Ein falscher Imam, der gern wild feiert

Der türkische Evolutionsleugner Adnan Oktar wurde mehrfach verhaftet, nun steht er vor Gericht. Zu seinen Opfern soll auch eine Schweizerin gehören.

Der türkische Prediger Adnan ­Oktar am 18. Juli 2018 auf dem Weg zum Gericht, wenige Tage nach seiner Verhaftung. Foto: Getty Images

Der türkische Prediger Adnan ­Oktar am 18. Juli 2018 auf dem Weg zum Gericht, wenige Tage nach seiner Verhaftung. Foto: Getty Images

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Der Reinigung durch das Fasten folgt im Ramadan das Fasten­brechen, alles nach festen Regeln. Aber es geht auch schrill. Mai 2018, in einem der teuersten ­Istanbuler Hotels: Im Festsaal ist für ein paar Hundert Gäste ­gedeckt. Vorspeise, Hauptgericht und Nachspeise sind vom Feinsten. Die Männer tragen Anzüge, die Frauen – und da wird es schräg – sind überwiegend ­platinblond: puppenhafte Wesen aus der Kunstwelt türkischer Schönheitschirurgen, mit auf­gespritzten, grell geschminkten Lippen.

Am Ende des Dinners stellen sich die Gäste ge­duldig an – vor Adnan «Hodscha», ­Meister Adnan, bürgerlich Adnan ­Oktar. Der Guru mit akkurat ­gezwirbeltem Kinnbart nimmt die Huldigungen mit schlaffem Händedruck entgegen.

Sexuelle Übergriffe

Seit Dienstag steht dieser Adnan Oktar, Buchautor, Kreationist, also einer, der die Evolution ­leugnet, vor Gericht. Mit ihm angeklagt sind 225 seiner angeblichen Anhänger, die meisten von ihnen sind in Untersuchungshaft. Die Anklageschrift umfasst fast 4000 Seiten. Die Vorwürfe lauten: Bildung einer kriminellen Vereinigung, sexuelle Übergriffe, Kindesmisshandlung, Entführung, Erpressung, Spionage. Der Prozess findet im Gerichtssaal des Hochsicherheitsgefängnisses von Silivri statt, 70Kilometer von Istanbul entfernt.

Im Juli 2018, wenige Wochen nach dem feinen Fastenbrechen, war Oktar verhaftet worden, nicht zum ersten Mal. In frü­heren Prozessen, mit ähnlichen Vorwürfen, wurde er stets freigesprochen, zuletzt 2007 «aus Mangel an Beweisen», oder er landete für ein paar Monate in der Psychiatrie. Schon damals hiess es, der Prediger mit der Vorliebe für weisse Rohseidenanzüge habe es auf reiche junge Frauen abgesehen, vor allem auf ihr Geld. Von «Abhängigkeiten» wurde berichtet, von Erpressung mit anzüglichem Bildmaterial. Aussteigerinnen sagten das, und sie sagten auch, Abtrünnige würden bedroht. Sektenkenner fühlten sich an Scientology erinnert.

Anhänger auch in Amerika

Aber Oktar predigte und schrieb weiter, auch unter dem Namen Harun Yahya (nach Aaron und ­Johannes dem Täufer), beide Propheten im Islam. Er fand Anhänger von Amerika bis Asien und für seine Bücher Übersetzer für Urdu ebenso wie für Deutsch. Darin nannte er die Evolutionslehre Urgrund allen Übels, vom Kommunismus bis zum Terrorismus. 2011 schuf er den Onlinesender A9, in seiner Show ­tanzte er mit Frauen im Barbie-Look, nannte sie «Kätzchen». Und sie sagten in die Kamera «Mashallah» und «Inshallah», also Ja und Amen.

Der Guru ­lebte weiterhin gut vom Image des ­Enfant terrible.

Was das mit Religion zu tun hatte? Frauen müssten kein Kopftuch tragen, «ein Bikini ­genügt», sagte der Produzent der Show, Oktar Babuna. Feministinnen fanden das Ganze unmöglich, die staatliche Religionsbehörde diagnostizierte «geistige Verwirrung». Der Guru aber ­lebte weiterhin gut vom Image des ­Enfant terrible.

Kreationismus war und ist in der Türkei bei Konservativen in Mode. Darwins Evolutionstheorie sei für Schüler zu kompliziert, stellte das türkische Bildungsministerium 2017 fest. Im Biologieunterricht der neunten Klassen sollte das Kapitel daher durch «Lebewesen und ihre Umwelt» ersetzt werden. Die Evolutionstheorie könne später an der ­Universität gelehrt werden.

«Flüstere mir ins Ohr»

Die Türkei ist laut Verfassung ein laizistischer Staat, ein Erbe von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk (1881–1938), der auch die Kulte und die Scheichs aus dem öffentlichen Leben verbannte. Aber die religiösen Orden blieben weiter aktiv, nur lange im Untergrund. Heute sind sie ­wieder zu sehen, die traditio­nellen wie die neuen. Darunter gibt es auch seltsame Blüten. Jüngst sind gleich mehrere türkische Bücher erschienen, die vor den Gefahren eines ungezügelten Sektenwesens warnen.

Zu den Opfern Oktars soll auch eine minderjährige Schweizerin gehören, die von ihrer Mutter in die Istanbuler Villa des Sektenführers gebracht wurde. Die 15-Jährige erzählte türkischen Zeitungen, Oktar habe zu ihr gesagt: «Flüstere mir ins Ohr» und «sag mir, dass du mich willst».

Oktar, 63 Jahre alt, sagte im Gerichtssaal: «Ich bin kein ­Hodscha.» Er geniesse nur das Leben, möge «schöne Menschen». Und ja, ein Macho sei er auch, «der gern wild feiert». Von religiöser Erbauung war nicht die Rede.

Erstellt: 19.09.2019, 14:00 Uhr

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