Trumps Bulldozer für den Balkan

Der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, fällt mit undiplomatischen Äusserungen auf. Nun versucht er sich als Krisenmanager auf dem Balkan – und überzeugt nur Trump von seinem Können.

US-Botschafter in Deutschland Richard Grenell gestikuliert während der Pressekonferenz mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic in Belgrad, Serbien (24. Januar 2020). Foto: Andrej Cukic/Keystone

US-Botschafter in Deutschland Richard Grenell gestikuliert während der Pressekonferenz mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic in Belgrad, Serbien (24. Januar 2020). Foto: Andrej Cukic/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wo er auftritt, da ist meistens Ärger garantiert. Was er sagt, löst oft Empörung aus. Der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, droht den deutschen Firmen mit Sanktionen, falls sie sich aus dem Iran-Geschäft nicht zurückziehen. Er schimpft über Politiker, die eine Beteiligung des chinesischen Technologiekonzerns Huawei am Ausbau des schnellen 5G-Netzes in Deutschland nicht ausschliessen wollen. Und er reagiert oft verärgert, weil die Deutschen – seiner Ansicht nach – der Nato zu wenig Geld überweisen.

Es gibt Politiker in Berlin, die Grenell deshalb mit einem «Hochkommissar einer Besatzungsmacht» vergleichen und seine Ausweisung fordern. Die Kritik kümmert Grenell wenig. Er will vor allem dem Showmaster-in-Chief im Weissen Haus gefallen. Wenn der US-Präsident Donald Trump seinen «grossartigen Plan» für den Nahen Osten vorstellt, jubelt Grenell in der «Bild»-Zeitung gleich mit. Seine Aufgabe in Berlin, so Grenell, sei es, Konservative in ganz Europa stark zu machen – gegen die gescheiterte Politik der Linken.

Seit dem vergangenen Herbst hat der Tausendsassa eine weitere Aufgabe bekommen: Als Sonderbeauftragter von Präsident Trump soll er den Dialog zwischen Kosovo und Serbien wiederbeleben und eine Lösung des Konflikts finden. Zweimal hat Grenell bisher die Region besucht – und stolz zwei angebliche Erfolge präsentiert: Bald sollen Flüge und Züge Belgrad und Pristina direkt verbinden. «Noch ein Sieg», lobte Trump auf Twitter seinen Botschafter und Vertrauensmann. Die Absichtserklärung für die Zugverbindung wurde heute Freitag am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz zwischen den beiden Staaten unterzeichnet. Einen konkreten Plan, wie Serbien dazu gebracht werden kann, sich mit der Unabhängigkeit Kosovos abzufinden, scheint Grenell nicht zu haben.

Botschaften gelten nicht für alle gleich

Darum spricht er dauernd über die Wirtschaft. Die Botschaft des Botschafters: Völker, die miteinander Handel treiben, vertragen sich besser. Im Falle Kosovos gilt diese Annahme nicht: Laut Medien in Pristina hat Serbien seit Kriegsende 1999 Waren im Wert von über 4 Milliarden Euro in Kosovo verkauft. Der fast ungehinderte Zugang zum kosovarischen Markt besänftigte Belgrad aber nicht.

Im Gegenteil: Seit Kosovo sich am 17. Februar 2008 von Serbien gelöst hat, versuchen Belgrader Politiker, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Es ist ihnen gelungen, die Aufnahme Kosovos in internationale Organisationen wie der Unesco oder Interpol zu verhindern, und der serbische Aussenminister Ivica Dacic behauptet, 16 Staaten hätten die Anerkennung der kosovarischen Unabhängigkeit rückgängig gemacht. Darunter sind demnach afrikanische Staaten wie Ghana und São Tomé und Príncipe sowie das Südseeparadies Palau.

In Pristina wird dementiert, dort heisst es, bisher hätten 116 Staaten Kosovo anerkannt. Doch selbst Diplomaten des jungen Staates räumen ein, dass die serbische «Aberkennungskampagne» einige Erfolge erreicht hat. Ausserdem haben in den letzten Jahren fast keine neuen Länder Kosovo anerkannt.

Cowboy ohne Plan

Als Antwort auf die Sabotagepolitik des Nachbarlandes verhängte Kosovo Ende 2018 Einfuhrzölle von 100 Prozent auf alle serbischen Güter. Seither liegt der von der EU vermittelte Dialog zwischen den beiden Staaten auf Eis. Serbiens Staatschef Aleksandar Vucic sagt, er sei erst dann bereit zur Aufnahme von Verhandlungen, wenn Kosovo die Strafzölle ausser Kraft setzt.

In die gleiche Kerbe haut jetzt Richard Grenell. Auf Twitter fordert er die neue Regierung Kosovos unter Premierminister Albin Kurti auf, die Zölle umgehend aufzuheben.

«Dealmaker» steht vor vielen Baustellen

Oppositionspolitiker, die dagegen sind, weist Grenell in barschem Ton zurecht – auf Twitter, wie sein Idol in Washington. Der US-Diplomat agiere wie ein Cowboy, der schnell eine Einigung erreichen wolle – diesen Eindruck haben mehrere Gesprächspartner aus der Region, die mit ihm in letzter Zeit zu tun hatten. Offenbar möchte Trump vor den Präsidentschaftswahlen im November wenigstens einen aussenpolitischen Erfolg erzielen.

Der «Dealmaker» steht vor vielen Baustellen: Nordkoreas Diktator machte ihn zum Narren, Syrien hat Trump den Russen, Iranern und den Türken überlassen, sein Nahost-Plan stösst nicht nur bei den Palästinensern, sondern auch bei der EU auf Ablehnung, in Venezuela regiert der Autokrat Nicolás Maduro ungestört weiter, die Spannungen mit Teheran haben sich nach der Tötung des Topgenerals Qasem Soleimani verschärft.

EU-Diplomaten werden übergangen

Trump hatte Ende 2018 in einem Brief an die Präsidenten Serbiens und Kosovos appelliert, die einmalige Gelegenheit für einen einvernehmlichen Frieden zu nutzen. Eine neue Chance werde sich wohl nicht so rasch wieder ergeben. Er freue sich, Aleksandar Vucic und Hashim Thaci ins Weisse Haus einzuladen, um das historische Abkommen zu feiern. Trumps damaliger Sicherheitsberater John Bolton hatte durchblicken lassen, dass die USA eine Grenzkorrektur oder einen Gebietstausch zwischen Kosovo und Serbien nicht verhindern würden.

In Europa sind vor allem Berlin und London vehement gegen Grenzänderungen auf dem Balkan, weil sie schwerwiegende Folgen für den fragilen bosnischen Staat befürchten. Dazu hat Grenell bisher geschwiegen. Und was die Europäer umtreibt, scheint den US-Diplomaten nicht zu interessieren. Über die geplante Aufnahme des Flugverkehrs zwischen Belgrad und Pristina erfuhren die EU-Diplomaten in Brüssel aus den Medien.

Erstellt: 14.02.2020, 14:02 Uhr

Artikel zum Thema

USA sind auf die Basen in Deutschland angewiesen

Trumps Botschafter droht Berlin mit dem Rückzug – einmal mehr. Das würde aber vor allem für ein Land teuer: Die USA. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.