Was wirklich in Tschernobyl geschah

Stand Europa vor der Auslöschung? Adam Higginbotham recherchierte jahrelang zur AKW-Katastrophe, die derzeit auch als TV-Serie zu reden gibt.

Der zerstörte Reaktor des Tschernobyl-AKW wenige Tage nach der Explosion. Foto: Getty Images

Der zerstörte Reaktor des Tschernobyl-AKW wenige Tage nach der Explosion. Foto: Getty Images

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Ihr Buch und die neue Prestigeserie «Chernobyl» des Senders HBO sind zur gleichen Zeit erschienen. Warum ist die Tschernobyl-Katastrophe wieder von öffentlichem Interesse?
Meine Forschung zu diesem Thema begann bereits 2006, als ich zum ersten Mal nach Russland und in die Ukraine reiste, um Zeitzeugen zu interviewen. Es ist die erste umfassende Darstellung der Katastrophe, die auf Englisch veröffentlicht wurde. Das Buchprojekt wurde bereits 2015 als Option für eine eigene TV-Serie angeboten. Die Veröffentlichung der HBO-Show war nur einer dieser erstaunlichen Zufälle, die in Hollywood passieren.

Wie lautet Ihre Kurzkritik der Serie?
Ich denke, jede Sensibilisierung für die Notlage derjenigen, deren Leben durch den Unfall für immer verändert wurde, kann nur eine gute Sache sein. Doch die Serie – obwohl die Bühnenbilder und Kostüme fantastisch sind – stellt nicht dar, was wirklich passiert ist.

Was ist wirklich geschehen?
Es ist zuerst einfacher zu sagen, was nicht passiert ist. Denn es gibt zahlreiche Mythen und Missverständnisse über den Unfall – das ist einer der Hauptgründe, warum ich das Buch geschrieben habe. Die wahren Auswirkungen von Strahlung werden oft falsch dargestellt, und viele Ideen über das, was passiert ist, wurden stärker von dem beeinflusst, was Schriftsteller für möglich halten, als von einer genauen Berichterstattung. Die vielleicht grösste ist die Idee, dass unmittelbar nach dem Unfall Tausende von Menschen starben: eine Idee, die sich aus den ersten sowjetischen Versuchen ergab, die Wahrheit des Geschehens zu verschleiern, kombiniert mit einer ungenauen westlichen Berichterstattung, die auf den wenigen Informationen basierte, die ausländische Korrespondenten in Moskau zu diesem Zeitpunkt sammeln konnten.


Die sogenannte Todesbrücke in Pripjat.

Haben Sie konkrete Beispiele für diese Tschernobyl-Folklore?
Der Katalog ist ziemlich umfangreich, und einige Beispiele wurden durch die HBO-Serie gehypt. Zum Beispiel der vermeintlich über dem Reaktor abstürzende Hubschrauber, der auch auf Youtube zu sehen ist. Oder die sogenannte Todesbrücke: Tschernobyl-Anwohner, die den Reaktorbrand von einer Brücke aus verfolgten und danach alle gestorben sein sollen. Ich sprach mit einem Mann, der damals als Kind auf der Brücke stand – er ist bei bester Gesundheit.


Berühmter Youtube-Clip eines Helikopterabsturzes über dem AKW Tschernobyl: Nicht Fake, aber Monate nach dem Brand passiert.

Sie sagen, dass die Strahlung weniger stark war als bisher angenommen?
Während die Auswirkungen ionisierender Strahlung in der Tat schrecklich sein können und die Kontamination sicherlich schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen in den betroffenen Gebieten hatte, ist die Wahrheit darüber, was Strahlung für Tiere und Menschen bedeutet, übertrieben und auf gefährliche Weise verzerrt worden. Die Ärzte, die beispielsweise die verletzten Feuerwehrleute und Anlagenbetreiber in Moskau behandelten, machten mir deutlich, dass in Wahrheit keiner der Feuerwehrleute selbst zu einer Strahlenquelle wurde, die in der Lage war, ein Baby im Mutterleib zu schädigen, egal was ihre Verwandten glaubten; viele der Geburtsfehler bei Tieren in und um die Sperrzone herum waren auf den Missbrauch konventioneller Chemikalien und Düngemittel in Kolchosen in der Region zurückzuführen; einige der in den Medien gesehenen Geburtsfehler geschahen nachweislich vor dem Unfall. Sowieso sind Mutation und Geburtsfehler sehr unterschiedliche Dinge.

Die Zahl der Todesopfer von Tschernobyl liegt laut des Ausschusses der UNO zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung bei 62 Toten. Greenpeace spricht von 200'000. Ihre Ansicht?
Einigkeit herrscht bislang darin, dass mehrere Dutzend der Aufräumarbeiter direkt an der Strahlenkrankheit gestorben sind. Die Wahrheit ist, dass wir nie die wahre Zahl der Todesopfer der Langzeitfolgen erfahren werden. Die glaubwürdigsten Zahlen sind bisher die Schätzungen der französischen Epidemiologin Elisabeth Cardis, die rund 10'000 krebsbedingte Todesfälle in der betroffenen Bevölkerung von rund fünf Millionen geschätzt hat.

Die verlassene Stadt Pripjat, nahe des AKW Tschernobyl. Foto: Getty Images

Laut der Serie war Europa nahe an einer ernsthaften Kontamination, weil die Russen den Brand nicht unter Kontrolle brachten.
Die sowjetischen Wissenschaftler stellten sich die Worst-Case-Szenarien vor. Einige befürchteten, dass Anfang Mai 1986 eine zweite, nukleare Explosion unter dem zerstörten Reaktor stattfinden könnte, andere waren schon damals anderer Meinung. Natürlich verbreitete sich die Kontamination durch den Unfall letztendlich in weiten Teilen Europas und auf der gesamten nördlichen Hemisphäre. Aber die Vorstellung, dass es eine Explosion von 4 Megatonnen geben würde, die den Kontinent unbewohnbar machen würde, ist Unsinn.

Gab es einen genauen Zeitpunkt, an dem die Katastrophe hätte abgewendet werden können?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Nachdem der Sicherheitstest im Reaktor am frühen Morgen des 26. April begonnen hatte, wäre es vielleicht möglich gewesen, die Katastrophe abzuwenden, indem die Betreiber einfach nichts getan hätten und den Reaktor langsam abschalten liessen. Aber ab einem gewissen Punkt brachte alles, was sie taten, den Reaktor näher an die Zerstörung. Die Meinung des damaligen Premierministers der UdSSR, Nikolai Ryschkow, lautete: Wenn nicht in Tschernobyl, dann wäre es früher oder später bei einem anderen sowjetischen Reaktor zur Katastrophe gekommen.

Wieso?
Die Konstrukteure wussten seit Jahren von den Fehlern in diesem Reaktortypus. Es gab frühere Unfälle, die aber vertuscht wurden. Hätten die Männer im Kontrollraum davon gewusst, hätten sie wahrscheinlich anders reagiert. Doch statt die Möglichkeit einer Katastrophe zu erwähnen, schrieben die Konstrukteure einfach die Betriebsanleitung um. Die absurden Forderungen der Planwirtschaft und die Eigenart des sowjetischen Arbeitsalltags führten dann dazu, dass die Männer im Kontrollraum Vorschriften brachen oder ignorierten, um ihre Arbeit hinzukriegen. Ein erfahrener sowjetischer Nuklearspezialist erklärte die Explosion mit dem Satz: «Die Betreiber haben danach gefragt, der Reaktor hat es erlaubt.» Aber ich denke, die Wahrheit ist, dass das sowjetische System letztendlich die Schuld für das Geschehene trug.

Was können wir von Tschernobyl heute noch lernen?
Gerade im Westen lautete die Lehre aus Tschernobyl stets, dass das Lügen und die Unterdrückung von Kritik gefährlich sind. Das stimmt natürlich. Aber ich denke, was wir aus dem Unfall ausserdem ziehen sollten, ist die Gefahr eines übermässigen Vertrauens und der Abhängigkeit in Technologie. Tschernobyl war ein Unfall, der auf technologische Hybris und Leichtsinn zurückzuführen ist. Umso mehr denke ich, dass die Menschheit den potenziellen Auswirkungen anspruchsvollerer und heimtückischer Technologien, einschliesslich Social Media und künstlicher Intelligenz, mehr Aufmerksamkeit schenken sollte.

Die neue Schutzhülle über dem Reaktor, die 2018 für eine Lebenszeit von 100 Jahren errichtet worden ist. Foto: Getty Images

Der Schweizer Reaktor Beznau ist 50 Jahre alt, der älteste der Welt. Wie ruhig können wir schlafen?
Ich weiss nichts über Beznau. Aber es gibt viele Kernreaktoren auf der ganzen Welt – nicht nur Leistungsreaktoren, sondern Forschungsreaktoren –, die seit vielen Jahrzehnten perfekt sicher arbeiten.

Ironischerweise sind heute sogar grün eingestellte Menschen der Meinung, dass die Kernenergie die Lösung zur Bekämpfung des Klimawandels sein könnte. Ihre Meinung?
Ich denke nicht, dass es ironisch ist, dass einige Grüne die Nutzung der Kernenergie zur Bekämpfung des Klimawandels in Betracht ziehen. Angesichts des Ausmasses der Klimawandels sollten wir ernsthaft jede mögliche Lösung andenken, die dazu beitragen kann, uns vor einer globalen Umweltkatastrophe zu bewahren.

Erstellt: 18.06.2019, 16:00 Uhr

Der Engländer Adam Higginbotham schreibt unter anderem für den «New Yorker» und «Wired», früher war er Chefredaktor des Magazins «The Face». Sein Buch «Midnight in Chernobyl» stand wochenlang auf der «New York Times»-Bestsellerliste. Higginbotham recherchierte dafür jahrelang die Hintergründe der Tschernobyl-Katastrophe. Im November erscheint das Buch auf Deutsch.

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