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Banken machen Druck auf SNB-Präsident Thomas Jordan

Um Firmen mehr Kredite zur Verfügung zu stellen, soll die Nationalbank den sogenannten antizyklischen Eigenkapitalpuffer auflösen.

SNB-Präsident Thomas Jordan soll Eigenkapitalvorschriften der Banken lockern.
SNB-Präsident Thomas Jordan soll Eigenkapitalvorschriften der Banken lockern.
Keystone

Die Corona-Krise stürzt die Wirtschaft in ein Loch. Hinter den Kulissen laufen Gespräche, wie der vom Bundesrat verordnete Vollstopp von grossen Teilen der Wirtschaft abgefedert werden kann. Damit Banken ihre Rolle als Geld- und Kapitalversorger in der Krise besser wahrnehmen können, wird nun der Ruf nach einer Lockerung der Eigenkapitalvorschriften laut.

Wie die Redaktion Tamedia erfahren hat, steht eine Lockerung des sogenannten antizyklischen Eigenkapitalpuffers zur Diskussion. Dabei handelt es sich um ein nach der Finanzkrise eingeführtes Instrument, um das Kreditwachstum in Boomzeiten zu dämpfen. Es verlangt, dass Banken die Hypothekarkredite mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen. Dadurch steigen die Kosten bei den Banken, was auf die Kreditvergabe drücken soll.

Erstmals aktiviert wurde der Dämpfer im Jahr 2012. Zwei Jahre Jahr später wurde er auf den heutigen Wert von zwei Prozent der sogenannten risikogewichteten Aktiven erhöht. Maximal ist ein Zusatzpuffer von 2,5 Prozent möglich. Weil mit dem Ausbruch des Coronavirus die Boomzeiten in der Schweiz vorläufig vorbei sind, soll der Puffer nun wieder auf null gestellt werden. Damit würde das zusätzlich aufgebaute Kapitalpolster freigesetzt, was eine Kreditvergabe begünstigte. Der Puffer wird auf Antrag der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vom Bundesrat genehmigt beziehungsweise ausgesetzt.

Auflösung des Puffers muss rasch erfolgen

Um in einem Wirtschaftsabschwung eine Wirkung zu entfalten, muss die Auflösung des Puffers rasch erfolgen. So sieht es auch die SNB, auf deren Initiative dieses Instrument eingeführt wurde. In einem Grundlagenpapier heisst es: «Da sich jedoch die Risiken für die Finanzstabilität in guten Zeiten gewöhnlich allmählich aufbauen, deren Folgen sich aber sehr plötzlich materialisieren können, muss der Kapitalpuffer unter Umständen rascher freigegeben werden.» Schnelles reagieren ist auch deshalb nötig, um zu verhindern, dass das Instrument nicht den gegenteiligen, also einen prozyklischen Effekt entfaltet und die Krise zusätzlich verstärkt.

Andere Länder haben den antizyklischen Eigenkapitalpuffer bereits auf null gesetzt. Das wirkt sich positiv auf das zur Verfügung stehende Kreditvolumen aus. Die Bank of England schätzt, dass den britische Banken dadurch ein zusätzliches Kreditvolumen von 190 Milliarden Pfund geschaffen wird. Diese Summe sei 13-mal höher als die gesamten Kreditvergaben an Unternehmen im vergangenen Jahr. Voraussichtlich soll der Puffer für die nächsten 12 Monate ausgesetzt werden. In den USA wurde diese Instrument, das im Rahmen des Regelwerks Basel III der Bank für internationalen Zahlungsausgleich entwickelt wurde, gar nie eingeführt.

Mehr Kredite zur Verfügung stellen zu können, ist der Sinn einer Deaktivierung des Puffers. Und die Kreditschleusen zu öffnen, ist auch genau das, was von den Banken derzeit gefordert wird, weltweit und in der Schweiz. Gemäss Schätzungen von Bankenvertretern könnten durch die Streichung des Puffers Dutzende Milliarden an Krediten zusätzlich zur Verfügung gestellt werden.

CS-Chef Thomas Gottstein lancierte die Idee eines 20 Milliarden Franken schweren Hilfspakets. Foto: Beat Mathys
CS-Chef Thomas Gottstein lancierte die Idee eines 20 Milliarden Franken schweren Hilfspakets. Foto: Beat Mathys

Weil vielen Firmen die Umsätze wegbrechen, sie aber Löhne und Mieten weiterhin bezahlen müssen, werden offene Kreditlinien bereits jetzt im grossen Stil gezogen. Mehr wird nötig sein, um die Folgen einer möglichen Rezession möglichst zu dämpfen. CS-Chef Thomas Gottstein lancierte letzten Freitag die Idee eines 20 Milliarden Franken schweren Hilfspakets. Damit sollen Unternehmen mit Krediten versorgt werden.

Mittun sollen auch andere Banken wie die UBS oder die Kantonalbanken. Aber auch der Bund soll in der Verantwortung stehen. Ähnlich wie bei der Exportrisikogarantie soll er im Falle eines Ausfalls geradestehen. Zwei ETH-Ökonomen forderten am Mittwoch die Schaffung eines «Schweizfonds» über 100 Milliarden Franken, um die finanziellen Folgen der Corona-Krise abzufedern.

Betroffen ist das Rückgrat der Schweizer Volkswirtschaft

Durch die Corona-Krise besonders hart getroffen ist das Rückgrat der Schweizer Volkswirtschaft, die vielen Tausenden kleineren und mittelgrossen Unternehmen. Gewisse Branchen sind direkt von den Notmassnahmen des Bundes betroffen und müssen ihre Betriebe für Wochen einstellen. Andere Branchen sind indirekt betroffen. Derzeit kaum tangiert sind die Banken in der Schweiz, die über genügend Eigenkapitalreserven und Liquidität verfügen.

Ein Sprecher der schweizerischen Bankiervereinigung sagt, dass die Banken alles Interesse haben, die Schweizer Unternehmen mit genügend Kapital und Liquidität zu versorgen. Die Banken seien gut aufgestellt und würden der Realwirtschaft helfen. Die Finanzmarktaufsicht Finma sagt, dass sie mit den Banken in engem Kontakt stehe. Die Nationalbank wollte sich nicht dazu äussern und verwies auf den Donnerstag.

Dann wird sie ihre periodische geldpolitische Lagebeurteilung vornehmen. Der Termin wird mit Spannung erwartet. Manche Beobachter glauben, dass die SNB den Negativzins von –0.75 Prozent auf –1 Prozent senken könnte, um ein Erstarken des Franken zu verhindern. Will SNB-Präsident Thomas Jordan auch etwas gegen die missliche Lage der Schweizer KMU tun, wäre neben anderen Massnahmen eine Deaktivierung des antizyklischen Eigenkapitalpuffers angezeigt, wie es im Jargon der Notenbanker heisst.

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