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Lügen-Major vertrat Schweden bei Nato

Ein falscher Offizier schaffte es an die Spitze der schwedischen Armee. Ohne abgeschlossene Offiziersausbildung.

Bis zur Nato hat es der Hochstapler geschafft. Foto: Reuters
Bis zur Nato hat es der Hochstapler geschafft. Foto: Reuters

Fassungslosigkeit war Anfang der Woche die Reaktion in Schweden, als die Tageszeitung «Dagens Nyheter» die wahre Geschichte eines hochdekorierten Top-Offiziers enthüllte, dessen Namen die Öffentlichkeit bis heute nicht kennt – und der nie ein Offizier war. Eine Gaunerei «wie in einem Hollywoodfilm» sei das, schrieb die Zeitung. Das erinnert an das berühmte Stück von Carl Zuckmayer: Es ist eine Posse wie in «Der Hauptmann von Köpenick». Bloss viel irrer.

Der falsche Offizier in Schweden schaffte es nicht nur in ein Stadtteilrathaus – er schaffte es an die Spitze einiger der wichtigsten, geheimsten und sensibelsten Missionen der schwedischen Armee. Und irgendwann sass er als Major sogar im Nato-Hauptquartier. Ohne je einen höheren Schulabschluss besessen, ohne je die Offiziersschule absolviert zu haben. Dabei flog er der Zeitung zufolge sogar zweimal auf verschiedenen Positionen auf – im Herbst 2018 entlarvte ihn offenbar die Küstenwache als Lügner, entliess ihn und schrieb über den Vorfall einen Bericht an Armee und Geheimdienst. Und was geschah? Der Bericht ging verloren, und die Armee rekrutierte ihren falschen Top-Offizier noch einmal im Sommer 2019 als Kommandanten für die schwedischen UNO-Operationen in Mali.

In Kosovo und Afghanistan

Und bis zum Ende, bis zur Veröffentlichung der Geschichte durch «Dagens Nyheter» also, glaubte die Armee, ihr Mann sei Absolvent des Offizierskollegs in Enköping, Offiziersjahrgang 1999. Wie das Blatt enthüllte, wollte der Mann den Lehrgang damals zwar tatsächlich besuchen, durfte es dann aber nicht, weil er den nötigen Schulabschluss nicht vorweisen konnte. Also fälschte er sich offenbar einfach den Abschluss. Wie er auch das Diplom des Offizierslehrgangs fälschte. Und später auch noch einen Studienabschluss in Politikwissenschaften. Und so begann er seine Karriere in der Armee, ohne dass einer einmal nachgeforscht hätte. Unter anderem diente er als Hauptmann in Kosovo und als Major in Afghanistan. Dabei soll er Soldaten im Häuserkampf trainiert und Männer für Auslandseinsätze rekrutiert haben. Die Sonderausbildung an der Nationalen Verteidigungsuniversität, die man in Schweden braucht, um überhaupt Major der Reserve werden zu können, fälschte er auch. Mehrfach wurde er über all die Jahre hinweg belobigt, auch von einem heutigen Brigadegeneral.

Seiner Akte zufolge erfüllte der falsche Offizier seinen Job «einsatzfreudig und positiv».

Nach mehreren Auslandseinsätzen landete er 2007 in einer Einheit, wo ihm «Dagens Nyheter» zufolge die Koordination von geheimen Verschlüsselungstechniken für die Informationssysteme der Armee oblag. Ein Job, den er seiner Akte aus jenen Jahren zufolge «einsatzfreudig und positiv» sowie «korrekt und mit Verantwortungsbewusstsein» erfüllte. Tatsächlich gelangte der falsche Offizier in noch mehr einflussreiche Positionen: Für die Küstenwache hielt er am Ende als eine der Führungspersonen Kontakt zum russischen Geheimdienst FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB. Und von 2012 bis 2015 schickte ihn die schwedische Armee als einen ihrer Vertrauensmänner ins Nato-Hauptquartier in Mons in Belgien. Auch dort scheint er an IT-Systemen wie dem Afghanistan Mission Network (AMN) gearbeitet zu haben. Schweden ist kein Mitglied des Bündnisses, durfte aber als erstes Nicht-Nato-Land am System teilhaben.

Die schwedische Armee teilte mittlerweile mit, es sei «unglücklich» gewesen, dass sie den falschen Offizier zur Nato geschickt habe. «Es ist nicht gut, dass das passiert ist», zitiert «Dagens Nyheter» Oberstleutnant Carl-Axel Blomdahl, der die Untersuchungen für die Armee leitet. «Wir müssen auf diese Positionen echte Offiziere schicken.» Die Armee informierte die Nato erst am Montag, nach der Presseveröffentlichung. Nato-Expertin Ann-Sofie Dahl nannte die Affäre «sehr, sehr beunruhigend», sie sei geeignet, das Vertrauen der Nato-Partner in Schweden zu beschädigen.

Zu einem Interview mit ­«Dagens Nyheter» war der falsche Offizier nicht bereit, schriftlich teilte er mit, er habe nie spioniert und keine Hilfe von dritter Seite gehabt. Oppositionspolitiker nannten die Enthüllungen «fürchterlich». «Die Streitkräfte sollen der wichtigste Garant für die Sicherheit Schwedens sein», schrieb «Dagens Nyheter». «Nun stellt sich heraus, dass sie nicht einmal für ihre eigene Sicherheit sorgen können.»

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