Adressen möglicher Attentäter waren bekannt – was lief schief?

«Es tut uns sehr leid»: Nach den koordinierten Terroranschlägen in Sri Lanka entschuldigt sich die Regierung. Sie sei gewarnt worden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Sri Lanka wird der über 320 Toten der Terroranschläge vom Sonntag gedacht. Die Flaggen wurden auf halbmast gesetzt, um 8.30 Uhr (Ortszeit) wurden drei Schweigeminuten abgehalten – zur gleichen Zeit also, als am Sonntag die erste Bombe explodiert war. Auch die ersten Todesopfer wurden bereits bestattet, im Ort Negombo gab es eine Massenbeerdigung – und Dutzende weitere Beerdigungen werden noch folgen.

Die Regierung macht die bislang wenig bekannte Islamistengruppe National Thoweeth Jama’ath (NTJ) für die Anschläge verantwortlich. Bereits vor der offiziellen Erklärung hatte einer der Ermittlungsleiter gegenüber unserem Korrespondenten vor Ort von «muslimischen Extremisten» gesprochen. Gemäss Regierungsangaben haben sich insgesamt sieben sri-lankische Selbstmordattentäter in drei Kirchen und drei Luxushotels in die Luft gesprengt.

Bekennerschreiben oder -videos der Täter liegen bislang noch nicht vor. Vize-Verteidigungsminister Ruwan Wijewardene erklärte am Dienstag im Parlament, erste Ermittlungsergebnisse würden darauf hindeuten, dass die Attentäter die Anschläge als «Vergeltung» für den Angriff auf zwei Moscheen in Neuseeland gesehen hätten. Die Ermittler gehen demnach Verbindungen zwischen der NTJ und einer zweiten Islamistengruppe aus Bangladesh namens Jamaat-ul-Mujahedin nach. Zuvor hiess es vonseiten der Regierung, die NTJ habe Hilfe eines internationalen Terror-Netzwerks erhalten.

Später am Dienstag reklamierte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) den Angriff für sich. Jamaat-ul-Mujahedin hatte gemäss der «Crisis Group» in der Vergangenheit einzelne Verbindungen zum IS, doch in Sri Lanka war der IS bislang nicht aktiv. Die Erklärung machte nicht deutlich, ob der IS direkt in die Planung involviert war. Auf IS-Kanälen zirkulieren dazu Bilder von angeblichen Attentätern, die sich zum IS bekennen. Bei einem von ihnen handelt es sich offenbar um einen bekannten Hassprediger der NTJ.

Namen und Adressen möglicher Täter waren bekannt

Die «New York Times» berichtete am Montag von einem internen Memo der Sicherheitskräfte vom 11. April, das vor möglichen Anschlägen der NTJ gewarnt hatte. Im Dokument sind mögliche Gefährder mit Namen, Adressen und Telefonnummern aufgeführt. Im Memo heisst es, ausländische Geheimdienstinformationen deuteten darauf hin, dass die Führung der NTJ unter anderem Anschläge auf katholische Kirchen in Colombo plane. Ein Regierungsminister verbreitete das Memo auch über Twitter.

Der Vize-Präsident des Muslimischen Rats von Sri Lanka, Hilmy Ahamed, sagte der Nachrichtenagentur «Bloomberg», auch er habe den Militärgeheimdienst im Land bereits vor der NTJ gewarnt. «Ich persönlich habe vor drei Jahren alle Dokumente übergeben, mit Namen und Details zu all diesen Personen», so Ahamed am Montag. «Sie ermutigen zu Angriffen auf die nicht-muslimische Bevölkerung. Sie sagen, dass man sie im Namen der Religion töten muss.»

Nach den Anschlägen agierten die Sicherheitskräfte gemäss der Zeitung zunächst gestützt auf diese Informationen und nahmen binnen weniger Stunden 24 Personen im Dunstkreis der NTJ fest. Mittlerweile befinden sich 42 Menschen in Gewahrsam. Unter den Festgenommenen ist laut Polizei auch ein syrischer Staatsbürger.

Kabinettssprecher Rajitha Senaratne hat die Substanz des Berichts weitgehend bestätigt. Ausländische Geheimdienste hätten bereits am 4. April über mögliche Selbstmordanschläge auf Kirchen und Touristenziele in Sri Lanka informiert. «Wir tragen die Verantwortung, es tut uns sehr leid», sagte Senaratne im Namen der Regierung.

«Diese Art von Warnungen gibt es ab und zu»

Warum wurden die Warnungen vor den Anschlägen nicht ernst genommen? Gemäss der «New York Times» spielte wohl ein Machtkampf zwischen Präsident Maithripala Sirisena und Regierungschef Ranil Wickremesinghe eine Rolle. So hatte der Regierungschef nach eigener Aussage nichts von den Erkenntnissen der Geheimdienste gewusst, die Präsident Sirisena unterstehen.

«Im Dezember wollte Präsident Sirisena noch sein Kabinett auflösen und Premier Wickremesinghe absetzen», erklärte SRF-Korrespondent Thomas Gutersohn dazu im «Echo der Zeit». Doch das sei ihm nicht gelungen. Und so mussten beide weiter miteinander verkehren, obwohl sie sich schlecht miteinander verstanden.

Bislang hat sich der Präsident noch nicht detailliert zu den Vorwürfen geäussert. Ein Regierungsberater bestritt indes, dass es zu Fehlern gekommen sei: «Diese Art von Warnungen gibt es ab und zu. Selbst die USA oder andere würden versuchen, die Leute nicht in Panik zu versetzen.»

Einige Beobachter zeigten sich nach der schnellen Schuldzuweisung der Regierung skeptisch, zumal sich Grösse und Koordination der Angriffe schlecht mit der relativen Unbekanntheit der NTJ vereinbaren lassen. Auch passen die Anschläge nicht zu den bisherigen Konfliktgräben in Sri Lanka, wo tamilische Separatisten im Norden jahrelang gegen die von Singhalesen dominierte Regierung im Süden gekämpft hatten. «Sri Lanka hat keine Geschichte von Spannungen zwischen Muslimen und Christen», gab in etwa der Leiter der sri-lankischen Denkfabrik Verité Research, Nishan de Mel, in einem Interview mit der NZZ zu bedenken. Muslime und Christen sind beide Minderheiten in Sri Lanka und werden hauptsächlich von radikalen Buddhisten angefeindet.

Die Regierung erklärte die Komplexität der Anschläge damit, dass die Täter Hilfe aus dem Ausland gehabt hätten. Kabinettssprecher Senaratne zeigt sich denn auch sicher: «Es gab ein internationales Netzwerk, ohne das diese Angriffe nicht gelungen wären.»

Mit Informationen der Nachrichtenagentur SDA.

Erstellt: 23.04.2019, 14:38 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare