Das verrückte Jahr der Greta Thunberg

Seit ihrem ersten Schulstreik für das Klima ist etwas mehr als ein Jahr vergangen. Wie die 16-jährige Klimaaktivistin die Weltpolitik verändert hat – und sich selbst.

Das US-Magazin Time kürte Greta Thunberg zu einer der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2019. Foto: Mstyslav Chernov, AP Photo, Keystone

Das US-Magazin Time kürte Greta Thunberg zu einer der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2019. Foto: Mstyslav Chernov, AP Photo, Keystone

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Wahrscheinlich waren die aussergewöhnlichsten Tage in diesem verrückten Jahr der Greta Thunberg jene, an denen ausnahmsweise einmal gar nichts geschah. Die 14 Tage auf dem Segelboot, zwischen Plymouth und New York. Sie schlief zwölf, manchmal auch 14 Stunden, blickte endlos auf die Wellen des Atlantiks, sang «Majas Alphabetlieder» von A bis Ö; schwedische Kinder lernen damit die Buchstaben. «Die Fahrt ... es war, als lebte ich mein Leben noch einmal von Anfang an», sagte Greta Thunberg nach ihrer Ankunft in den USA einer Reporterin der schwedischen Zeitung Dagens Nyheter. An Bord wollte sie eigentlich auch Reden schreiben. «Aber es ging nicht. Mein Hirn war leer. Es hat eine Weile gedauert nach unserer Ankunft, bis ich wieder da war.» Weg aus der Welt, für einen kurzen Moment. Und dann zurück mit einer Wucht, die viele überraschte. «Ich sollte gar nicht hier stehen. Ich sollte in der Schule sein auf der anderen Seite des Ozeans», begann Greta Thunberg ihre Rede am 23. September beim Klimagipfel der Vereinten Nationen.

Sie, die zuvor durch nüchterne Präzision aufgefallen war, die ihre wachsende Wut stets ruhig in kühle Worte verpackt hatte, hielt ihre Emotionen diesmal nicht zurück und schleuderte sie den Erwachsenen dieser Welt entgegen. «Ihr sucht Eure Hoffnung bei mir?», fragte sie die in der ersten Reihe beim Klimagipfel versammelten Weltführer, von denen einige – zum Beispiel Bundeskanzlerin Angela Merkel – zuvor noch um ein Selfie gebeten hatten. Und dann packte sie all ihren Zorn in diesen einen Satz, der seither nachhallt mit der Kraft eines Fluches: «How dare you?» Wie könnt Ihr es wagen? Ein New Yorker Musiker verwandelte «How dare you?» unmittelbar danach in einen düsteren Death-Metal-Song. Es wirkte auf sonderbare Weise angemessen. Schon vor dem Trip in die USA war dieses scheue, ernste, eben noch einsame Mädchen im Laufe nur eines Jahres zu einer Berühmtheit in Europa geworden. Als auch noch der Musiker und DJ Fatboy Slim um ihre UN-Rede herum einen Remix seines Hits «Right here, right now» bastelte, war klar: Greta Thunberg war endgültig zu einem globalen Popstar geworden. «Right here, right now is where we draw the line», hatte sie gesagt: Bis hierher und nicht weiter!

Sie wurde für die Rede gepriesen. Sie wurde für die Rede verspottet. Und sie hatte am Ende jener New Yorker Woche drei Millionen Follower mehr auf Instagram als zu Beginn. Was für eine Woche, was für ein Jahr. Im Rückblick sieht es so aus, als habe die Welt nur darauf gewartet, dass sich genau zum Ende jenes verrückt heissen Sommers 2018 genau dieser ernst dreinblickende Teenager auf den Mynttorgetplatz im Herzen Stockholms setzen würde, neben sich das selbstgepinselte Schild «Skolstrejk för klimatet», Schulstreik für das Klima, und mit leisem, aber vernehmbarem Zorn diesen Satz aussprechen würde: «Ihr stehlt uns unsere Zukunft.» Am 20. August 2018 war das, und am ersten Tag war sie noch ganz allein. Was seither passierte, ist kaum zu fassen, ihr Vater Svante Thunberg nennt es «eine Saga». Sagas, das sind die Geschichten, die die Alten im Norden einst niederschrieben, um sie weiterzureichen an ihre Enkel und deren Enkel.

Greta Thunberg sprach vor dem italienischen Senat in diesem Jahr und vor dem EUParlament, vor dem britischen Unterhaus und vor den Vereinten Nationen. Das US-Magazin Time kürte sie zu einer der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres 2019. Das Collins Dictionary wählte den von ihr erfundenen «Climate strike», den Klimastreik, zum Wort des Jahres 2019. Greta Thunberg traf in Rom den Papst und liess sich in Washington von Barack Obama das «fist bumping» erklären, den coolen Faustgruss. Sie sass im kalifornischen Sonnenuntergang mit Leonardo DiCaprio und war Radfahren mit Arnold Schwarzenegger, der sie zu seiner «Heldin» erklärte. Sie reiste zu den Gegnern einer Ölpipeline in Dakota, wo ein Sioux-Führer ihr den Namen «Mahpiya Etahan hi wi» verlieh: Die Frau, die vom Himmel kam.

Was man leicht vergisst angesichts der Bilder dieses Jahres: Greta Thunberg kam nicht vom Himmel, sie war der Hölle entstiegen. Jahrelang hatte sie an schweren Depressionen gelitten, sprach mit niemandem ausserhalb ihrer Familie, litt an Essstörungen. Früh war bei ihr das Asperger-Syndrom diagnostiziert worden, eine Variante des Autismus. Als Greta in die fünfte Klasse kam, ging es ihr immer schlechter. «Unsere Tochter verschwindet in einer Art Dunkelheit», notierte damals ihre Mutter. «Sie hört auf zu lachen. Sie hört auf zu reden. Und sie hört auf zu essen.» Kinder mit Asperger-Syndrom haben es nie leicht. Sie fallen auf. Greta wurde in der Schule ausgelacht, ausgegrenzt, geschlagen.

Als sie elf war und Filme über Umweltzerstörung gesehen hatte, kam etwas Neues dazu: die Angst um den Planeten. «Ich hatte das Gefühl, nichts macht mehr Sinn, wo wir doch ohnehin alle sterben werden», sagte Greta Thunberg. Sie verlor zehn Kilogramm, hörte auf zu wachsen. Die Eltern notierten akribisch ihre Mahlzeiten: «Frühstück: 1/3 Banane. Zeit: 53 Minuten.»

Das britische Mode- und Kunstmagazin i-D hob Greta Thunberg in diesem Frühjahr auf den Titel als «das Mädchen, das die Welt veränderte». Was da nicht stand: Dieses Jahr hat auch das Mädchen verändert. Es war ein Wendepunkt, als sie erleben durfte, dass man ihr zuhört.

Die Mutter, Malena Ernman, tat den ersten Schritt vor mehr als drei Jahren schon: Sie, die als Opernsängerin in Tokio, in Madrid und Wien aufgetreten war, gab Greta zuliebe das Fliegen auf. Und der Vater begann, wie seine Tochter vegan zu essen, er sagt: «Greta war so glücklich. Ihre Worte machten einen Unterschied. Sie wurde gesehen.» Diese Erfahrung, sagte Greta Thunberg, habe ihr aus der Ohnmacht und der Depression geholfen: «Ich sah, dass ich Leute dazu bringen konnte, sich zu ändern.» Greta Thunberg hat all die Friday-for-Future- Gruppen nicht geschaffen, aber sie war ein Auslöser. Eine globale Bewegung hat in ihr das Gesicht gefunden, nach dem sie offenbar gesucht hatte, jetzt, da die Temperaturen steigen, da eine Kette immer neuer Naturkatastrophen den Menschen die Klimaerwärmung mit einem Mal um die Ohren bläst. Es wird von Tag zu Tag schwerer wegzuschauen, wegzuhören. Und dann erklingt da diese Stimme, leise und hell, in der Aussage messerscharf. Eine Stimme, die verzichtet auf den sonst üblichen Puffer aus Höflichkeit und Rücksichtnahme. Ein Teenager, der in seiner Willensstärke und Konsequenz fast ein wenig unheimlich erscheint. «Ihr seid nicht reif genug, die Fakten auszusprechen», sagte sie in New York: «Ihr lasst uns im Stich.»

Dieses Jahr hat fast alles verändert. Eines jedoch nicht. Die Botschaft der Greta Thunberg ist noch immer dieselbe, sie verbreitet sie immer und immer wieder: Hört den Wissenschaftlern zu! Hört den Wissenschaftlern zu! Hört endlich den Wissenschaftlern zu! Jenen vom Klimarat der Vereinten Nationen etwa, die sagen, dass wir unsere Politik und unser Leben schnell und radikal ändern müssen, dass der Punkt nur mehr ein Jahrzehnt entfernt ist, an dem alles kippen, von dem an unsere Erde sich zur Unkenntlichkeit verändern wird. Wir müssten leben mit weit katastrophaleren Hitzewellen als bisher, mit Dürren, Fluten, gesellschaftlichem Aufruhr und riesigen Flüchtlingswellen.

Man hat Greta Thunberg vorgeworfen, die Dinge allzu sehr in Schwarz und Weiss zu zeichnen. Aber, antwortet sie dann, geht es denn nicht um das Überleben der Menschheit? Aus ihrer Sicht ist es einfach: Entweder wir stehen hinter der Wissenschaft oder wir tun es nicht. Entweder wir stoppen die Emissionen oder nicht. Entweder wir machen weiter als Zivilisation oder nicht.

Greta Thunberg wurde radikal und naiv geheissen. Das Irritierende an dieser Kritik ist: Greta Thunberg und all die anderen Schüler fordern nichts anderes als die Einhaltung eines Versprechens, das die Politiker der Welt längst gegeben haben. Sie verlangen, dass am Ende die Klimaerwärmung die 1,5 Grad nicht übersteigt, pochen auf das Pariser Klimaabkommen, das 196 Staaten 2015 unterschrieben haben, um dessen Umsetzung sich aber fast alle drücken. Als gebe es ein Menschenrecht auf Nichtstun und Verdrängung.

Mitte November machte sich Greta Thunberg nach ihrem amerikanischen Abenteuer auf den Weg zurück nach Europa, wieder klimafreundlich auf einem Segelboot, diesmal zum Klimagipfel in Madrid, wo sie wieder erlebte, wie Politiker sehr viel redeten und wenig handelten. Den Nordischen Umweltpreis, den man ihr in ihrer Heimat verleihen wollte, lehnte sie ab. «Wir brauchen keine weiteren Preise», sagte sie. «Wir brauchen Politiker, die endlich handeln.»

Die Vereinigten Staaten und Brasilien verlassen das Pariser Abkommen, Länder wie Deutschland schnüren Klimapaketchen, die möglichst keinem wehtun sollen. «Die öffentliche Debatte hat sich gedreht», meinte Greta Thunberg schon im Frühjahr in Stockholm. «Aber die CO2-Emissionen steigen noch immer, und so wächst die Hoffnung, aber es wächst auch die Verzweiflung.»

Ein scheues, einsames Mädchen brach auf, die Welt zu ändern. Was Greta Thunberg sagt, ist nicht neu. Alle wussten es. Aber auf wundersame Weise gelang es ihr, den Menschen dieses Wissen begreifbar zu machen und die Bedeutung seiner schrecklichen Konsequenzen aus den Kammern ihres Vergessens zu holen. Jetzt ist sie ein Popstar, ein Status, der ihr selbst herzlich egal ist, den sie aber gerne nutzt, weil er Aufmerksamkeit bringt für ihren Kampf gegen die sich anbahnende Klimakatastrophe.

Und natürlich ist diese Aufmerksamkeit ein zweischneidiges Schwert, weil sie sich zuerst auf ihre Person richtet. Das gilt für den Greta-Fanklub, der sie in seiner Verzückung bisweilen behandelt «wie ein Kätzchen auf einem Einrad» (Dagens Nyheter). Und das gilt für die Geiferer, die der «verzogenen Göre», so der britische Motorjournalist und TV-Star Jeremy Clarkson, ein «Wie kannst du es wagen» zurückschleudern: Wie kannst du es wagen, uns in unserer Bequemlichkeit zu stören?

Im chinesischen Zen-Buddhismus gibt es das Sprichwort von den Dummen, die auf den Finger schauen, wenn der Finger auf den Himmel zeigt. Der Finger hier ist Greta Thunberg. Der Himmel, das ist die Klimakatastrophe. Und die Dummen, das wären dann wir.

Erstellt: 30.12.2019, 19:54 Uhr

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