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Russische Journalisten in Zentralafrika getötet

Drei Männer kamen bei Recherchen über die mysteriöse russische Söldnertruppe Wagner ums Leben.

Fotos der Journalisten v.r.n.l: Orchan Dschemal, Kirill Radtschenko, Alexander Rastogujew. (1. August 2018)
Fotos der Journalisten v.r.n.l: Orchan Dschemal, Kirill Radtschenko, Alexander Rastogujew. (1. August 2018)
Maxim Shemetov, Reuters
Die Bilder stehen zusammen mit frischen Blumen vor einer Gedenkwand gestorbener Journalisten in Moskau.
Die Bilder stehen zusammen mit frischen Blumen vor einer Gedenkwand gestorbener Journalisten in Moskau.
Pavel Golovkin, Keystone
Sucht die Schuldigen: Kremlkritiker Michail Chodorkowski in London. (24. Juli 2018)
Sucht die Schuldigen: Kremlkritiker Michail Chodorkowski in London. (24. Juli 2018)
Matt Dunham, Keystone
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Bei einer Investigativrecherche über russische Söldner in der Zentralafrikanischen Republik sind drei Moskauer Journalisten getötet worden. Die drei Reporter seien für ein Projekt des Kremlkritikers Michail Chodorkowski unterwegs gewesen, teilte dieser in der Nacht auf Mittwoch mit.

Er sei entsetzt über den Tod der Journalisten, schrieb Chodorkowski. Er habe gehofft, dass die Reporter nur gefangen genommen worden seien. Dann hätte er sich für ihre Freilassung eingesetzt. «Jetzt werde ich alles dafür tun, die Schuldigen zu finden», so der im Exil lebende Oligarch. Sie hätten über die Aktivitäten der russischen Söldnertruppe Wagner recherchiert.

«Turban tragende Banditen»

Nach Regierungsangaben sind die Journalisten von einer neunköpfigen Gruppe Bewaffneter an einer Strassensperre erschossen worden. Bei den Angreifern habe es sich um «Turban tragende Banditen» gehalten, erklärte der zentralafrikanische Regierungssprecher Ange Maxime Kazagui in einer von der Organisation Reporter ohne Grenzen am Mittwoch auf Französisch veröffentlichten Stellungnahme. Demnach sprachen die Angreifer keine der beiden Amtssprachen Sango oder Französisch.

Angebliche Aufnahmen von Wagner-Söldnern in Zentralafrika.

Bei ersten Untersuchungen örtlicher Mediziner seien keine Anzeichen für Folter, sondern nur Schusswunden gefunden worden, sagte Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Aussenministeriums, am Donnerstag in Moskau.

Eine russische Cessna wird im April in Kaga Bandoro an der Weiterreise gehindert.

Laut Regierungserklärung habe einer der Journalisten sich heftig widersetzt, als die bewaffneten Männer ihre Ausrüstung stehlen wollten. Einer der drei starb demnach sofort, die anderen beiden erlagen später ihren Verletzungen. Die Aussagen stammen von dem Fahrer des russischen Teams, der bei dem Angriff zwar verletzt wurde, aber überlebte.

Weiterer Tod nach Wagner-Recherche

Der Vorfall ereignete sich laut zentralafrikanischen und russischen Quellen in der Nacht zu Dienstag in der Nähe von Sibut im Zentrum des Landes. Der erfahrene Kriegsreporter Orchan Dschemal, sein Kollege Alexander Rastorgujew und der Kameramann Kirill Radtschenko waren am 27. Juli eingereist.

Die zentralafrikanische Justiz, russische Behörden und die UNO-Mission in Zentralafrika (Minusca) haben Ermittlungen zu den drei Todesfällen gestartet. Regierungssprecher Kazagui teilte der Nachrichtenagentur AFP mit, eine Ermordung der russischen Journalisten durch einer bewaffneten Gruppierung angehörige Strassenräuber sei «sehr plausibel».

Im April starb bereits der russische Investigativjournalist Maxim Borodin, der zu Aktivitäten der Söldnertruppe Wagner in Syrien recherchierte. Er stürzte von seinem Balkon im fünften Stock eines Hauses in Russlands viertgrösster Stadt Jekaterinburg. Die Ermittler sprachen von einem «unglücklichen Vorfall».

Nicht akkreditiert

Das russische Aussenministerium in Moskau bestätigte die Identität der drei Todesopfer. Die Männer seien jedoch nicht mit einem Journalistenvisum eingereist, sondern als Touristen, sagte Aussenamtssprecherin Maria Sacharowa der Agentur Tass zufolge. Sie hätten lediglich abgelaufene Bescheinigungen russischer Redaktionen mit sich geführt.

Der Informationsminister der Zentralafrikanischen Republik, Ange Maxime Kazagui, bestätigte, die Männer hätten sich nicht als Journalisten akkreditiert.

Stützpunkt als Ziel

Die drei Männer seien am Freitag in das Land eingereist, «um Bilder über die Aktivitäten des privaten Militär-Unternehmens Wagner zu drehen», erklärte das Zentrum für Investigationsmanagement auf seiner Facebook-Seite. Die Redaktion hatte demnach am Sonntag zuletzt mit ihnen Kontakt.

Die Chefredaktoin des Zentrums, Anastasia Gorschkowa, sagte dem unabhängigen Sender Doschd, die drei getöteten Journalisten hätten am Sonntag einen Stützpunkt in Zentralafrika besuchen wollen, auf dem sich Wagner-Söldner befänden.

Ihnen sei aber der Zugang verwehrt worden, weil sie keine Akkreditierung des zentralafrikanischen Verteidigungsministeriums hatten. Bei der Recherchereise habe den Journalisten ein «Berater» der UNO-Mission in Zentralafrika geholfen.

Am Dienstag seien die Männer zwischen den Orten Sibut und Dékoa etwa 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bangui tot aufgefunden worden, sagte Kazagui. Sie seien entgegen dem Rat von Sicherheitskräften an einem Checkpoint in Sibut weitergereist. Eine Gruppe Bewaffneter habe sie getötet. Auch der Fahrer der Männer wurde demnach verletzt, konnte aber fliehen.

UNO-Mission hilft ermitteln

Die UNO-Friedensmission schickte nach eigenen Angaben ein Team zum Ort des Geschehens. Dort fanden sie die Leichen der Männer und ein Auto vor, das mehrere Einschusslöcher hatte, wie ein UNO-Sprecher sagte. Polizisten der Friedensmission unterstützten nun die zentralafrikanischen Ermittler.

Der Krisenstaat gilt einem UNO-Index zufolge als das ärmste Land der Welt. 2013 war dort ein Bürgerkrieg ausgebrochen, in dem sich Milizen der christlichen Mehrheit und der muslimischen Minderheit gegenüberstanden.

In Folge einer französischen Militärintervention und später einer UNO-Friedensmission stabilisierte sich die Lage etwas. Auch die EU leitet einen militärischen Ausbildungseinsatz in dem Land, der jüngst um zwei Jahre verlängert wurde.

Auszeichnung statt Haft für Utkin

Private militärische Kampfgruppen sind in Russland offiziell verboten. 2014 wurden zwei Männer zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie ehemalige Militärangehörige für eine Söldnertruppe zum Einsatz ein Syrien rekrutiert hatten. Nach Angaben der Internetseite Fontanka, welche die Rolle privater Sicherheitsfirmen im Syrienkonflikt dokumentiert, ging aus dieser Söldnertruppe die Gruppe Wagner unter Führung des früheren russischen Geheimdienstoffizier Dmitri Utkin hervor. Die bezahlten Kämpfer gehören nicht zur Armee, sondern werden laut Medienberichten privat finanziert.

Utkin und die Gruppe Wagner tauchen auf einer schwarzen Liste des US-Finanzministeriums auf, weil sie Soldaten in die Ost-Ukraine geschickt haben sollen, um an der Seite der pro-russischen Separatisten zu kämpfen. Laut Fontanka sind Wagner-Söldner seit Ende 2015 in Syrien auf Seiten von Syriens Machthaber Bashar al-Assad aktiv.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern und trotz eines entsprechenden Gesetzes wurde Utkin bisher in Russland nicht rechtlich für sein Engagement belangt. Stattdessen wurde er im Dezember 2016 in Moskau ausgezeichnet - laut Kreml als Veteran.

Wichtigster Finanzier der Gruppe ist Medienberichten zufolge der Unternehmer und Putin-Verbündete Jewgeni Prigoschin aus St. Petersburg. Prigoschin steht wegen mutmasslicher Einflussnahme auf die US-Wahlen 2016 mithilfe sogenannter Internet-Trolle ebenfalls auf der schwarzen Liste des US-Finanzministeriums.

sda/afp/sep

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