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lomoAuspacken delegieren

Unser Kolumnist fragt sich, wozu die beliebten Unboxing-Videos gut sind.

Logo: Peter Gut
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Hab ich mir nun also doch einen neuen Plattenspieler gekauft. Denn der geliebte alte, den ich damals secondhand bekommen habe (danke noch mal, lieber Roland!) spielte mittlerweile die Musik mit so überraschenden Tempiwechseln ab, dass ich selbst die vertrautesten Jazz-Standards nicht mehr so recht wiedererkannte.

Allerdings gabs dann auch beim neuen Plattenspieler Schwierigkeiten mit dem Tempo, jedoch nicht beim Abspielen, sondern bei der Lieferung. Offenbar hatte zeitgleich mit mir auch der Rest der Schweiz sich entschlossen, dass ein musikalischer Frühlingsputz anstehe, und so war der Plattenspieler-Lieferant entsprechend überlastet und die Ankunft meiner Bestellung ungewiss.

Ich hab dann die Wartezeit so überbrückt, dass ich mir online nochmals alle Erfahrungsberichte zum Gerät meiner Wahl angeschaut habe, und dabei stiess ich auch gleich auf mehrere Filmchen, die nichts anderes zeigten, als wie jemand die Schachtel mit Plattenspieler aufmacht und auspackt. Unboxing – so nennt man diese Clips, und ich habe herausgefunden, dass diese auf den sozialen Medien sogar bereits ein eigenes blühendes Genre bilden.

Man könnte den Rest der Lebenszeit damit verbringen, nur noch Leuten zuzuschauen, wie sie irgendetwas auspacken. Dabei sind sogar die Herstellerfirmen selbst an solchen Auspack-Videos interessiert, weil das geteilte Auspacken angeblich die Bindung an eine Marke verstärke.

Päckli-Öffnen als sozialer Kitt? So ganz glaub ich das nicht. Viel eher hab ich den Verdacht, dass die Unboxing-Clips ähnlich paradox funktionieren wie die letzte Woche erwähnten Kochtipps, bei denen man je länger, umso weniger Lust bekommt, noch selber zu kochen. Interpassivität (statt Interaktivität) hat das der österreichische Philosoph Robert Pfaller genannt: Statt mich zu aktivieren, dienen neue Medien dazu, dass wir lieber nur noch passiv zuschauen, wie die andern was machen.

Dass man jedoch sogar das Auspacken einer Bestellung an andere delegieren kann, war mir neu. Als mein Plattenspieler dann trotzdem endlich ankam, war das Auspacken aber tatsächlich fast enttäuschend, weil nur eine Wiederholung von dem, was ich schon vom Youtube-Filmchen her kannte. Ich hab mich dann damit getröstet, dass es beim Plattenspieler ja zum Glück nicht primär ums Auspacken, sondern ums anschliessende Abspielen geht. Und dort ist fehlende Überraschung ja durchaus erwünscht.