China ist im Panikmodus

Von einer Rückkehr zur Normalität, wie sie Parteichef Xi Jinping gewünscht hat, ist China weiter denn je entfernt. Und die Wut der Menschen wächst.

Von den Gesunden getrennt: Unter Coronaverdacht stehende Menschen und Krankenpersonal in einem temporären Spital in Wuhan. Foto: Getty

Von den Gesunden getrennt: Unter Coronaverdacht stehende Menschen und Krankenpersonal in einem temporären Spital in Wuhan. Foto: Getty

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Das Land werde den Kampf gewinnen. Unbedingt. Das hatte Parteichef Xi Jinping Anfang Woche versprochen. Sein Auftritt mache Hoffnung, kommentierten viele. Es sei ein Signal, dass Peking die Lage nach dem Ausbruch des Coronavirus wieder im Griff habe, die Epidemie womöglich schon bald überstanden sei. Nun ist der Optimismus verflogen. Gestern meldeten die Lokalbehörden plötzlich beinahe 15'000 zusätzliche Coronafälle in Hubei. Die Zahl neuer Infektionen verzehnfachte sich damit fast im Vergleich zum Vortag. Die Zahl der Todesopfer verdoppelte sich auf knapp 250.

Im Land herrschen Schock und Wut über den drastischen Anstieg, der nur durch neue Kriterien bei der Zählung zu erklären ist. Die allgemeine Unzufriedenheit dürfte Peking zu der bisher stärksten politischen Reaktion seit Ausbruch des Virus gezwungen haben. Gleich zwei hochrangige Parteichefs in der Provinz Hubei, dem Zentrum der Epidemie, mussten am Donnerstag ihre Posten räumen.

Xi erhöht seinen Einsatz

Nun soll ein enger Vertrauter Xis ran: Ying Yong, bisher Bürgermeister von Shanghai, soll die Parteispitze der Provinz übernehmen. In der abgeschotteten Stadt Wuhan selbst übernimmt der bisherige Parteichef der Stadt Jinan. Der Personalwechsel zeigt, wie stark der Druck ist. Allein in Hubei gibt es nun gut 48'200 offiziell erfasste Infektionen, landesweit sind es mindestens rund 59'000. Für Xi Jinping, der in den vergangenen Jahren als der mächtigste Parteichef seit Mao Zedong galt, ist der Ausbruch die schwerste politische Krise seiner Amtszeit. Die Entsendung enger Vertrauter erhöht den Einsatz für den Präsidenten.

Bisher war die Verteidigungslinie in Peking klar. Die wochenlange Vertuschung des Ausbruchs in Wuhan, die wertvolle Zeit gekostet hat, und die nun andauernd steigenden Krankheitsfälle in Hubei sind auf Versagen der lokalen Behörden zurückzuführen. Der Präsident gab sich bisher als Übervater, der die Fehltritte der Lokalkader streng und im Sinne der empörten Bevölkerung ahndet.

Nichts aus Sars gelernt

Das ist eine altbekannte Strategie von Chinas autokratischer Führung. Schon nach dem Ausbruch des Sars-Virus 2003 mussten mehr als 100 Kader gehen, darunter sogar der Gesundheitsminister und der Bürgermeister von Peking. Aber auf die Kata­strophe, die damals beinahe 800 Menschen das Leben kostete, folgten keine politischen Reformen, die das System verändert hätten, das langsame Reaktionen und das Verschleppen von Notständen begünstigt. Weitgehend unangetastet blieb auch die politische Führung. Sie schob die Verantwortung auf die schnell geschassten Lokalkader ab.

Wenn sich jetzt Xi selbst ins Krisenmanagement einmischt, ist das nicht ohne Risiko. Scheitert sein Schützling Ying, dürfte das auf den Präsidenten zurückfallen. Das Vertrauen in der Bevölkerung schwindet, die Wut über die Unfähigkeit, die Seuche einzudämmen, wächst seit Wochen. Die Strategie geht nur auf, wenn Xis Männer die Lage unter Kontrolle bringen – das müssen sie nun um jeden Preis.

Denn das Leben in China steht weiterhin nahezu still. Die Provinzregierungen stecken in einem Dilemma. Einerseits soll die Wirtschaft keinen Schaden nehmen, wie Parteichef Xi verlangt. Andererseits hat er den Sieg gegen das Virus zu einer Toppriorität erklärt. Neuansteckungen können für Lokalregierungen politische Konsequenzen haben. Fast zwei Wochen nach Ende der Neujahrsferien hat deshalb ein grosser Teil der Firmen, Universitäten und Schulen noch immer geschlossen.

Regeln ändern dauernd

Viele Menschen sitzen noch immer dort fest, wo sie das Neujahrsfest verbracht haben. Keiner weiss, was passiert, wenn sie in die Städte zurückkehren, in denen sie arbeiten. Andere, die tatsächlich die Rückreise gewagt haben, müssen zunächst in ihren Wohnungen ausharren, ehe sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren dürfen. Ob die Quarantäne für sieben Tage oder zwei Wochen gilt, entscheiden Parteikader zum grossen Teil auf eigenen Faust. Die Regeln ändern sich permanent. Widerspruch aber ist nicht erlaubt.

Viele kommen auch gar nicht so weit. Bahn und Busse verkehren nur beschränkt. Auswärtige werden überall wie Aussätzige behandelt. Jeder Reisende stellt eine potenzielle Gefahr dar. Einige Städte haben die Abfahrten von Autobahnen blockiert. An vielen Stadt- und Provinzgrenzen staut sich der Verkehr stundenlang: Dort messen Polizei- und Lokalkader die Temperatur der Fahrzeuginsassen.

Alle zwei Tage darf ein 
Familienmitglied die Wohnung zum Einkaufen verlassen.

An Bahnhöfen und Flughäfen müssen sich Reisende registrieren. Mal mit einer App, mal über den Messenger Wechat, dann wieder mit Stift und Papier. Sie werden, egal wohin sie unterwegs sind, auf ihren Handys angerufen und mit Kurznachrichten bombardiert. Ihnen wird mit schwerwiegenden Folgen gedroht, sollten sie sich bei ersten Krankheitssymptomen nicht sofort melden. Die Bevölkerung ist aufgerufen, verdächtige Personen zu melden.

Menschen aus Hubei haben es besonders schwer. Ein in Wuhan ausgestellter Pass, ein Nummernschild aus der Stadt oder eine Übernachtung dort in den letzten Wochen reichen für willkürliche Restriktionen. Es gibt Berichte, dass Menschen in ihren Wohnungen eingemauert oder die Türen von aussen verrammelt wurden, weil sie im Verdacht standen, erkrankt zu sein.

Wirklich sicher scheint man nur noch zu Hause zu sein. Häufig darf lediglich ein Familienmitglied alle zwei Tage die Wohnung zum Einkaufen verlassen. In manchen Wohnblocks wird notiert, wer kommt und geht. Meist dürfen nur noch Anwohner hinein. Inzwischen haben die Behörden sogar den Verkauf von Medikamenten gegen Erkältung verboten. Damit wollen sie Kranke zwingen, sich im Spital zu melden. Dort kann man sie oft zwar gar nicht versorgen. Sie sollen aber registriert werden.

Tausende liegen in Stadien

Einige Städte zwingen Apotheken inzwischen zur Herausgabe von Kundendaten. Wer nach deren Auswertung verdächtig ist, kommt auf Beobachtungslisten, wird von der Polizei besucht oder direkt in Quarantäne gesteckt. Online können die Menschen zudem überprüfen, ob ein Verdachtsfall in ihrer Nähe gemeldet ist – was immer wieder auch zu Übergriffen gegen die Betroffenen führt.

Sicher scheint im Moment in China nur eines zu sein: dass am Ende dieser Krise die Partei den Sieg über das Virus erklären wird, so wie sie das 2003 bei Sars getan hat. Die Frage dürfte nur sein, wie hoch die Kosten sind für diesen Sieg. Und wer die am Ende zu tragen hat.

Die Behörden in Hubei haben inzwischen angefangen, Verdachtsfälle in Massenunterkünften unterzubringen. In Turnhallen und Stadien liegen nun Tausende Menschen auf engstem Raum beieinander, zum grossen Teil ohne ausreichende medizinische Versorgung und Sanitäranlagen. Das soll die noch gesunden Menschen in der Region schützen. Den Kranken wird es nicht helfen.

Erstellt: 13.02.2020, 22:01 Uhr

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