Familie

Abschied nehmen vom Baby

Manche Eltern müssen von ihrem Kind Abschied nehmen, bevor es geboren ist. Andere ein paar Tage oder Wochen nach der Geburt. Betroffene werden oft zu wenig unterstützt.

Stirbt ein Kind kurz vor oder nach der Geburt, fehlen gemeinsame Erinnerungen. Deshalb ist es wichtig, Andenken und Rituale zu gestalten.

Stirbt ein Kind kurz vor oder nach der Geburt, fehlen gemeinsame Erinnerungen. Deshalb ist es wichtig, Andenken und Rituale zu gestalten. Bild: Andreas Blatter

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Gut einen Monat vor der Geburt spürte die heute 42-jährige Fabienne Frei* ihre kleine Tochter Sarah* intensiv. «Sie strampelte und zappelte wie wild im Bauch», erzählt die Mutter. «Ich habe an diesem Abend noch mit ihr geschäkert.» Am nächsten Morgen sei es plötzlich still gewesen in ihr. «Ich habe sofort gespürt, dass etwas nicht stimmt.»

Eine Welt ist zusammengebrochen

Die Mutter konsultierte ihre Ärztin. «Nach der Kontrolle hat diese uns mit Tränen in den Augen mitgeteilt, dass sie beim Kind keine Herz­töne mehr höre.»Für sie sei in diesem Moment die Welt zusammengebrochen, sagt die Mutter.

«Was einem da durch Kopf und Körper geht, lässt sich nicht in Worte fassen.» Später habe sich die Ärztin bei den Eltern entschuldigt, weil sie ihr Mitgefühl so offen gezeigt habe. «Aber genau das hat uns enorm gutgetan. Wir haben dadurch gespürt, dass uns die Gynäkologin als vollwertige Eltern wahrnimmt, die ihr Kind verlieren.»

Eine Mutter bleibt Mutter

Hier liege das grosse Problem, sagt Anna Margareta Neff Seitz. Die Hebamme, die auch als Trauerbegleiterin ausgebildet ist, hat als Leiterin der Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod in Bern in den vergangenen Jahren zahlreiche Eltern betreut, die ihre Kinder im Babyalter verloren. «Eltern, die von ihren ungeborenen Kindern oder auch von Neugeborenen Abschied nehmen müssen, erhalten kaum fachliche Nachbetreuung.»

Das Angebot in Spitälern oder durch die Hebammen sei hauptsächlich für Mütter mit lebenden Kindern gedacht. «Was aber, wenn ein Kind plötzlich stirbt? Die Mutter bleibt dennoch Mutter.» Gerade kürzlich hätten sich völlig aufgewühlte Eltern mit der Diagnose «schwerer Herzfehler» des Ungeborenen an die Fachstelle gewandt. Sie seien vom Gynäkologen mit der Aufforderung heimgeschickt worden, sich im Internet kundig zu machen.

Beim Entscheid oft allein gelassen

Beim Entscheid, ob eine Schwangerschaft mit einem kranken oder gar sterbenden Baby fortgeführt werden solle, würden die Eltern oft allein gelassen, bemängelt Neff. «Wenn beim Ungeborenen der Tod festgestellt wird, werden die Eltern meist nicht nach Hause geschickt, sondern es wird sofort die Einleitung der Geburt angeboten.» Dies, während die Eltern noch unter Schock stünden. «Es ist alarmierend, wie oft selbst Gynäkologen überfordert sind, wenn es nicht um Leben, sondern um Sterben geht.»

Dies sei der Grund gewesen, dass vor gut 13 Jahren die Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod gegründet worden sei, sagt Neff. Die Fachstelle ist schweizweit die einzige ihrer Art. Die Betreuung der Mütter, aber auch der Väter sei der eine Teil ihrer Arbeit, sagt die engagierte Fachstellenleiterin. «Wir kämpfen aber auch dafür, dass das Fachpersonal in den Spitälern im Umgang mit Kindsverlust und Trauerarbeit ausgebildet wird.»

Schliesslich seien relativ vieleEltern betroffen. In der Schweiz sterben laut Bundesamt für Statistik jedes Jahr rund 700 Kinder in den letzten Schwangerschaftswochen oder kurz nach der Geburt, also in der perinatalen Phase. Um die 20 000 sterben bereits in der frühen Schwangerschaft.

Abwarten ist möglich

Sie habe immer wieder gehört, dass Eltern allein gelassen worden seien nach einer psychisch oft schwer verdaubaren, sofort eingeleiteten Geburt. «Viele Eltern werden ungenügend über die verschiedenen Möglichkeiten informiert.» Nach dem Wissen um den Tod ihres ungeborenen Kindes hätten die Mütter oft das Gefühl, dass nun alles schnell gehen müsse. «Dabei besteht die Möglichkeit, zuerst heimzugehen und langsam zu realisieren, was passiert ist. Und dann in Ruhe vom Kind Abschied zu nehmen, bevor die Geburt eingeleitet wird.»

Es bestehe keine Gefahr für die eigene Gesundheit, wenn die schwangere Frau noch einige Tage zuwarte. Viele Mütter seien überfordert und bereuten hin­terher die schnelle Entscheidung zur sofortigen Geburtseinleitung.

Fehlgeburt wird vom Umfeld oft unterschätzt

Das Umfeld bewerte eine Fehl- oder Totgeburt oft als weniger dramatisch als das Verlieren eines älteren Babys oder Kindes. «Aber Eltern sind Eltern und Kinder sind Kinder. Die Liebe fängt mit der Entstehung und dem Wachsen eines Lebens an. Niemand kann beurteilen, wie sich Eltern durch den Verlust eines Kindes fühlen», sagt Anna Margareta Neff.

Daher plädiert die Fachfrau für mehr Einfühlungsvermögen im Umgang mit Eltern, die ein Baby verloren haben. «Da gemeinsame Erinnerungen mit dem Kind fehlen, ist es für das Weiterleben von grosser Bedeutung, in der kurzen Zeit, in der das verstorbene Kind da ist, Andenken und Rituale zu gestalten.»

Wie vom Blitz getroffen

Fabienne Frei war mit 39 nicht mehr ganz jung, als sie schwanger wurde. «Eine mögliche Totgeburt war deshalb auch ein Thema.» Dennoch hat sie die Nachricht vom Tod ihres ersehnten Kindes am Ende des achten Monats wie ein Blitz getroffen.

Heute ist sie, neben der verstorbenen Sarah, auch Mutter eines kleinen Jungen. «Ich bin die Mutter zweier Kinder», betont Fabienne Frei. Sie denke bis heute täglich an ihre Sarah und erzähle auch dem Sohn von ihr. «Wir haben keine Angst, ihren Namen zu erwähnen», sagt sie. «Er klingt wie Musik in unseren Ohren.»

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Erstellt: 31.05.2016, 14:27 Uhr

Studie zum Thema

Dass Eltern von Kindern, die kurz vor oder nach der Geburt sterben, oft alleine gelassen werden, bestätigt eine Forschungsarbeit der Zürcher Hochschule für ­Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Winterthur.

Das Problem sieht die Studienleiterin, Professorin Valerie Fleming, vor allem in der fehlenden Betreuungskontinuität. «Keine Fachperson ist verantwortlich dafür, Eltern in dieser schwierigen Phase über längere Zeit zu begleiten», sagt sie. Die Eltern würden vom Diagnose stellenden Arzt ins Spital geschickt und dort meistens von verschiedenen Fachpersonen betreut. Auf Fragen wie «Hat das Baby Schmerzen?» oder «Warum muss ich normal gebären?» erhalten die Mütter gemäss der Studie selten konkrete und individuelle Antworten.

Fleming schlägt vor, ein Palliativ-Pflegeprogramm auszuarbeiten für Eltern, die mit dem Thema «Sterben am Lebensanfang» konfrontiert sind. Spezialisten würden dann ein betroffenes Paar individuell und intensiv ­begleiten. So könnte eine lückenlose Betreuung über die gesamte Zeitspanne von der Diagnose bis nach der Geburt gewährleistet werden. sat

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