Gesundheit

Es ist nie zu spät, ­die Lebensgewohnheiten zu ändern

Manchmal verlangt es das Leben, auch in fortgeschrittenem Alter Neues in Angriff zu nehmen. Zwei Fachleute, die psychisch kranke Menschen begleiten, erzählen ihre Erfahrungen.

Ein neues Hobby oder die Wiederaufnahme eines Hobbys, für das man keine Zeit mehr hatte, kann dabei helfen, aus der Leere herauszufinden.

Ein neues Hobby oder die Wiederaufnahme eines Hobbys, für das man keine Zeit mehr hatte, kann dabei helfen, aus der Leere herauszufinden. Bild: Shotshop

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Die Verhaltens- und Denk­muster zu ändern, ist für viele bereits in jüngeren Jahren ein schwieriges Unterfangen. Im Alter wird man wohl kaum ­flexibler. Wie ist da Psycho­therapie noch möglich?
Robert Koch: Einfacher wird es nicht, das ist richtig. Doch wir setzen immer bei den Ressourcen unserer Patienten an. Das heisst, wir suchen gemeinsam mit ihnen nach den Fähigkeiten und Interessen, die noch vorhanden sind, und versuchen, diese zu stärken, statt auf die Defizite zu fokussieren. Während einige in der Therapie eine Rückschau auf ihr Leben halten wollen, arbeiten wir mit an­de­ren auf einer sehr praktischen Ebene. Es sind stets die Pati­enten selber, die den Auftrag an uns formulieren.

Wie konkret können Sie ­ die Patienten in praktischen ­Handlungen unterstützen?
Rolf Huber: Wenn sich zum Beispiel jemand wegen einer Depression länger zurückgezogen hat, begleiten wir die Person beim Bus­fahren. Zudem bieten wir eine Sozialkompetenz-Gruppe an, wo die Leute etwa üben, Telefonate zu führen. Nur schon kleine Erledigungen im Alltag, wie zum Beispiel die Pflanzen giessen, beim Kochen helfen oder die Stationskatze füttern, tragen dazu bei, dass Betroffene wieder Vertrauen in sich selber fassen und an Sicherheit gewinnen. Dadurch werden auch die inneren Strukturen stabilisiert.

Wie unterscheidet sich ­ die psychiatrische Arbeit ­ mit älteren Menschen von ­jener mit jüngeren?
Koch: Manches ist ähnlich, doch die Themen sind anders. Viele kommen zu uns nach einem Verlust des Partners oder nach der Pensionierung. Solche Si­tua­tio­nen verlangen nach einer Neuorientierung. Man muss andere Lebensinhalte finden, neue Kontakte knüpfen oder eingerostete wieder aktivieren. Dies braucht viel Mut und Ener­gie­­­­, besonders, wenn man körperlich nicht mehr so fit ist. Die gesundheitlichen Pro­bleme sind ein weiterer Aspekt, der bei älteren Menschen mehr ins Gewicht fällt. Zudem äus­sern sich psychische Pro­ble­me häufig in Form von körperlichen Leiden, weshalb auch Hausärzte oft mit diesen Menschen zu tun haben. Manchmal dauert es lange, bis sie an einen Psychiater überwiesen werden. In unserer Behandlung gehen wir auch die körperlichen Beschwerden an.

Wie könnte so eine ­Neuorientierung aussehen?
Huber: Oft geht es einfach dar­um, ein Hobby wieder aufzunehmen, das man vor Jahren fallen gelassen hat, vielleicht aus Zeitmangel. Manchmal ermutigen wir Patienten, wieder Musik zu machen oder Anschluss an eine Jass­gruppe zu suchen. Wichtig ist, dass sie im Alltag wieder eine ­Tages- und Wochenstruktur mit regel­mässigen Aktivitäten aufbauen. Wir helfen ihnen, ihre Hemm­schwellen zu überwinden und machen sie mit all den zahlreichen sozialen Angeboten bekannt: Vereine, Selbsthilfegruppen, Pro Senec­tute und andere Organisationen.

In Ihrem Wochenprogramm finden sich Angebote wie ­Natur-, Genuss- oder Lese­gruppe sowie interpersonelle Therapie und Patientenfach­forum. Was wird da gemacht?
Koch: Unsere Patienten sind sehr heterogen, was die sozialen und kulturellen Hintergründe betrifft. Wir haben es mit ehemaligen Geschäfts­führern, Hilfsarbeiterinnen und allem dazwischen zu tun. In der interpersonellen Therapie zum Beispiel besprechen wir die grossen Lebensthemen: Einsamkeit, Verlust und Trauer, Rollenwechsel im Alter. Da ist ­ ein hohes Mass an Selbstreflexion gefragt. Im Patientenfachforum vermitteln wir Informationen über psychische Krankheiten und Medikamente, in einer Form, die auch wenig Gebildete verstehen. In der Lesegruppe geht es dar­um, die intellektuellen Fähigkeiten anzuregen. Wir lesen einfache Texte – etwa eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht – und diskutieren danach darüber.

Huber: Die Genussgruppe richtet sich vor allem an Depressive, die sich nur noch um ihre negativen Gedanken drehen. Wir versuchen, alle fünf Sinne anzuregen und Erinnerungen wachzurufen: Welche Farbe mögen Sie? Welche Musik haben Sie früher in welcher Si­tua­tion gehört, und was ­ für Esswaren haben Ihnen geschmeckt? So versuchen wir, die Patienten aus ihrem Gedankengefängnis herauszuführen.

Für welche psychischen ­Krankheiten ist Ihr Angebot ­geeignet?
Koch: Ein Grossteil unserer Patienten leidet an Depressionen und Angsterkrankungen. Manchmal spielen auch Alkohol- oder Tablettensucht eine Rolle. Nicht eingerichtet sind wir für akut suizi­dale Menschen, für schizophrene oder demente Patienten. Für diese Gruppen gibt es innerhalb der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland (IPW) spezielle Angebote.

Was verstehen Sie eigentlich ­unter «älteren Menschen»?
Koch: Wir definieren diesen Lebens­abschnitt mehr über die Themen, die zur Krankheit führten, als über das biologische Alter. Die meisten bewegen sich zwischen 65 und 75, aber wir haben auch schon 55-Jährige oder über 90-Jährige behandelt.

Das therapeutische Milieu ist wohl vielen älteren Menschen nicht so vertraut wie jüngeren, vielleicht sogar etwas suspekt. Wie kooperativ erleben Sie Ihre Klientel?
Koch: Es gibt schon solche, bei denen man spürt, dass sie eigentlich nichts ändern wollen. Mehr als Empfehlungen abgeben können wir nicht. Auch wenn das bedeu­tet, dass sie unter gleichen oder schlechteren Vorzeichen wie­der kommen. Aber das ist ja nicht nur bei älteren Menschen so und auch nicht nur bei psychischen Problemen. Viele erleiden einen zweiten und dritten Herzinfarkt, bis sie bereit sind, ihre Ess- und Bewegungsgewohnheiten zu ändern.

Huber: Meist tut es nur schon gut, unter Menschen mit ähnlichen Problemen zu sein. Manche blühen richtiggehend auf in diesem Milieu. Es sind schon Freundschaften entstanden, die über den Klinikaufenthalt hinausgehen. Doch für viele ist der Schritt nach Hause schwierig. Sie fühlen sich einsam, und die Sym­pto­me verschlechtern sich. Es ist deshalb sehr wichtig, dass die Patienten schon während der Behandlung mal für einen Nachmittag oder später ein Wochenende heim­gehen und das Gelernte ausprobieren. Nicht selten müssen wir aber nach dauerhaften Lösungen wie etwa einer betreuten Wohnform suchen.

Den ganzen Tag mit ­depressiven alten Leuten ­zusammen zu sein, ist bestimmt sehr belastend. Wie gehen Sie damit um?
Koch: Gleichzeitig wird da eine grosse Fülle an Lebenserfahrungen spürbar. Ich habe grossen Respekt vor der Lebensleistung dieser Menschen. Es ist auch eine dankbare Arbeit. Das sieht man daran, dass unser Team sehr motiviert ist und eine grosse Konstanz aufweist. Wir leben hier mit den älteren Menschen. (landbote.ch)

Erstellt: 07.10.2015, 14:03 Uhr

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Zu den Personen

Robert Koch ist Leitender Arzt ­ der Psychotherapiestation für ­ältere Menschen in Winterthur, die zu der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland (IPW) gehört. Am 28. Oktober um 19.00 Uhr hält er im Konzertsaal der Klinik Schloss­tal in Winterthur einen öffentlichen Vortrag über Psychotherapie im Alter. Der Pflegefachmann ­ Rolf Huber ist Stationsleiter derselben Psychotherapiestation.

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