«Trump betrügt bei jeder Gelegenheit»

Gestohlene Bälle, bestochene Caddies und ein sagenhaftes Handicap: Was Sportjournalist Rick Reilly über den US-Präsidenten verrät.

Trump warte nicht auf den Schlag des Gegners, sagt Reilly, «er fährt in seinem Golfwagen sofort los»: Der US-Präsident im Juli 2018 auf seinem eigenen Green in Turnberry, Schottland.

Trump warte nicht auf den Schlag des Gegners, sagt Reilly, «er fährt in seinem Golfwagen sofort los»: Der US-Präsident im Juli 2018 auf seinem eigenen Green in Turnberry, Schottland. Bild: Andrew Milligan/Keystone

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Wenn Rick Reilly dieser Tage Bücher signiert, schreibt er noch eine kleine, beleidigende Botschaft dazu. F*ck, drei Buchstaben und ein Sternchen, eine AntiWidmung sozusagen, dahinter der Nachname des Präsidenten. Trump, ohne Sternchen.

Reillys kürzlich erschienenes Buch heisst «Commander in Cheat: How Golf Explains Trump» und unterscheidet sich von all den anderen Schriften über den US-Präsidenten. Es ist keine Enthüllungsgeschichte, keine Insider-Story aus dem Weissen Haus, es ist ein Buch über Golf – und über Trump.

Reilly ist einer der bekanntesten Sportjournalisten der USA, passionierter Golfspieler und derzeit aufrichtig aufgebracht. In «Commander in Cheat» behauptet Reilly, dass er immer wieder erlebt habe, wie Trump, ebenfalls passionierter Golfspieler, geschummelt und seine Golfpartner betrogen hat. Persönliche Anekdoten kombiniert Reilly mit Berichten prominenter Hobbygolfer wie Schauspieler Samuel L. Jackson oder Boxer Óscar de la Hoya, mit Gerichtsunterlagen über Trumps Golfplätze, mit Aussagen von Caddies.

Die Welt als Golfplatz also? Ein Gespräch mit Autor Rick Reilly, der zwar wütend ist, aber auch sagt, dass er sehr gerne wieder mit Trump auf dem Platz stehen würde.

Rick Reilly, was sagt es über einen Menschen aus, wenn er beim Golfspielen betrügt?
Golf unterscheidet sich von den meisten anderen Sportarten dadurch, dass es keinen Schiedsrichter gibt und dass die Spieler oft weit voneinander entfernt agieren. Bei privaten Runden gibt es keine Zuschauer und damit keine Zeugen, es ist deshalb sehr einfach, seine Gegner reinzulegen. Man muss einander vertrauen. Denn die Versuchung, den Ball etwa aus dem Gestrüpp in den kurz gemähten Bereich zu kicken, ist gross. Sagen wir es so: Wer beim Golf betrügt, der ist so verdorben wie eine 100 Tage alte Banane.

Damit ist Trump bestimmt nicht alleine.
Der Schauspieler Jack Nicholson ist auch ein unfassbarer Schummler. Der grosse Unterschied zu Trump: Nicholson ist ein Schlingel. Jeder weiss, dass er hin und wieder die Bälle so hinlegt, dass es leichter für ihn ist, oder dass er mal einen Schlag nicht zählt. Er macht keinen Hehl daraus, es passiert augenzwinkernd. Er betrügt, damit sein eigenes Resultat ein bisschen besser aussieht, Trump aber will unbedingt gewinnen und sorgt sogar dafür, dass das Ergebnis seiner Gegner schlechter wird.

Und wie macht er das?
Er schlägt immer zuerst, bei jedem Loch, auch wenn den Regeln zufolge der andere dran wäre. Dann wartet er nicht auf den Schlag des Gegners, sondern fährt in seinem Golfwagen – er geht nie zu Fuss – sofort los. Dieser Vorsprung ermöglicht ihm, die Bälle unbemerkt neu zu positionieren.

Seine eigenen oder die seiner Gegner?
Mike Tirico (Kommentator beim American Football, Anm. d. Red.) ist gegen Trump der beste Schlag seines Lebens gelungen: beim zweiten Versuch auf einem Par-5-Loch direkt aufs Grün, keine drei Meter vom Loch entfernt. Als er dort seinen Ball suchte, stellte er fest, dass der auf mysteriöse Weise in den 20 Meter entfernten Bunker gerollt sein muss. Nach dem Spiel hat ihm auf dem Parkplatz ein Caddie gestanden, dass Trump den Ball vom Grün genommen und in den Bunker geschmissen hat. Statt drei brauchte Tirico letztlich sieben Schläge.

«Er hat ein Turnier gewonnen, an dem er noch nicht einmal teilgenommen hat.»

Hat Tirico sich nicht beschwert?
Natürlich – so wie viele andere, die Trump betrogen hat. Nur: Was sollen sie machen? Es gibt keinen Schiedsrichter, die einzigen Zeugen sind die Caddies, und die bekommen von Trump gewöhnlich ein Trinkgeld von 200 Dollar pro Runde, also halten sie lieber die Klappe oder helfen ihm. Trump macht noch nicht einmal vor Kindern Halt.

Wie meinen Sie das?
Er hat voriges Jahr mit dem Hedgefonds-Manager Ted Virtue um den Club-Titel in West Palm Beach gespielt. Virtues Sohn, damals zwölf oder 13, war auch dabei. Am 16. Loch knüppelt Trump seinen Ball ins Wasser, seine Gegner spielen ihre Bälle jeweils aufs Grün. Als sie dorthin kommen, will Trump einlochen. Virtues Sohn sagt: «Mister President, das ist mein Ball.» Da sagt Trumps Caddie: «Nein, das hier ist der Ball von Mister Trump. Du hast ins Wasser geschlagen.» Der Junge will sich beschweren, sein Vater sagt: «Sei ruhig, ich kaufe dir einen neuen Ball.» Trump schubst den Ball ins Loch und gewinnt am Ende die Runde.

Eigenen Angaben zufolge hat Trump 20 solcher Titel gewonnen.
Meinen Recherchen zufolge sind mindestens 16 davon erstunken und erlogen, weil er zum Beispiel einen Sieg im Seniorenturnier, eine grossartige Leistung übrigens, auf die er stolz sein könnte, zu einer Club-Meisterschaft aufbläst. Meine Lieblingsgeschichte ist allerdings jene, als er auf der Anlage in Philadelphia gespielt und danach bei seinem eigenen Golfclub im 150 Kilometer entfernten Bedminster angerufen hat: «Hey, mir ist gerade eine Runde mit 73 Schlägen gelungen – das hat bei euch keiner geschafft, also tragt mich als Champion ein.» Er hat also ein Turnier gewonnen, an dem er noch nicht einmal teilgenommen hat. Das ist doch dreist!

Sie sind richtig sauer, oder?
Er besudelt einen Sport, den ich liebe.

Mit Verlaub: Es geht doch nur um Golf.
Da haben Sie recht, doch genau deshalb bin ich so sauer. Es geht nur um ein Spiel, und Trump betrügt dennoch bei jeder Gelegenheit, weil er nicht verlieren kann. Eigentlich tut er mir leid, weil er sich letztlich selbst betrügt, er weiss ja, dass er nicht so gut ist, wie er tut. Er beraubt sich damit der Herausforderung und auch der Genugtuung, sich selbst zu besiegen. Was sagt das über einen Menschen aus, der mit dem Golfwagen über Plätze fährt wie etwa seinen eigenen in Schottland, auf dem ausdrücklich keine Carts erlaubt sind? Der nach einer Runde seine Mütze nicht abnimmt und dem Gegner nicht die Hand gibt? Der seine Resultate nicht veröffentlicht, wie es alle anderen tun?

Es gibt Leute, die mögen ihn gerade wegen dieser Respektlosigkeiten.
Stimmt, aber die Heuchelei ist ausserordentlich und beschränkt sich nicht aufs Golfspielen. Trump tut den Klimawandel als Schwindel ab, die Basis der Republikaner jubelt. Sein Unternehmen Trump International Golf Links aber will von der irischen Regierung eine knapp drei Kilometer lange Mauer um seinen Golfplatz in Doonbeg bezahlt bekommen. Die Begründung, die wortwörtlich so im Antrag steht: der ansteigende Meeresspiegel aufgrund des Klimawandels. Diese Dreistigkeit ist einzigartig.

«Das ist, als würde Queen Elizabeth behaupten, dass sie
Stabhochspringerin sei.»

Sie haben Trump lange vor seiner Kandidatur als Präsident kennengelernt und auch mit ihm Golf gespielt. Wie war er?
Er ist der reiche Onkel, bei dem ein paar Schrauben locker sind und der den Kindern bei der Familienfeier unfassbare und deshalb unterhaltsame Geschichten erzählt: dass er Frank Sinatra verprügelt und Wonder Woman geküsst hat. Das ist so lange lustig, bis dieser Onkel beschliesst, dass er Präsident werden möchte. All die Geschichten, all die Übertreibungen, all die Betrügereien sind plötzlich kein harmloser Spass mehr. Er lügt, wenn er den Mund aufmacht – und das ist sehr gefährlich.

Er ist ein ordentlicher Golfspieler, oder?
Er ist sogar ein ausserordentlich guter Golfspieler. Ich würde sein Handicap bei neun oder zehn ansiedeln – was für einen 72-Jährigen wahnsinnig gut ist. Er behauptet aber, dass sein Handicap bei 2,8 liegen würde, also knapp unter dem Niveau von Profis. Das ist, als würde Queen Elizabeth behaupten, dass sie Stabhochspringerin sei. Trump müsste nicht lügen, er ist gut genug – doch er muss immer der Beste sein. Ich erzähle Ihnen jetzt noch eine Geschichte.

Bitte.
Ein Abendessen während des Wahlkampfes 2016: Ein Freund von mir fragt Trumps Frau Melania, wo sie geboren sei. Sie sagt: «Slowenien». Da dreht sich Trump zu ihr: «Sag doch Österreich, das hört sich schicker an».

Aber das lässt sich doch einfach entlarven.
Darum geht es ja: Jeder weiss, dass es eine Lüge ist – und doch macht Trump einfach weiter damit. Er ist fest davon überzeugt, dass alle anderen auch schummeln, also ist es für ihn in Ordnung. In seinem Kopf hat sich dieses Mantra verfestigt, dass er umso geschickter betrügen muss, um nicht selbst betrogen zu werden. Wer ein paar Jahre lang mit Trump zu tun hat, für den wird die Wahrheit zur Nebensache.

Der Mann ist eben aus Teflon.
Nein, ganz im Gegenteil. Jede Niederlage tut ihm weh, jeder negative Artikel, jedes böse Wort im Fernsehen. Da bleibt vieles an ihm haften. Nur: Er war als Geschäftsmann stets der Boss und konnte nicht gefeuert werden, nun ist er Präsident. Wer soll ihn denn rausschmeissen? Das zeigen doch die letzten Wochen: Es ist völlig klar, dass seine Mitarbeiter im Wahlkampf mit den Russen oder mit Wikileaks kooperiert haben – und doch gibt es kaum eine Möglichkeit, ihn des Amtes zu entheben. Genauso wie beim Golf. Er hat im vergangenen Jahr in Los Angeles behauptet, dass ihm eine Runde mit 68 Schlägen gelungen sei. Sein Caddie hat auf Nachfrage gesagt: «Höchstens 79, wenn überhaupt.» Was soll man dagegen tun? So macht er es auch auf Twitter: Er haut einfach mal was raus – wer kann ihm wirklich widersprechen? Es ist ein automatischer Sieg.

Der Basketballtrainer Doc Rivers sagt: «Wer sich mit Trump einlässt, der muss wissen, dass er verlieren wird.»
Genau so ist es.

Sie wollen trotzdem gegen ihn antreten, um sehr viel Geld sogar.
Eine Runde Golf, gerne auf einer seiner Anlagen, die einzige Bedingung: Es muss ein offizieller Schiedsrichter dabei sein und das Spiel muss auf Video dokumentiert werden. Der Verlierer bezahlt 100'000 US-Dollar an eine Stiftung, die der Gewinner auswählt.

Hat er schon auf Ihr Angebot reagiert?
Nein. Weil er weiss, dass er verlieren würde, so wie er immer verliert, wenn es Schiedsrichter oder Zuschauer gibt. Warum wohl hat er bei all den offiziellen Turnieren, beim Pro-Am in Pebble Beach zum Beispiel, noch nie was gerissen? Er ist meist noch nicht mal unter den besten 50 Prozent gewesen.

Und bei der Wahl im kommenden Jahr?
Nach unserer ersten Golfrunde habe ich ihn gefragt: «Sollen wir morgen noch einmal spielen?» Da sagte er, und es war das einzige Mal, dass ich ihn selbstironisch oder bescheiden erlebt habe: «Weisst du, Rick: Die meisten Menschen halten nicht mehr als einen Tag mit mir aus.» Diesen Spruch würde ich nun gerne umkehren: «Mister President, die meisten Menschen halten nicht mehr als eine Amtszeit aus.»

Erstellt: 23.04.2019, 16:29 Uhr

Das Buch

US-Sportjournalist Rick Reilly veröffentlichte das Buch «Commander in Cheat: How Golf Explains Trump». Reilly befragte Prominente und weniger Prominente, die mit Trump golften. Dabei ergibt sich das Bild eines Mannes, der des schönen Scheins wegen auf dem Rasen öfters trickst. Die BBC veröffentlichte einige Auszüge. (lsch)

Der Autor

Richard Paul Reilly, geboren 1958, war Kolumnist für «Sports Illustrated» und ESPN.com, bei ESPN hatte er 2009/10 ausserdem eine eigene TV-Show, in der er US-Sportstars wie Tony Hawk, Michael Phelps oder Magic Johnson empfing. Reilly wurde elfmal zum US-Sportjournalisten des Jahres gewählt. (dip)

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