Merkels Zittern verunsichert Berlin

Kanzleramt und Medien wissen nicht recht, wie sie mit der rätselhaften Schwäche von Angela Merkel umgehen sollen.

Auf dem Stuhl Platz genommen: Die Bundeskanzlerin spricht in Berlin zur dänischen Ministerpräsidentin. (Keystone/Wolfgang Kumm/11. Juli 2019)

Auf dem Stuhl Platz genommen: Die Bundeskanzlerin spricht in Berlin zur dänischen Ministerpräsidentin. (Keystone/Wolfgang Kumm/11. Juli 2019)

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Angela Merkel sass, gezittert hat sie nicht. Die Berichterstattung über die mächtigste Frau der Welt hat seltsame Züge angenommen. Als die deutsche Kanzlerin am Donnerstag die neue dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen empfing, richteten sich aller Augen auf ihre Körperspannung.

Auf dem roten Podest, auf dem die Frauen stehend die Nationalhymnen hören sollten, standen zwei weisse Stühle. Darauf sassen die beiden, so würdig das halt geht, standen dann auf und nahmen im Gehen die militärische Parade ab. Danach lächelte Merkel. Die Stühle gingen in diesem Moment längst als neuer Beleg ihrer Schwäche um die Welt – fast so, wie wenn sie wieder gezittert hätte.

Harmlos? Ernst?

Eine Art stiller Unruhe hat Berlin erfasst. Zittert Merkel wieder, wenn sie stehen muss? Ist sie ernsthaft krank? Das erste Mal schüttelte es die Frau, die nächsten Mittwoch 65 Jahre alt wird, vor drei Wochen unkontrolliert am ganzen Körper. Damals war der neue ukrainische Präsident zu Gast. Neun Tage später zitterte Merkel, als sie neben dem deutschen Präsidenten stand. Am Mittwoch zitterte sie ein drittes Mal, zu Besuch war der finnische Regierungschef.

Die Kanzlerin versuchte danach zu beruhigen. Niemand brauche sich um sie Sorgen zu machen, ihr gehe es gut. Sie sei daran, das erste Zittern zu verarbeiten, und mache dabei Fortschritte. «Ich glaube, dass es so, wie es gekommen ist, eines Tages auch vergehen wird. Aber es ist noch nicht so weit.» Ihre Sprecherin lehnte es ab zu sagen, ob Merkel in ärztlicher Behandlung sei. Zehn Tage zuvor hatte es geheissen, das zweite Zittern sei wohl von der Angst ausgelöst worden, erneut zu zittern. Sicher ist, dass die Kanzlerin ihr gewaltiges Arbeitspensum der letzten Wochen ohne wahrnehmbare Beeinträchtigung bewältigt hat.

Video: Angela Merkel hat drei Zitteranfälle in einem Monat

Die deutsche Bundeskanzlerin fiel jüngst durch heftiges Zittern während offiziellen Anlässen auf. (Video: AP/Reuters)

Die Bilder der zitternden Merkel lösten dennoch weltweit Sorge und Alarm aus. Ausländische Korrespondenten fragten deutsche Kollegen, ob sie Nachrufe vorbereiten sollten. In Deutschland hingegen reagierte man mit einer Mischung aus Zurückhaltung, Respekt und Ratlosigkeit. Die meisten Medien berichteten über Merkels Zitteranfälle eher nebenbei und vermieden Ferndiagnosen. Die Gesundheit der Kanzlerin sei zwar keine reine Privatsache, meinten sie. Aber solange sie arbeitsfähig sei, habe Merkel für ihre vermutlich vorübergehende Schwäche Diskretion verdient.

Geduld aufgebraucht

Nach dem dritten Zittern und dem ersten Sitzen nimmt nun aber auch in Deutschland die Geduld ab. Warum sagt Merkel nicht wenigstens, ob sie in ärztlicher Behandlung ist? Warum veröffentlicht das Kanzleramt nicht wie in Frankreich oder den USA regelmässig medizinische Bulletins über den Gesundheitszustand der Chefin? Warum hat sie nicht einmal einen Leibarzt?

Merkels Umfeld hofft offensichtlich, das Zittern werde bald verschwinden. Die Unruhe liesse sich dann in bewährter Manier aussitzen. Mehr Antworten, so fürchtet man, würden lediglich weitere Fragen provozieren. Gibt man preis, dass sie in Behandlung ist, möchten alle die Diagnose erfahren. Nennt man sie, will man Therapie oder Medikation kennen. So nähme die Krise kein Ende. Freilich gilt auch das Umgekehrte: Solange die Kanzlerin nicht informiert, blühen die Spekulationen.

Neu ist das nicht: Die Körper der Monarchen waren noch nie privat, sondern gleichermassen öffentlich und Sache des Staats. Für amerikanische oder französische Präsidenten, für Bundesräte oder Bundeskanzlerinnen gilt das zu grossen Teilen immer noch.

Umso mehr war die Gesundheit der Mächtigen stets kritisches Herrschaftswissen. François Mitterrand etwa veröffentlichte zwar regelmässig Gesundheitsberichte, darin stand aber nie, dass er schwer an Krebs erkrankt war. Andernfalls wäre er 1988 kaum als französischer Präsident wiedergewählt worden. Christoph Blocher ging 2005 wie Mitterrand unter einem Decknamen ins Spital, um sich einer Darmoperation zu unterziehen. Bekannt wurde es erst Jahre später, als er nicht mehr Bundesrat war.

Das Gespür für die Macht

Merkel steht demnächst im fünfzehnten und vielleicht letzten Jahr ihrer Kanzlerschaft. Ihre Belastungsfähigkeit und ihr Gespür für Macht sind legendär. Entsprechend scharf ist ihr bewusst, dass Gegner jede Schwäche wittern und gegen sie verwenden, und sei es ein vorübergehendes Zittern. Umso entschlossener gibt sie sich stoisch. Das ist leichter gesagt als getan, wenn einen Kameras auf Schritt und Tritt begleiten.

Nach dem Treffen mit der Dänin Frederiksen wirkte Merkel heiter, fast fröhlich. Keinerlei Anzeichen von Schwäche oder Krankheit waren zu erkennen. Ein deutscher Journalist fragte, ob es zutreffe, dass sie sich von Ärzten ausführlich habe untersuchen lassen, diese aber nichts gefunden hätten, wie die Boulevardzeitung «Bild» schrieb.

Merkel lächelte und antwortete: «Sie dürfen davon ausgehen, dass ich um die Verantwortung meines Amtes weiss. Und deswegen auch entsprechend handle, was meine Gesundheit angeht.»

Erstellt: 11.07.2019, 17:57 Uhr

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