«Wir werden etwas verändern – ob sie es mögen oder nicht»

Greta Thunberg inspiriert auch in New York eine ganze Generation – Zehntausende zogen mit ihr durch den Financial District.

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Die Demonstration in New York war für 5000 Teilnehmer genehmigt worden. Am Ende waren es den Organisatoren zufolge 250'000 Schülerinnen, Schüler, Eltern und Aktivisten die vom Rathaus über den Broadway quer durch den Financial District zum Battery Park an der Südspitze marschierten. Das Bürgermeisteramt der Stadt sprach von 60'000. Voller Wut auf die Regierenden, die in ihren Augen zu wenig tun, um die Erde vor der von Menschen gemachten Klimaerwärmung zu schützen. Voller Sorge, dass ihre Generation in gar nicht so ferner Zukunft massiv unter den Folgen der globalen Erwärmung zu leiden hat.

Bürgermeister Bill de Blasio läuft auch mit. Am Tag zuvor hat er seine Präsidentschaftskandidatur für die Demokraten zurückgezogen. De Blasio hatte allen gut 1,4 Millionen Schülerinnen und Schülern in New York frei gegeben, die zum Klimastreik-Marsch gehen wollten. Vor ihm läuft Ariella, zehn Jahre alt. Sie geht in Manhattan zur Schule. «Go, Greta, go!», steht auf dem Schild, das sie gemeinsam mit ihren beiden Freundinnen trägt. Wenn Greta Thunberg den Erwachsenen einheizen kann, dann kann ich das auch, mag sie gedacht haben. Also ist sie zu de Blasio hingegangen. Was sie ihm gesagt hat? «Ich habe ihm gesagt, er muss was tun. Wenn die Erde stirbt, dann sterben wir auch.»

Wegen Greta Thunberg, der 16-jährigen Schwedin und Leitfigur der Fridays-for-Future-Bewegung, sind im Grund jetzt alle hier. Sie hat wieder ihr Schild dabei, «Skolstrejk for Klimatet», steht darauf, Schulstreik für das Klima. Mit dem hat sie vor etwas über einem Jahr die ganze Sache in Bewegung gesetzt. Jeden Freitag hat sie sich damit vor das Parlament in Stockholm gesetzt, statt zur Schule zu gehen.

«Schulstreik für das Klima»: Ihr Protestschild hat Greta Thunberg mit nach New York gebracht. Foto: Reuters

Sie hat ihre Eltern überzeugt, dass das richtig ist. Sie hat viele ihrer Mitschüler überzeugt. Und heute ist sie die Ikone einer jungen Generation, die versucht, die Erwachsenen dazu zu bringen, ihnen die Erde so zu hinterlassen, dass auch sie darauf noch leben können. Dies ist die 57. Woche ihres Schulstreiks. Es ist eben so, wie es auf den vielen Schildern steht, die jungen Teilnehmer dieses Klimastreiks aus Pappe gebastelt haben: «Es gibt keinen Planeten B.»

Ab Mittag sollten sich alle am Foley Square gegenüber dem Rathaus versammeln. Schon da war offensichtlich, dass dies eine selbst für New Yorker Verhältnisse grosse Demo werden würde. Von allen Seiten kamen Menschen mit selbstgebastelten Schildern dazu, ein langer Zug kam über die Brooklyn Bridge. Mit jedem ankommen Zug drängten Hunderte Menschen aus den diversen Subway-Zugängen dazu. Der Battery Park konnte längst nicht alle aufnehmen. Bis weit hinein in die Strassenschluchten des Financial District staute sich die Klima-Demo.

«Jetzt oder nie»: Zehntausende Menschen demonstrierten in New York. Foto: Corbis via Getty Images

Die Organisatoren, ein Dutzend New Yorker Kids, sind in ähnlichem Alter wie Greta Thunberg. Die jüngste im Team ist mit 13 Jahren Marisol Rivera. Sie erlebte, wie der Hurrikan Sandy 2012 das Dach ihres Hauses in Brooklyn zerschmetterte. Sandy machte entlang der Küstenlinie von Brooklyn und Manhattan Tausende Menschen obdachlos. Und kostete 53 Menschen das Leben. Vor zwei Jahren dann nahm Hurrikan Maria Verwandten der Schülerin auf Puerto Rica alles. Haus, Auto, die gesamte Existenz. Tausende Menschen starben im und an den Folgen des Sturms.

Solche Geschichten haben hier einige zu erzählen. Auf die Bühne kommt Isabella Fallahi, ein 16-jähriges Mädchen, das in ihrem Heimatstaat Indiana Klimastreiks organisiert. Dort wird so viel Kohle aus der Erde geholt und dann verbrannt, wie in kaum einem anderen US-Bundestaat. Ihr Asthma, sagt sie, komme von der schlechten Luft. Nachts wache sie manchmal auf, weil sie keine Luft bekommt, sagt sie. Verantwortlich macht sie Politiker wie die beiden Senatoren, die Indiana in Washington vertreten. Sie zählt auf den Cent genau vor, wie viel Geld die beiden von der Kohle-Industrie bekommen haben. Buh-Rufe aus Zehntausenden Mündern.

Dann spricht Rebeca Sabnam, ebenfalls 16 Jahre alt. In New York kämpft sie dafür, dass Plastik-Besteck und Styroporteller aus den Schulkantinen verbannt werden. Ihre Familie stammt aus Bangladesh. Sie erzählt, dass dort mehr als 160 Millionen Menschen auf einer Fläche so gross wie der Bundestaat New York lebten. Und dass die Klimaerwärmung die Küsten überflutet. Millionen von Menschen müssten ihr Heimat verlassen und ins Landesinnere ziehen, wo schon heute kaum Platz sei.

Rebeca Sabnam, 16, eine Klimaaktivistin mit Wurzeln in Bangladesh. Foto: Thorsten Denkler

Es kommen auch Erwachsene auf die Bühne. Judy Sheridan Gonzalez etwa, die Vorsitzende der New Yorker Krankenpfleger-Vereinigung. Warum sie über Klimawandel sprechen will? «Weil wir es sind, die die Leute behandeln, wenn sie einen Hitzekollaps erlitten haben», sagt sie. Oder wenn sie nach einem Sturm wie Sandy verletzt in die Krankenhäuser gebracht werden. Ihre Botschaft: Der Klimawandel erzeugt jetzt schon Leid. Mitten in New York.

Vor der Bühne stehen Juliana und Izabel, beide 16 Jahre alt. Vor zwei Monaten etwa haben sie zum ersten Mal von Greta Thunberg gehört und sich eine Rede von ihr im Internet angesehen. «Das hat mich sehr bewegt», sagt Isabel. «Es war nicht so, dass ich weinen musste. Aber ich hatte einen Kloss im Hals danach.» Beide gehen in Queens zu Schule. Aber ihre Familien stammen aus Kolumbien. Dort sei der Klimawandel deutlich spürbar, sagen sie. «Die Flüsse treten ständig über die Ufer. Das ist nicht mehr normal.» Auf ihrem Schild steht «Respekt your Mother». Darunter haben sie eine Erdkugel gemalt.

Endlich kommt Greta Thunberg auf die Bühne

Endlich steht Greta Thunberg auf der Bühne. Sie wird nicht weniger euphorisch begrüsst als kurz zuvor die Sängerin Willow Smith. Und die ist ein echter Popstar in den USA, Tochter des Schauspielers Will Smith. «Greta! Greta! Greta!» rufen sie ihr zu. Oder: «Greta! I love you!» Greta Thunberg sind solche Menschensammlungen nicht geheuer. Sie hat das Asperger Syndrom, eine Form des Autismus. Für sie ist das keine Krankheit, sondern eine Superkraft. Auch wenn es bedeutet, dass soziale Kontakte nicht unbedingt ihr Ding sind.

Sie sagt nur wenige Sätze hier. Es ist mehr ein Grusswort. Aber jeder Satz ist eine Demonstration, wie machtvoll Sprache sein kann. Leise spricht sie, aber bestimmt. «Wir sind heute nicht in der Schule», sagt sie. «Warum sollten wir auch für eine Zukunft lernen, die uns gerade gestohlen wird.» – «Dies hier ist wichtiger. Aber wir sind nicht allein. Da sind Erwachsene, die auch nicht arbeiten.»

Greta und die Organisatoren der Demo in New York. Foto: Peter Foley/Keystone

Überall bekämen sie Lob. Aber sie und ihre Mitstreiter engagierten sich nicht, «damit Erwachsene und Politiker mit uns Selfies machen und uns sagen, dass sie uns bewundern». – «Hören sie uns?», fragt sie in die Menge. «Noooo!», hallt es zurück. «Wir werden dafür sorgen, dass sie uns hören. Wir können nicht gestoppt werden. Dies ist nur der Anfang. Wir werden etwas verändern. Ob sie es mögen oder nicht.»

Kaum 15 Minuten steht sie auf der Bühne. Zweimal muss sie unterbrechen, weil vor ihr in der Menge Menschen ohnmächtig geworden sind. Manche haben hier Stunden in praller Sonne ausgeharrt, um Greta Thunberg zu sehen. Sie wartet, bis die Leute versorgt sind. Aber stellt sich dafür ganz an den Rand der Bühne. Dort, wo sie niemand mehr sehen kann. Wo sie keine weiteren «I love you»-Rufe provoziert.

Greta Thunberg so scheint es, will nicht von jedem geliebt werden. Sie will etwas verändern. Darum ist sie zwei Wochen über den Atlantik gesegelt. Darum nimmt sie diese Strapazen auf sich. Am Montag soll sie auf dem Klimagipfel der Vereinten Nationen sprechen. Ob die Welt auf sie hört, wird sich zeigen.

Erstellt: 21.09.2019, 09:08 Uhr

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