The Take

Die Tücken eines Filmfestivals

Unsere Autorin verzweifelt am Zurich Film Festival beinahe. So viel Filme und so wenig Zeit. Da hilft auch der beste Plan nichts.

Das Zurich Film Festival (ZFF) zeigt seit 13 Jahren eine sorgfältig kuratierte Auswahl an Filmen.

Das Zurich Film Festival (ZFF) zeigt seit 13 Jahren eine sorgfältig kuratierte Auswahl an Filmen. Bild: Keystone

«Für diesen Film hat es leider keine Tickets mehr», sagt der nette Herr im Pavillon des Zurich Film Festivals (ZFF) auf dem Sechseläutenplatz. «Kein Problem», antworte ich lächelnd und drehe mich weg, damit er mir die aufsteigende Panik nicht vom Gesicht ablesen kann. Wenn ich diesen Film morgen Nachmittag verpasse, gerät mein ganzer Plan durcheinander! Alles ist aufeinander abgestimmt. Ändert sich auch nur ein kleiner Teil, fällt das Ganze auseinander. Die Arbeit eines ganzen verregneten Sonntagnachmittags für die Katz!

Wie jedes Jahr habe ich natürlich sofort nach Bekanntgabe des Programms angefangen, meinen Festivalplan zu entwerfen. Dabei muss bedacht werden, welche Filme ich unbedingt sehen will (3 Billboards Outside Ebbing, Mississippi), welche ganz interessant wären (Disappearance) und welche allenfalls eine Option wären, die ich aber auch auslassen kann (Coby). Dann schickt mir natürlich mein Kollege auch noch seine Auswahl und wir versuchen zumindest einige Filme gemeinsam zu schauen. Einen Rubiks Würfel zu lösen scheint mir fast einfacher. Aber nach ausführlichem Haareraufen habe ich dann meinen Plan beisammen.

Doch der Realität hält er natürlich keine Minute stand. Irgendwie habe ich vergessen, Zeit für den Einkauf freizuhalten! Und die Familie stellt auch noch Ansprüche! Also lasse ich mehr oder minder schweren Herzens einige Screenings ausfallen (When Harry Met Sally). Andere Filme bleiben auf der Must See List, doch im Nachhinein stellt sich heraus, ich hätte besser darauf verzichtet (Daphne) und stattdessen zum gefühlten hundertsten Mal dabei zugeschaut, wie Harry und Sally ihre Freundschaft ruinieren.

Apropos Freundschaft – durch das ZFF werde ich zur total asozialen Person. Klar, ein, zwei Mal schleppt mich mein Kollege mit, doch die meiste Zeit sitze ich alleine im Kino, und schaue angestrengt auf mein Handy bis der Film endlich anfängt. Was ja eigentlich kein Problem ist, denn in den geheiligten Vorführräumen sollte, vor allem während der Film läuft, nicht gequatscht werden. Aber eben, für Treffen, die nicht festivalrelevant sind, bleibt einfach keine Zeit. Ich frage mich, ob mich meine Freunde nächste Woche noch erkennen werden, so ganz bleich durch den Mangel an Sonne.

Der nette Mann im Festivalzentrum hat also keine Ahnung, was er mir antut, mit seinen so einfach dahingesagten Worten – er hat keine Ahnung was ich für das ZFF alles aufgegeben habe! Aber dann entkrampfe ich meine Hand und streiche meinen zerknitterten Plan wieder glatt. Aller halb so schlimm. Das Wichtigste kann mir der nette Mann gar nicht nehmen. Den besten Film am Festival habe ich bereits gesehen: «Call Me By Your Name», ein Kunstwerk, das einen in einen italienischen Sommer transportiert, und einen in die bittersüsse Zeit des (beinahe) Erwachsenwerdens zurückversetzt. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass keiner der Filme, die ich verpasst habe, besser sein können!

Und nächstes Jahr habe ich dann wieder die Gelegenheit, mit einem ausgeklügelten Plan gegen die Realität anzutreten.

Olivia Tjon-A-Meeuw

Das Zurich Film Festival dauert noch bis am Sonntag.

Erstellt: 06.10.2017, 17:12 Uhr

ZSZ-Redaktorin Olivia Tjon-A-Meeuw liebt Kinosäle, steht zu ihrer Netflix-Sucht und hasst nichts so sehr wie Spoiler. An dieser Stelle bloggt sie über ihre Leinwand- und Streaming-Erlebnisse und bewertet Filme und Serien.

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