«Ihn wegen des CNN-Interviews zu beurteilen, ist ein grosser Fehler»

US-Botschafter Ed McMullen war dabei, als sich Donald Trump und Ueli Maurer trafen – auch beim holprigen TV-Auftritt des Bundesrats.

Die Schweiz sei zwar klein, aber sehr wichtig für die USA, sagt US-Botschafter Ed McMullen. Foto: Raphael Moser

Die Schweiz sei zwar klein, aber sehr wichtig für die USA, sagt US-Botschafter Ed McMullen. Foto: Raphael Moser

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Edward «Ed» McMullen ist seit November 2017 Botschafter der Vereinigten Staaten in der Schweiz. Der 55-Jährige hatte für Donald Trump den Wahlkampf im US-Staat South Carolina geleitet. Zum Dank entsandte Trump ihn danach nach Bern. Seit seinem Amtsantritt verteidigte McMullen die Art und Weise, wie sein Präsident politisiert, immer wieder. Vor seiner Zeit als Botschafter war er in der Public-Affairs-Branche tätig.

Herr Botschafter, Sie waren mit Donald Trump und Ueli Maurer im Weissen Haus. Wie war das Gespräch?
Für mich war es nicht der erste Besuch im Weissen Haus. Aber das Treffen der beiden Präsidenten war etwas Besonderes. Wir haben Herrn Maurer mit allen Ehren empfangen. Die Begrüssung war herzlich. Es wurde gescherzt und gelacht. Es war von Anfang an eine positive Atmosphäre. Das Gespräch war offen und ehrlich.

Und was geschieht nun?
Das Ziel war, das eigentlich für Anfang Jahr in Davos geplante Treffen nachzuholen. Denn da wollten wir darüber reden, die bereits guten Beziehungen mit einem Freihandelsabkommen auszubauen.

Was sind die nächsten Schritte?
Die laufenden Gespräche sind vertraulich. Aber was ich sagen kann, ist, dass wir seit dem ersten Treffen zwischen Alain Berset und Donald Trump im Januar 2018 Schritt für Schritt weitergekommen sind.

Was ist Ihre Rolle dabei?
Seit ich hier bin, habe ich mit zahlreichen Leuten geredet, um herauszufinden, woran der letzte Anlauf für ein Freihandelsabkommen gescheitert ist. Dabei habe ich mich auch mit Bauern getroffen, weil ich weiss, dass die Landwirtschaft damals ein Problem darstellte.

Was haben Sie denen gesagt?
Nichts, ich habe zugehört. Amerikaner können zuhören! (lacht)

Und was haben die Bauern Ihnen gesagt?
Die Schweizer Bauern sind heute anders aufgestellt als noch vor 15 Jahren. Sie setzen noch mehr auf Qualität und spezielle und hochwertige Produkte als damals. Und auch in meinem Land hat sich etwas getan. Ich glaube, die Nachfrage nach Schweizer Produkten ist in den USA grösser denn je.


Artikel: Maurers Geheimbericht aus Trumps Büro Was der erste Besuch eines Bundespräsidenten bei einem US-Präsidenten gebracht hat – und was nicht. (Abo+)


Die Bedenken sind aber noch immer gross, zum Beispiel, dass amerikanisches Rindfleisch den Schweizer Markt überschwemmt.
Ja, das ist mir bewusst. Aber es gibt bereits heute amerikanisches Rindfleisch in der Schweiz, und es ist keine Gefahr, sondern nur eine zusätzliche Möglichkeit für die Konsumenten. Die meisten Schweizer Konsumenten wollen weiterhin vor allem Rindfleisch von hier haben. Und ich versichere Ihnen, dass es auch in den USA eine Nachfrage gibt. Die Schweizer Landwirte haben einzig­artige Nischenprodukte, neben Fleisch auch Käse und andere Milch­produkte.

Haben Donald Trump und Ueli Maurer über die Landwirtschaft geredet?
Die Schweizer Seite hat sehr klar gesagt, wie der Markt hier funktioniert. Und Präsident Trump hat deutlich gemacht, dass es einen Zugang zum Markt braucht. Aber darüber, wie dieser Zugang genau aussieht, haben die beiden Präsidenten nicht geredet. Das ist dann Sache der Unterhändler. Aber wissen Sie: Achteinhalb Millionen Schweizer werden den Rindfleischmarkt der Vereinigten Staaten nicht auf den Kopf stellen.

Die Schweizer Zölle auf US-Gütern sind – bis auf die Landwirtschaft – bereits tief. Welches Interesse haben die USA an einem Abkommen?
Ein Freihandelsabkommen produziert kein wirtschaftliches Wunder. Ich kann ihnen nicht voraussagen, wie unsere Beziehungen aussehen werden. Aber nehmen wir den ganzen Bereich der Technologie, wo sich für beide Länder riesige Möglichkeiten auftun, enger und einfacher zusammenzuarbeiten. Noch einmal: Es geht nicht darum, dass die USA für ihre landwirtschaftlichen Produkte riesigen Marktzugang suchen. Dafür ist die Schweiz zu klein. Aber Freihandel muss frei, fair und reziprok sein, darum kann man die Landwirtschaft nicht ausschliessen.

Es besteht ein grosses Handelsdefizit beim Güterhandel zwischen den USA und der Schweiz. Das gefällt Donald Trump kaum.
Wenn Sie die Dienstleistungen mit einbeziehen, dann haben wir fast ausgeglichene Beziehungen. Genau deshalb ist die Schweiz für die USA ein interessanter Partner.

Möchten die USA zuerst mit der Schweiz ein Abkommen schliessen, um das dann der EU anzubieten?
Wir haben keine Prioritätenliste, ausser dass China natürlich wichtig ist. Ihr Land ist zwar klein, aber sehr wichtig, wenn Sie daran denken, dass die Schweiz der siebtwichtigste Investor in den USA ist und Schweizer Unternehmen 500000 Stellen mit überdurchschnittlich hohen Löhnen zur Verfügung stellen. Ihre Wirtschaft wächst, unsere läuft grossartig. Wir sind ideale Partner.

Was für ein Abkommen soll es denn überhaupt sein: ein traditionelles, das primär über Zölle geht? Oder ein modernes, breites Abkommen, wo zum Beispiel auch das öffentliche Beschaffungswesen und die gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen geregelt werden?
Ich weiss es nicht. Gerade darum führen wir exploratorische Gespräche – um herauszufinden, was möglich ist. Sicher ist: Die USA haben Interesse. Aber klar ist auch: Für die USA geniessen laufende Verhandlungen mit China oder das USA-Mexiko-Kanada-Abkommen derzeit die höhere Priorität.

Das ist doch das Problem: Das Büro des Handelsbeauftragten ist völlig überlastet und hat eigentlich gar keine Zeit für die Schweiz.
Es gibt Lösungen für dieses Problem, und diese werden derzeit diskutiert. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

«Wer Ueli Maurer wegen des CNN-Interviews beurteilt, macht einen sehr grossen Fehler.»

So wie wir Sie einschätzen, möchten Sie während Ihrer Amtszeit in Bern unbedingt etwas erreichen und darum…
(unterbricht) Nein! Sie kennen mich nicht, wenn Sie mich so einschätzen. Meine Aufgabe hier ist es, Präsident Trump zu repräsentieren. Es geht nicht um meine Person, sondern um die Interessen der Vereinigten Staaten. Gleichzeitig liebe ich die Schweiz, und ich glaube auch, dass ich sie gut kenne, weil ich schon früher oft hierher gereist bin. Darum glaube ich, dass sich hier der Schweiz und den USA eine historische Gelegenheit bietet, etwas zu tun, was beiden Ländern dient. Ich könnte schon morgen hier weggehen, und die Sache würde trotzdem weitergehen. Aber etwas frustriert mich ein bisschen bei den Schweizern.

Was denn?
Weil die Schweiz geografisch klein ist, denken viele hier, dass sie nicht interessant sei. Das ist nicht wahr. Die Schweiz – ich habe es bereits erwähnt – ist siebtwichtigster Investor in den USA. Und das Investitionsvo­lumen wächst immer weiter. Ein solch wichtiges Land bekommt in den USA die Aufmerksamkeit, die es verdient, das kann ich Ihnen garantieren. Das ist meine Botschaft, wo immer ich in der Schweiz auftrete: Unterschätzen Sie die Schweiz nicht! Sie ist ein Diamant in der Mitte Europas. Seien Sie sich dessen bewusst!

Wenn die Schweiz so wichtig ist: Warum ist nie zuvor ein Schweizer Bundespräsident vom US-Präsidenten empfangen worden?
(lacht) Sehr gute Frage. Ich habe sie auch gestellt. Sicher ist: Einen Bundespräsidenten wie Ueli Maurer zu haben, der ins Ausland reist und Personen wie Präsident Trump trifft, ist eine sehr gute Sache für die Schweiz. Bundespräsident Maurer beeindruckte in Washington die US-Regierung und vertrat die Schweiz sehr gut und stark.

Das Schweizer Publikum reagierte etwas skeptischer auf den Besuch, vor allem was Maurers Auftritt auf CNN anging.
Wir alle haben schon Interviews gegeben, die wir hinterher bereut haben. Es fand am Ende eines sehr, sehr langen Tages statt. In einer solchen Situation ein Liveinterview geben zu müssen, mit einem Ohrhörer und ohne Übersetzer, ist sehr schwierig. Sogar die besten Medienprofis haben in solchen Situationen Probleme. Wie oft haben Sie professionelle Medienleute gesehen, die mit ihren Ohrhörer nicht zurechtkamen? Wer Bundespräsident Maurer wegen dieses Interviews beurteilt, macht einen sehr grossen Fehler. Es war nur das Nachspiel zu einem äusserst erfolgreichen, historischen Treffen.

Video: English for Runaways mit Ueli Maurer

«Nothing for the Publicity. I can nothing say to this issue. Can you repeat?» Ueli Maurer im amerikanischen TV. Video: CNN

Erstellt: 30.05.2019, 20:20 Uhr

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