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Betreiber sagt halbe Milliarde Euro für Wiederaufbau und Hilfe zu

Der Chef von Autostrade per l'Italia entschuldigt sich für fehlendes Mitgefühl und kündigt Zahlungen an.

Sichert den Betroffenen eine halbe Milliarde Euro zu: Giovanni Castellucci, Unternehmenschef Autostrade per l'Italia. (Video: Tamedia/AFP)

Nach dem folgenschweren Einsturz der Morandi-Brücke in Genua hat der Betreiber Autostrade per l'Italia 500 Millionen Euro für den Wiederaufbau der Autobahnbrücke sowie für Hilfszahlungen an die Stadt Genua zugesagt. Ab Montag stehe eine halbe Milliarde Euro bereit, sagte Unternehmenschef Giovanni Castelluccio an einer Pressekonferenz.

Mehrere Millionen Euro sind demnach für die Hinterbliebenen vorgesehen. Ausserdem sollten dutzende Millionen Euro für die Unterbringung der Menschen bereitgestellt werden, die wegen des Brückeneinsturzes ihre Häuser in der Umgebung räumen mussten.

Ein Grossteil der halben Milliarde Euro soll offenbar in den zügigen Bau einer neuen Brücke fliessen, welche die Morandi-Brücke auf der A10 ersetzen soll. Sein Unternehmen werde nach Erteilung einer entsprechenden Baugenehmigung innerhalb von acht Monaten die alte Brücke abreissen und eine neue Brücke aus Stahl errichten, kündigte Castelluci an.

Der Vorstandsvorsitzende von Autostrade per l'Italia Fabio Cerchiai (links) und Unternehmenschef Giovanni Castellucci. Bild: Reuters
Der Vorstandsvorsitzende von Autostrade per l'Italia Fabio Cerchiai (links) und Unternehmenschef Giovanni Castellucci. Bild: Reuters

Castellucci entschuldigte sich zudem, nicht genügend Mitgefühl für die Opfer gezeigt zu haben. Er versprach den Opferfamilien und den Menschen zu helfen, die infolge des Unglücks ihre Häuser verlassen mussten. Autostrade per l'Italia weist aber die Verantwortung für den Brückeneinsturz aber von sich. «Wir denken nicht, dass die Voraussetzungen vorliegen, Verantwortung für ein Ereignis zu übernehmen, dessen Ursache zunächst noch ermittelt werden muss», sagte Castellucci.

Rücktrittsforderungen zurückgewiesen

Zu den möglichen Ursachen des Brückeneinsturzes machte der Betreiber keine Angaben. Castelluci sagte lediglich, es habe sich um «eine sehr spezielle Brücke» gehandelt, die aber «von allen, die sie untersucht haben, als sicher betrachtet» worden sei. Die Einsturzursache müsse nun die Justiz ermitteln.

Forderungen aus der Regierung nach einem Rücktritt der Unternehmensführung wies der Vorstandsvorsitzende von Autostrade per l'Italia, Fabio Cerchiai, bei der Pressekonferenz zurück. Castelluci werde das Unternehmen weiter führen, sagte er. Premierminister Giuseppe Conte hatte zuor einen Prozess eingeleitet, um der privaten Betreibergesellschaft Autostrade per l'Italia ihre Lizenz zu entziehen.

Genua nimmt Abschied

Tausende Menschen haben bei einer staatlichen Trauerfeier Abschied von den Opfern des Brückeneinsturzes genommen. Im Beisein der Spitzen von Staat und Regierung fand die Zeremonie am Samstag in einer Messehalle statt.

Allerdings blieben etliche Angehörige der Trauerfeier in der norditalienischen Stadt fern. Einige zogen private Trauerfeiern in ihren Heimatorten vor, andere boykottierten die Veranstaltung aus Protest gegen die Regierung.

«Es ist der Staat, der dies verursacht hat. Die sollen sich hier nicht sehen lassen. Das Schaulaufen der Politiker war eine Schande», zitierte die Turiner Zeitung «La Stampa» die Mutter eines Opfers. «Wir wollen hier keine Farce von einer Beerdigung, sondern eine Feier zuhause», sagte ein Vater.

18 Särge aufgebahrt

«Der Einsturz der Morandi-Brücke hat Genua mitten ins Herz getroffen. Der Schmerz sitzt tief», sagte Genuas Erzbischof Angelo Bagnasco in seiner Predigt. Auch Papst Franziskus habe sein Mitgefühl ausgesprochen. «Wir wissen, dass jegliches menschliche Wort, egal wie ernst gemeint, wenig ausrichten kann.»

In der Halle standen 18 Särge aufgebahrt, darunter ein kleiner weisser mit der Leiche des jüngsten Opfers, des achtjährigen Samuele. Er war mit seinen Eltern unterwegs zur Fähre Richtung Sardinien, wo die Familie Ferien machen wollte, als die Brücke einstürzte.

Applaus für Feuerwehr und Rechts-Regierung

Auch mehrere tausend Einwohner von Genua kamen zu der Zeremonie. «Ich kenne niemanden, der bei dem Unglück getötet wurde. Aber ich wollte trotzdem kommen. So etwas hätte nicht passieren dürfen», sagte der Genuese Claudio Castellaro. Als die an den Rettungsarbeiten beteiligten Feuerwehrleute kurz vor Beginn der Trauerfeier in die Messehalle kamen, brandete Applaus auf. Auch Italiens rechtsextremer Innenminister Matteo Salvini und Vize-Regierungschef Luigi di Maio wurden mit Applaus empfangen.

Präsident Sergio Mattarella sprach nach der Trauerfeier gegenüber Fernsehreportern von einer «inakzeptablen Tragödie». Mit geröteten Augen versprach er sich dafür einzusetzen, dass «schnelle und rigorose Ermittlungen zu Verurteilungen führen».

Die Arbeiten an einem Ende der Brückenreste mussten eingestellt werden.
Die Arbeiten an einem Ende der Brückenreste mussten eingestellt werden.
AP/Nicola Marfisi, Keystone
Laut der Feuerwehr seien Geräusche zu hören, die sich von jenen der vergangenen Tage unterscheiden.
Laut der Feuerwehr seien Geräusche zu hören, die sich von jenen der vergangenen Tage unterscheiden.
AP/Nicola Marfisi, Keystone
Bei dem darunter liegenden Stadtteil handelt es sich um ein von Industrie und Gewerbe geprägtes Gebiet.
Bei dem darunter liegenden Stadtteil handelt es sich um ein von Industrie und Gewerbe geprägtes Gebiet.
Wikimedia/Bbruno
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Aber auch in anderen Städten des Landes wird getrauert: An allen Flughäfen Italiens soll es um 11.30 Uhr eine Schweigeminute geben. In der Hauptstadt Rom gehen zwischen 22.00 und 23.00 Uhr am Kolosseum ebenso wie am Trevibrunnen und dem Rathaus auf dem Kapitol die Lichter aus, die diese historischen Bauwerke gewöhnlich nachts anleuchten.

Flaggen auf halbmast

Die EU-Kommission lässt als Zeichen der Solidarität mit Italien am Samstag vor ihren Gebäuden halbmast flaggen. Auch im Fürstentum Monaco wird halbmast geflaggt. Dessen Herrscherfamilie Grimaldi hat ihre Wurzeln in Genua.

In der italienischen Fussballliga werden zum Saisonauftakt die Spiele der beiden Erstligisten aus Sampdoria und CFC Genua verschoben. In den übrigen Liga-Begegnungen soll es eine Schweigeminute vor Spielbeginn geben, und die Spieler sollen Trauerflor tragen.

Am Dienstag war während eines Unwetters ein etwa 180 Meter langer Abschnitt des wichtigen Polcevera-Viadukts in der italienischen Hafenstadt in die Tiefe gestürzt und hatte zahlreiche Fahrzeuge mitgerissen. Mindestens 38 Menschen kamen dabei ums Leben. In Krankenhäusern liegen noch zehn Verletzte, sechs von ihnen sind nach Angaben der Präfektur in kritischem Zustand.

Weitere Leichen entdeckt

Vier Tage nach dem Einsturz der Brücke haben Helfer die Leiche des letzten Vermissten gefunden. In den Trümmern seien die sterblichen Überreste eines Arbeiters aus Genua entdeckt worden, erklärte ein Feuerwehrsprecher am Samstag.

Zuvor hatten die Helfer bereits weitere Leichen entdeckt: Dem Sprecher zufolge fanden sie unter einem Betonblock das Auto eines Ehepaares aus Turin, das mit seiner neunjährigen Tochter unterwegs gewesen war. Ein bei dem Brückeneinsturz verletzter Mann starb derweil. Dies bestätigte ein Sprecher des San Martino Hospitals in der norditalienischen Stadt. Damit erhöht sich die inoffizielle Zahl der Todesopfer auf 43. 40 davon sind offiziell bestätigt, drei Leichen müssen über forensische Untersuchungen zunächst identifiziert werden.

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Video: Fahrt über die Morandi-Brücke

Das Video zeigt eine Autofahrt über das Polcevera-Viadukt im Jahr 2012. Die eingestürzte Stelle ist bläulich eingefärbt. (Video: SDA/Tamedia)

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AFP/nag

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