«Wir sahen haushohe Flammen lodern»

In der Siedlung Lobethal in Australien liegen 85 Häuser in Schutt und Asche. Besuch in einem Dorf, das sich nicht unterkriegen lässt.

«Jetzt will ich nur noch, dass der Bulldozer kommt und aufräumt», sagt Tina Zadow, von deren Haus in Lobethal, Südaustralien nicht mehr viel übrig.

«Jetzt will ich nur noch, dass der Bulldozer kommt und aufräumt», sagt Tina Zadow, von deren Haus in Lobethal, Südaustralien nicht mehr viel übrig.

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Vier geborstene Wände, ein glasloses Fenster, durch die Decke hängt das versengte Wellblechdach. «Das war mal unser Wohnzimmer», sagt Tina Zadow und zeigt mit starrem Blick ins Leere. «Hier stand die Schrankwand aus Eiche mit den Büchern meines Vaters und den Fotoalben. Da die Kommode mit dem Geschirr und den Goebel-Figürchen meiner Grossmutter.» Nun liegt nur noch Asche am Boden, zentimeterhoch. Der Kopf eines Porzellanengels lugt heraus, geschmolzene Flaschen, ein verkohltes Metallstück. «Vermutlich der Fernseher», sagt Tina Zadow. «Sieht seltsam aus, oder?»

Mit ihrer Fussspitze stupft die 54-Jährige in der dreckig-grauen Masse herum. Am Anfang, sagt sie, konnte sie gar nicht glauben, «dass das alles ist, was das Feuer von unserem Haus übrig liess». Und jetzt? «Jetzt will ich nur noch, dass der Bulldozer kommt und aufräumt.»

Wiederaufbau und Erholung

Drei Wochen ist es her, dass ein Flammenmeer rund um Zadows Heimatdörfchen Lobethal, in den Hügeln bei Adelaide, eine auch für Südaustralien aussergewöhnlich verheerende Feuer-Saison eröffnet hat. Noch immer kämpfen freiwillige Feuerwehrleute im 130 Kilometer entfernten Kangaroo Island wie auch im Osten Australiens verzweifelt gegen Gras-, Busch- und Wildfeuer, mittlerweile sind im ganzen Land schon 112'000 Quadratkilometer verbrannt, und es werden jeden Tag mehr.

In den «Hills» dagegen brennt es nicht mehr. Dort hat die nächste Phase begonnen, die «Recovery», auf deutsch entspricht das am ehesten einer Kombination aus «Wiederaufbau» und «Erholung». Und da zeigen die Australier, was sie besser können als Klimaschutz: zusammenstehen, wenn es hart auf hart kommt, anpacken für die «community», die Gemeinschaft. Besonders wenn diese so alteingesessen ist wie in Lobethal.

Biblisch und preussisch

Der Name klingt nicht zufällig deutsch und biblisch. 1842 wurde der Ort von strenggläubigen Immigranten aus Preussen gegründet. Viele der heute 2000 Bewohnerinnen und Bewohner sind direkte Nachfahren oder spätere Auswanderer wie Tina Zadow – und stolz auf das «Bierhaus», das gute Brot der «German Bakery», auf die Original-Lutherbibeln in ihrem Museum. Und das Lichterfest, das sie jedes Jahr zu Weihnachten für Tausende Besucher organisieren. Diesmal jedoch brannten in Lobethal keine Lichter, sondern Feuerwalzen.

Die Rauchwolken können Gewitterstürme auslösen – es kommt zu erneuten Bränden. Video: AP/Storyful

Am Morgen des 20. Dezember war im Nachbarort Cudlee Creek ein Ast auf eine Stromleitung gefallen. Dann passierte das, was Australier an Tagen, die aufgrund ihrer Wetterverhältnisse als «catastrophic firedays» kategorisiert werden, am meisten fürchten: Ein Funken entzündete die ausgedörrte Vegetation, starker Wind und Temperaturen über 40 Grad entfachten ein Inferno, das in wenigen Stunden über 25'000 Hektar Land herfiel.

  • Es tötete einen 69-jährigen Mann, der sein Haus zu retten versuchte.
  • Es legte 85 Häuser in Schutt und Asche wie das, in dem Tina Zadow mit ihrer demenzkranken Mutter Christel wohnt.
  • Es vernichtete den Bio-Bauernhof einer Familie, die traumatisierte Soldaten bei sich aufnahm.
  • Es verbrannte Hunderte Schafe, das Futterheu, die Regenwassertanks, den Traktor, die Zäune der Nachbarfarm.
  • Es pulverisierte die Studios eines Künstlerpaars samt ihrer Skizzen, Bilder, Holzskulpturen, Fotografien.
  • Es fackelte das Weingut, die Fässer und den Grossteil der Reben eines Winzers ab.
  • Es liess Tausende Kilo Käse einer Käserei schmelzen, die für die Festtage ausgeliefert werden sollten.
  • Es zerstörte die Bienenstöcke einer jungen Frau, die Oldtimer-Sammlung eines älteren Herren, 200 Autos, 400 Schuppen, Ställe, Garagen.
  • Es tötete und verletzte unzählige Koalas, Kängurus und andere Wildtiere, nahm ihnen den Lebensraum, ihre Nahrung.

Die Liste könnte seitenweise weitergehen.

Als die Feuer nachmittags auf den Ortskern von Lobethal zurauschten, brach Panik aus unter den Menschen, die sich mit ein paar hektisch gepackten Taschen dorthin evakuiert hatten. «Der Himmel war schwarz vom Rauch, wir sahen haushohe Flammen lodern», erinnert sich Adam Weinert, 42, der die Tankstelle im Ort betreibt und um sein Benzindepot fürchtete; sein Haus stand bereits in Flammen. In allerletzter Minute konnte ein Wasserbomber die Feuerfront zurückdrängen.

«Nennt mich bloss nicht Held, ich mach' nur meinen Job», sagt Feuerwehrmann Peter Wicks (l.), hier mit dem Helfer Nathan Watts.

Weinert, 42, gehört zur sechsten Generation einer der Gründerfamilien, ist bestens vernetzt in den «Hills». Er hat als Soldat in Afghanistan gedient «und dort gelernt, selbst im Chaos zu funktionieren», wie er sagt. Kurz vor Weihnachten herrschte pures Chaos in Lobethal. Weder Strom noch Internet, verzweifelte Menschen, herumirrende Tiere, viele Kadaver. Umgestürzte Bäume blockierten die Strassen, die Feuerwehrleute des «Country Fire Service» rasten hin und her, weil noch immer Flammen züngelten. Das Nothilfe-Camp der Behörden war Dutzende Kilometer entfernt. Also organisierte Weinert die Nothilfe vor Ort. Das Altersheim wurde die Zentrale.

Innerhalb von Stunden organisierten Dutzende Freiwillige Notübernachtungen für obdachlos gewordene Familien, verteilten Sandwichs, Spielzeug oder Taschenlampen, fuhren Wasser und Heu zu hungrigen Schafen, versorgten verletzte Koalas oder schläferten leidende ein. «Die Hilfs- und Spendenbereitschaft war enorm», erzählt Weinert.

Hilfe durch Freiwillige

Wer heute die kurvigen Strassen nach Lobethal hinauffährt, sieht noch immer versehrtes Land. Verkohlte Strassenbäume und Felder. Reben mit braunen statt grünen Blättern. Ruinen, um die Warnbänder flattern. Kühe, die die Flecken im Gras abweiden, die das Feuer wundersamerweise verschont hat. Doch man sieht auch: Die Lobethaler erobern sich ihr Leben zurück.

Auf dem Weingut «Tilbrook Estate» schneiden über ein Dutzend Freiwillige die versengten Reben zurück. «Ich dachte, das Feuer habe meine berufliche Existenz zerstört», sagt James Tilbrook, der Besitzer. «Ich war tagelang wie gelähmt, konnte kaum sprechen. Dann rief mich ein befreundeter Uni-Dozent an und sagte ‹Hey mate, lass mich versuchen, deine Reben zu retten.› Seitdem arbeitet er hier jeden Tag mit seinen Studenten und anderen Weinliebhabern, für umsonst.»

Auf dem Weingut von James Tillbrook, wo freiwillige Helfer versuchen, die Reben zu retten.

Am Stadion, dem Stützpunkt der Organisation «Blaze Aid», trudeln derweil zahlreiche «grey nomads» ein: australische Rentner, die in ihren Wohnwägen durchs Land reisen und nun für ein paar Tage oder Wochen den Lobethaler Farmern helfen werden, ihre Zäune wiederaufzubauen. Und im Zentrum entsorgen Angestellte der Käserei «Udder Delights» 60 Tonnen Camembert, Brie und Blaukäse im Müllcontainern, weil der Käse zu viel Rauch abbekommen hat. «Ich könnte heulen», sagt Manager Saul Sullivan. «Aber ich darf nicht, ich bin der grösste Arbeitgeber im Ort, ich muss jetzt Hoffnung verbreiten und kann das auch.» Seit seine Frau ein Radio-Interview gab, trudeln aus ganz Australien Bestellungen solidarischer Käseliebhaber ein. In ein paar Tagen will Sullivan wieder produzieren.

Das frisch eröffnete staatliche «Recovery Centre» soll Orientierung im Bürokratiedschungel leisten, in dem unweigerlich landet, wer Entscheidendes verloren hat – vom Führerschein über Versicherungspolicen bis zum Dach überm Kopf. Südaustralien hat betroffenen Landwirten umgerechnet rund 6200 Euro als Ersthilfe in Aussicht gestellt, Premierminister Morrison 1,2 Milliarden Euro für Feueropfer. Nur: Wie und wann das Geld verteilt wird, ist noch völlig unklar.

«Aussie-Spirit»

Entsprechend müde und ratlos sehen die Menschen aus, die zur Beratung kommen. Einige weinen, Männer wie Frauen. Psychologisch geschulte Freiwillige vom Roten Kreuz nehmen sie in Empfang, hören ihnen zu. «Jeder reagiert anders auf so ein Trauma», erklärt der Gruppenleiter des Teams. «Doch alle betonen, wie dankbar sie sind über die Unterstützung ihrer ‹community›».

Das, sagt auch Tina Zadow, «ist der Aussie-Spirit». Noch nie hat sie ihn so gespürt wie jetzt. Mit ihrer Mutter lebt sie derzeit in der Wohnung eines Freundes ihres Sohnes. Er ist, erzählt Zadow, spontan zu seiner Partnerin gezogen, als er gesehen hat, wie verwirrt Zadows Mutter ist. Die 79-Jährige spreche seit dem Brand immer wieder davon, wie sie als Mädchen im Zweiten Weltkrieg im Bombenhagel übers Eis der Ostsee fliehen musste.

Am Samstag hat das «Bierhaus» zu einem Wohltätigkeitskonzert geladen, die Spenden gehen an den Hilfsfond des «Country Fire Service». Der örtliche Gruppenleiter Peter Wicks, seit 50 Jahren freiwilliger Feuerwehrmann, sagt: «Nennt mich bloss nicht Held, ich mach' nur meinen Job.» Ein Kollege, der wie Wicks seit Weihnachten und Neujahr im Dauereinsatz war, um ja sämtliche Brandherde rund um Lobethal zu löschen, ist in Uniform zur Party erschienen.

«Ich muss gleich weiter», sagt er. «Auf Kangaroo Island brauchen sie Hilfe.»

Erstellt: 15.01.2020, 15:16 Uhr

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