Die Despoten unserer Zeit

Angela Merkel versucht, mithilfe von Shakespeare das Wesen des Tyrannen zu verstehen. Das kann hilfreich sein im Umgang mit Donald Trump oder Boris Johnson.

Die Arroganz der Mächtigen: Boris Johnson und Donald Trump beim G-7-Gipfel in Biarritz. <nobr>Foto: Keystone</nobr>

Die Arroganz der Mächtigen: Boris Johnson und Donald Trump beim G-7-Gipfel in Biarritz. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wieder einmal hat Angela Merkel die Öffentlichkeit wissen lassen, was sie in den Ferien liest. In diesem Jahr war es die Studie «Der Tyrann» des amerikanischen Shakespeare-Kenners Stephen Greenblatt. Darin entwickelt der Literaturwissenschaftler aus den Dramen seines Helden eine Typologie der Tyrannei, ihrer Entstehungsbedingungen, ihrer Wirkungsweise, vor allem aber den Charaktertyp des Tyrannen.

Dort kann man lesen, die Grundzüge der Persönlichkeit des Tyrannen seien «die grenzenlose Selbstliebe, das Brechen von Gesetzen, die Lust am Zufügen von Schmerz, das zwanghafte Bedürfnis, Überlegenheit zu spüren». «Er ist», so Greenblatt, «ein pathologischer Narzisst und in höchstem Masse arrogant». Ausserdem hat er «nie einen Zweifel daran, dass er tun kann, was er will».

Er verlangt unbedingte Loyalität, ist aber selbst unfähig zur Dankbarkeit. «Die Gefühle anderer bedeuten ihm nichts. Er hat keinen natürlichen Anstand, keine Vorstellung von Mitmenschlichkeit, kein Schamgefühl.» Entscheidend aber ist sein Verhältnis zum Gesetz: Es ist ihm «nicht nur gleichgültig, er hasst es, und es bereitet ihm Vergnügen, es zu brechen. Er hasst es, weil es ihm im Weg steht und eine Idee von Gemeinwohl verkörpert, die er verachtet.»

Dass Trump immer wieder als Säugling karikiert wird, ist kein Zufall.

Diese Grundzüge entfaltet Shakespeare und ihm folgend Greenblatt vor allem an Richard III., der finstersten von Shakespeares Königsgestalten. Richard mordet sich auf den Thron, indem er alle anderen Anwärter umbringen lässt. Er ist nicht nur gewissenlos und grausam, er ist auch hässlich, ein Buckel verunstaltet ihn. Also muss er Schönheit durch Macht ersetzen, um erotisch attraktiv zu wirken: «Sexuelle Eroberung erregt ihn, aber nur als endlos wiederholter Beweis, alles haben zu können.» Vielleicht ist seine physische Hässlichkeit, die damit verbundene fehlende Liebe seiner Mutter sogar die Quelle seines bösartigen Machthungers.

Dass sich Angela Merkel mit diesem Stoff beschäftigt, kann nicht überraschen. Ihre Regierungszeit war begleitet von der massiven Wiederkehr autoritärer und autokratischer Regierungsweisen. Zum Alltag der Kanzlerin gehören mühsame Verhandlungen mit selbstherrlichen, launischen und oft unberechenbaren Männern, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Viktor Orban, vor allem natürlich Donald Trump. Wie lange sie es noch mit Boris Johnson zu tun haben wird, ist nicht ganz klar, jedenfalls gehört er in die Reihe der schwer Berechenbaren, die sich als Kraftnaturen inszenieren, ähnlich dem Italiener Matteo Salvini, soeben noch der starke Mann einer populistischen Regierung.

Angela Merkel verfügt selbstverständlich ebenfalls über einen bestens ausgebildeten Machtsinn. Foto: Keystone

Aber was kann man aus den Shakespeareschen Charakterbildern lernen? Für die Praxis nur sehr wenig. Die Unberechenbarkeit ist eben unvorhersehbar, das muss für einen rationalen Geist wie Angela Merkel verstörend sein. Man kann es zunächst nur stoisch zur Kenntnis nehmen und muss damit leben.

Wobei es bei den Machtmenschen schon Unterschiede gibt, mindestens zwei Grundtypen. Shakespeares Richard III. zeigt den extremen Fall, in dem die Macht um ihrer selbst willen genossen wird, wie ein riesiges Spielzeug, das der Verwirklichung persönlicher Launen dient. Die Macht ist dazu da, um zu zeigen, dass es sie gibt. Vieles am Verhalten von Donald Trump zeigt genau in diese Richtung. Die Unberechenbarkeit ist hier kein Ausrutscher von Fall zu Fall, sie dient dem Beweis: Ich kann es mir erlauben, so unberechenbar zu sein, denn ich habe die Macht. Ich kann unmittelbar nach einem Gipfel eine Abschlusserklärung wieder zurücknehmen. Ich kann drohen und im nächsten Moment mit einem Gipfeltreffen locken. Ich sage heute so, morgen so. Mein Geschwätz von gestern interessiert mich nicht. Dass Trump immer wieder als Säugling karikiert wird, ist kein Zufall.

Für Hegel war Despotie ein Zustand, in dem nur ein einziger frei ist.

Macht als Spielzeug ist also das eine. Die andere, ernstere Möglichkeit ist die, dass der Autokrat mit der Macht, die er sich angeeignet hat, verwächst und sich zu ihrem Instrument macht. Er agiert fortan im Interesse seiner Macht, durchaus grausam, aber folgerichtig, interessengeleitet. Das ist das klassische Verhalten von Machtpolitikern, und etwas von einem Machtpolitiker sollte in jedem demokratischen Staatsmann und in jeder Staatsfrau stecken, selbst wenn sie die Macht nur auf Zeit innehaben. Der klassische, rationale Machtmensch verwächst so mit seiner Rolle, dass er ein osmotisches Gespür für Bedrohungen seiner Macht hat, diese sogar persönlich zu nehmen imstande ist. Helmut Kohl war so ein Machtmensch und auch Bismarck. Ihnen in die Quere zu kommen war gefährlich, immerhin aber liess sich vorhersehen, dass und wie sie reagieren würden.

Es ist wahrscheinlich, dass Angela Merkel, die selbstverständlich ebenfalls über einen bestens ausgebildeten Machtsinn verfügt, sich solche Charakterfragen zu ihren Mitspielern auf dem Weltparkett stellt. Einschätzung des Gegenübers, seiner Interessen und Dispositionen, gehört zum Geschäft. Trump also ist dieses narzisstische Riesenbaby, Erdogan ist stolz und empfindlich, Putin voller Tücke, aber mit einem klaren Plan – ein eher normaler Machtmensch. Salvini? Vorerst ein Angeber. Boris Johnson vielleicht nur ein Freak, wer weiss. Da mag es nicht nur gute Unterhaltung, sondern fast ein Training sein, im Urlaub ein kleines Shakespeare-Buch zu lesen.

Die nächste Frage allerdings ist, ob Psychologie viel hilft. Kann man das Unberechenbare systematisieren? Erstaunlicherweise hat das politische Denken in Europa das versucht. Die Herrschaft der Willkür wurde traditionell «Despotie» genannt. Dieser Begriff kommt aus dem Griechischen und bezeichnete dort die absolute Gewalt, die ein Hausherr und Vater über seine Familie und vor allem seine Sklaven besass. Daher haben die Griechen, allen voran Aristoteles, der die unterschiedlichen Verfassungsformen systematisierte, die Despotie auch nicht aus der Polis hervorgehen lassen. Die Polis kannte zwar durchaus Alleinherrschaften, in der Frühzeit Könige, später Tyrannen. Aber diese monarchisch-autokratischen Herrschaftsformen entwickelten sich im Raum der Stadt, nicht hinter den Mauern des Hauses, in dem die Familie mit ihren Sklaven lebte. Keine politische, aus der Polis hervorgehende Gewalt war je so unumschränkt wie die despotische des Hausvaters.

Montesquieu sah die Willkürherrschaft als das absolute Übel.

Daher haben die Griechen die Despotie als Staatsform auch nicht bei sich selbst gesucht, sondern bei ihren orientalischen Gegnern, den Persern. Dass die Despotie «orientalisch» sei, gehört seither zu den zählebigsten, bis heute fortwirkenden kulturellen Stereotypen überhaupt. Der Begriff der Despotie hat sich seit Aristoteles durch die gesamte politische Theorie des Abendlands weitervererbt, teilweise mit anderen Bezeichnungen, aber mit dem immer gleichen Sinn als Herrschaft der uneingeschränkten Willkür. Was Shakespeare in seinem Richard III. zeigt, ist im strengen Sinn eine solche Despotie, die die konventionellen Möglichkeiten monarchischer Herrschaft weit hinter sich lässt.

Denn in der europäischen Neuzeit wurde der Despotie-Begriff zum Negativbild der herkömmlichen Königsherrschaft. Diese war an überkommene Gesetze gebunden, eingeschränkt durch die ständischen Rechte von Adel und Stadtbürgern, durch vielerlei lokale Autonomien. Als die europäischen Monarchien im 17. Jahrhundert begannen, diese konkurrierenden Freiheiten und Gewalten abzuschaffen, und «absolut» wurden, kehrte mit Macht der Despotie-Begriff in die Debatte zurück. Der wichtigste Vordenker freiheitlicher, die Gewalten teilender Verfassungen, der Franzose Charles de Montesquieu, hat sein riesiges Lebenswerk um den Despotie-Begriff herumgebaut. Für ihn war die Willkürherrschaft jenes absolute Übel, das durch Verfassungen, Gewaltenteilung, Herrschaft des Rechts verhindert werden musste.

Stephen Greenblatt wandelt er auf den Pfaden der amerikanischen Gründerväter. Foto: Keystone

Denn die Despotie sei, so Montesquieu, die Herrschaft der Furcht. Sie bedeutet totale Unsicherheit. Daher zerstört sie nicht nur die Freiheit der Untertanen, sondern auf Dauer auch ihren Wohlstand. Wo es keine Sicherheiten und keine Rechte, etwa auf Eigentum, gibt, da können auch Landwirtschaft, Handel und Industrie nicht gedeihen. Montesquieu beschrieb das am Beispiel des Orients, aber er meinte das Frankreich seiner Zeit, in dem die Könige die «Zwischengewalten» weitgehend einkassiert hatten. Das Gegenbild dazu, das grosse Vorbild, wurde ihm die englische Verfassung. Montesquieus berühmte Theorie der Teilung zwischen gesetzgebender, ausführender und richterlicher Gewalt stammt aus dem England-Kapitel seines Hauptwerks «Vom Geist der Gesetze».

Montesquieu wurde neben Aristoteles zur wichtigsten Quelle für die Väter der amerikanischen Verfassung. Sie wurde entworfen als System zur Despotie-Verhinderung. Daher bedeutet die Präsidentschaft Trumps, des Menschen, der Macht immer wieder wie ein Spielzeug behandelt, jenen Ernstfall, für den die amerikanische Verfassung überhaupt konstruiert wurde. Dass deren Schöpfer natürlich auch Shakespeare gelesen und damit grausige Beispiele der Willkürherrschaft vor Augen hatten, versteht sich von selbst. Wenn heute Stephen Greenblatt ein politisches Shakespeare-Brevier schreibt, wandelt er auf den Pfaden der amerikanischen Gründerväter.

Der Despot hat etwas schrecklich Faszinierendes, er lockt mit ultimativer Enthemmung.

Es wirkt wie ein höherer Witz der Weltgeschichte, dass im gleichen Moment mit den Auseinandersetzungen um den Brexit die englische Verfassung in ihre tiefste Krise seit Menschengedenken kommt. Der von Montesquieu so bewunderte, über Jahrhunderte gewachsene Bau ächzt in allen Fugen. Auch Englands Verfassung hat Shakespearesche Erfahrungen aufgenommen, entstand im Streit mit tyrannischen Königen. Derzeit führt das Gleichgewicht zwischen dem Parlament und der Regierung zu einem Patt.

Warum das alles in diesem Moment geschieht, darüber gibt es längst Bibliotheken. Warum bleibt Despotie eine Versuchung? Was macht sie attraktiv? In seiner Philosophie der Geschichte nannte Hegel die Despotie den Zustand, in dem nur ein Einziger frei sei, alle anderen aber unfrei. Der Despot ist der, der sich buchstäblich alles erlauben kann, und schon dieser Anblick hat etwas schrecklich Faszinierendes. Er lockt mit ultimativer Enthemmung, mit dem, was Jan Philipp Reemtsma in seiner Theorie der Gewalt «das grosse Du-darfst» nannte. Der enthemmte Alleinherrscher mag Schrecken erregen, als Bild und literarischer Stoff unterbreitet er aber auch ein Angebot zur Identifikation: Endlich frei sein von Zwängen, von Sitte, von all den Beschwerlichkeiten des Über-Ichs. Endlich die Wut herauslassen. Endlich auch – so das Versprechen des Populismus – die Dinge so einfach behandeln, wie sie zu sein scheinen.

Nicht umsonst ist das grosser Theater- und Filmstoff. Der Despot hat etwas Verführerisches. Stephen Greenblatt berichtet dazu eine Anekdote aus dem Jahr 1602: Als der berühmte Schauspieler Burbage einmal Richard III. spielte, verguckte sich eine Zuschauerin so in ihn, dass sie ihn aufforderte, in derselben Nacht unter dem Namen Richard III. zu ihr zu kommen. Allerdings bekam Shakespeare davon Wind, ging selbst hin und liess verlauten: Wilhelm der Eroberer sei vor Richard III. gekommen.

Erstellt: 16.09.2019, 11:22 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare