Das Team hinter Greta

Um die 17-jährige Klimaaktivistin ranken sich unzählige Verschwörungstheorien. Ist sie eine PR-Marionette? Ein Blick hinter die Kulissen.

Greta mit ihrem Vater Svante nach der Atlantik-Übersegelung in New York. Foto: Mark Lennihan (Keystone)

Greta mit ihrem Vater Svante nach der Atlantik-Übersegelung in New York. Foto: Mark Lennihan (Keystone)

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Hass. Nackter, kalter Hass. Wer im Internet nach «Greta Memes» sucht, dem eröffnet sich ein Blick in den Abgrund. Greta: schuld an allem. Ein verzogenes Gör, geistig behindert, nicht ganz zurechnungsfähig, böse. Eine PR-Marionette ihrer Eltern und cleverer Unternehmer, die grosse Geschäfte machen wollen. Andere Greta-Hasser verunglimpfen sie als Sprachrohr von geheimen Mächten, die ökosozialistische Ideen durchzusetzen versuchen. Klimafaschisten.

«Alles Unsinn», sagt David Fopp, ein in Stockholm lebender Schweizer, der die mittlerweile 17-jährige Schwedin persönlich kennt. «Greta ist eine eigenständige Persönlichkeit, sie lässt sich von niemandem vereinnahmen», sagt er. Der 47-Jährige, der als Dozent für Pädagogik an der Universität Stockholm arbeitet, ist selber seit vielen Jahren Klimaaktivist – und einer der ersten Mitstreiter von Greta.

Die Aktivisten

Er gehört zum harten Kern von Jugendlichen und Erwachsenen, die sich Gretas Streiks in Stockholm angeschlossen haben. Sie versammeln sich jeden Freitag vor dem schwedischen Reichstag. Nach den ersten Schulstreiks entstanden rasch Websites und Social-Media-Accounts von «Fridays for Future». Daraus entwickelte sich eine international vernetzte Graswurzelbewegung. Dabei spiele der Ableger von «Fridays for Future» in der Schweiz eine wichtige, sehr aktive Rolle, sagt Fopp. Die Schweizer Aktivisten organisieren sich unter dem Namen «Klimastreik/Grève du climat».

Unterstützer David Fopp. Foto: PD

Das Team Greta sind laut Fopp die Hunderte von Jugendlichen in 120 Ländern, die mit ihr die Klimastreikbewegung aufgebaut haben. Mit vielen von ihnen stehe Greta in regelmässigem Kontakt, sagt Fopp. «Deswegen gehen sie als Team gemeinsam ihrer Aufgabe nach: die Politik zum Handeln zu bringen, die Emissionen zu stoppen und die Klimakrise zu mildern.»

Trotz des riesigen Medienrummels um ihre Person sei Greta dieselbe geblieben, sagt Klimaaktivist David Fopp.

Bei den Schulstreiks in Stockholm ist Greta immer dabei, wenn sie nicht gerade unterwegs ist, um mit Gleichgesinnten gegen die drohende Klimakatastrophe zu demonstrieren. Wie zum Beispiel am Freitag beim Klimastreik in Lausanne. Oder nächste Woche am Weltwirtschaftsforum in Davos, wo sie den Mächtigen ins Gewissen reden wird – wie schon am letztjährigen WEF.

David Fopp beobachtete aus nächster Nähe, wie aus dem schüchternen Mädchen, das kaum sprach, innert weniger Monate die Anführerin der globalen Klimajugend wurde. Trotz des riesigen Medienrummels um ihre Person sei Greta dieselbe geblieben, sagt er.

Die Eltern

Gretas Kampf für mehr Klimaschutz wird von ihren Eltern massgeblich mitgetragen. Der Vater begleitet seine Tochter auf ihren Reisen, wie zuletzt bei der Fahrt über den Atlantik mit einem Segelschiff. Im August 2018, als die junge Schwedin zu streiken begann, veröffentlichten die Thunbergs ein Buch mit dem Titel «Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima». Anders als Kritiker behaupten, verdienen die Thunbergs nichts an dem Bestseller. Der Erlös geht an WWF, Greenpeace und andere Organisationen, wie die Familie Thunberg im Vorwort ihres Buchs schreibt.

Die Eltern, Malena Ernman und Svante Thunberg, schildern in ihrem Buch, wie Greta als Kind erstmals vom Klimawandel hörte und dann nicht mehr aufhören konnte, darüber nachzudenken. Greta soll ihre Eltern überzeugt haben, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern. Die Mutter verzichtete fortan aufs Fliegen, der Vater wurde Veganer. Greta habe an Depressionen gelitten, erzählte kürzlich der Vater in einem BBC-Interview. Seit sie sich für das Klima engagiere, sei Greta eine «sehr glückliche Jugendliche».

In Schweden sind Gretas Eltern schon seit vielen Jahren bekannt. Die Mutter, 49 Jahre alt, war eine international gefeierte Opernsängerin. Der Vater, 50-jährig, Schauspieler und Autor, managt seine Ehefrau, die derzeit als Musical­darstellerin in Stockholm tätig ist. Ausserdem betreibt Svante Thunberg eine Musikproduktionsfirma. Die Bekanntheit der Eltern und ihre Vernetzung in der schwedischen Gesellschaft hat dem Klimakampf von Greta in der Heimat bestimmt geholfen. Das war aber erst der Anfang.

Die NGOs und die Medienprofis

Greta wäre kaum zur globalen Ikone aufgestiegen, wenn die internationalen Medien nicht so umfassend über sie berichtet hätten. Als die junge Schwedin im letzten Januar mit der Bahn nach Davos reiste und am WEF auftrat, war dies ein globales Medienspektakel. Die spezielle Persönlichkeit Gretas und der dramatische Klimawandel: Das bietet vieles, was gute Geschichten ausmacht. Rechte Medien und Blogger verbreiten gerne die Story, dass Greta Teil einer systematischen PR-Kampagne eines schwedischen Start-up-Unternehmers sei. Die unabhängigen Faktenchecker der deutschen Website Correctiv fanden jedoch keine Belege dafür.

Greta selbst ist ein Medienprofi. Ihren Twitter-Account bespielt sie selber, wie David Fopp versichert. Vater Svante sei Ansprechperson für Journalisten und Veranstalter. Aber ohne professionelle Hilfe geht es trotzdem nicht. Um die Flut von Anfragen zu bewältigen, helfen zwei Freiwillige mit, unentgeltlich. Beide sind Medienprofis, sie arbeiten sonst für GSCC, eine Firma für PR im Bereich Klimaschutz.

Unterstützt wird «Fridays for Future» auch von vielen «Grassroots»-Bewegungen sowie von kleinen und grossen Nichtregierungsorganisationen, die sich im Klimaschutz engagieren. Früher arbeiteten sie eher nebeneinander her, inzwischen stellen sie sich als geeinte Zivilgesellschaft hinter die Klimajugend um Greta. Das Netzwerk «Climate Justice Now» ermöglichte im Dezember 2018 der damals noch unbekannten Schwedin einen Auftritt an der UNO-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz. Für Greta bedeutete Kattowitz den internationalen Durchbruch. Ein Jahr später kürte die US-Zeitschrift «Time» die junge Klimaaktivistin zur «Person des Jahres».

Die Wissenschaftler

Namhafte Klimaforscher haben Freude am Engagement von Greta. «Sie erreicht ihre Generation», sagte Stefan Rahmstorf, Professor am renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. «Greta begeistert Schüler, weil sie nicht irgendein Erwachsener ist, sondern eine von ihnen.» Rahmstorf ist einer von rund zehn Wissenschaftlern, mit denen sich Greta regelmässig austauscht, bevor sie ihre Reden hält. Ein anderer im Expertenzirkel ist Glen Peters, Forschungsdirektor des Cicero Centre for Climate Research in Oslo.

Wissenschaftler Kevin Anderson. Foto: PD

Gretas wichtigster wissenschaftlicher Sparringpartner ist Kevin Anderson, Professor für Energie und Klimawandel an der Universität Manchester. Zuvor wirkte der 56-jährige Brite als Direktor des Tyndall Centre, der führenden Forschungsorganisation für den Klimawandel in Grossbritannien. Die Familie Thunberg kennt Anderson seit einer Gastprofessur an der Universität in Uppsala (Schweden). Wie alle Weggefährten von Greta betont auch Anderson die Eigenständigkeit der jungen Klimaaktivistin. «Was Sie aus dem Mund von Greta Thunberg hören, ist das, worüber Greta Thunberg nachdenkt und was sie dann aufschreibt», sagte Anderson vergangenes Jahr in einem «Spiegel»-Interview. «Greta schickt mir Manuskripte und bittet mich, zu prüfen, ob alles inhaltlich richtig ist.»

Laut Anderson weiss Greta «unglaublich viel über den Klimawandel, und sie lernt ständig dazu». In den Gesprächen mit ihr habe er oft den Eindruck, mit einer jüngeren Forscherkollegin zu reden, nicht mit einer Jugendlichen. Greta schaffe es, Unmengen von Informationen zu prägnanten, einfachen, ehrlichen Botschaften zusammenzufassen. Dabei nehme sie keine Rücksicht auf Befindlichkeiten von Interessengruppen oder Politikern. «Greta schert sich wenig darum, was andere von ihr denken.»

Erstellt: 15.01.2020, 20:25 Uhr

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Ihr Programm in der Schweiz

Greta Thunberg kommt am Freitag nach Lausanne. Sie nimmt am ersten Jahrestag der Klimastreikbewegung in der Schweiz teil und wird eine Rede halten. Am Dienstag wird die 17-Jährige in Davos am WEF erwartet. Unter dem Titel «Den Klima­kollaps abwenden» wird sich Thunberg an die Forumsteilnehmer wenden. Was sie nebst weiteren WEF-Auftritten sonst noch unternimmt, ist unklar. Laut «Blick» nimmt sie eventuell an einer dreitägigen Wanderung von Klimaaktivisten nach Davos teil. Und die Veranstalter von «Das andere Davos» am 17./18. Januar wollen Greta nach Zürich holen. (vin)

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