielt, kritisiert der Parlamentssprecher: «Wir sollten die Vorteile einer geschriebenen Verfassung erkennen.» Er schlägt vor, dass eine Kommission ausgewiesener Experten mit viel Zeit und wenig Leidenschaft darüber zu sinniert, wie das bisher Undenkbare denkbar werden könnte.

«Ich verpasse keinen Federer-Match.»John Bercow

Zunächst aber will John Bercow zum Rod Laver Cup weiterreisen. Als Bub selber ein hoch talentierter Tennisspieler bis ihn gesundheitliche Probleme beeinträchtigten, ist Bercow ein grosse Fan von Roger Federer, und den möchte er beim Turnier in Genf live spielen sehen. Die Schweiz sei grossartig, schmeichelt Bercow seinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Die Schokolade, die Uhren und die Finanzbranche. «Das beste aber ist Roger Federer. Ich verpasse keinen Match von ihm, egal wo er spielt.»

Danach steht im Parlament John Bercows letztes Spiel an. Das oberste britische Gericht will Anfang nächster Woche entscheiden, ob die von Premierminister Boris Johnson auferlegte Zwangspause des Parlaments rechtens ist. Dann könnte Mr. Speaker früher als angenommen auf seinen grünen Thron im Unterhaus zurückkehren. Dafür übergab ihm Andreas Kellerhals, Leiter des Europa-Instituts der Universität Zürich, das den Anlass mitorganisiert hat, zum Abschied eine Kuhglocke. Denn damit werde er sich ohne Zweifel besser durchsetzen können als mit seinen «Order-Order»-Rufen. Mr Speaker John Bercow nahm das Geschenk laut lachend an.


«Ordeeer!» – er ist das Highlight im Brexit-ChaosDer Vorsitzende des britischen Unterhauses ist ein Alleinunterhalter. Seine Sprüche sind umstritten, seine Krawattenwahl ist schrill.

Erstellt: 19.09.2019, 22:31 Uhr

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