Schule

Glücklich ohne Lego, Puppen und Co.

Im spielzeugfreien Kindergarten spielen die Kleinen ohne Spielsachen – und ohne Anregungen durch die Lehrperson. Der Kindergarten Frohberg in Winterthur hat an dem Projekt teilgenommen.

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Für diesen Morgen gibt es kein Lernziel. Kein Angebot, keinen thematischen Rahmen. Ja, nicht einmal einen klitzekleinen Input von der Kindergärtnerin. Die Kinder spielen, was sie wollen. Sie springen von den Regalen, ziehen Tische über die Treppe, machen ein Chaos. Sie sind laut.

Tücher und Wäschklammern

Neun Wochen geht das so. So lange nimmt der Winterthurer Kindergarten Frohberg am Suchtpräventionsprojekt «spielzeugfreier Kindergarten» teil. Das bedeutet: Alle vorgefertigten Spielsachen machen Ferien im Keller. Legosteine, Spiele, Puppen und Bilderbücher sind weg. Selbst das Bastelmaterial, Malfarben und Bälle sind verstaut. Neben den leeren Möbeln gibt es Tücher und Wäscheklammern. Sonst nichts. Ausser der eigenen Fantasie und Kreativität.

Zwei Mädchen laden zur Zirkusvorstellung, fünf Buben setzen sich auf die Stühlchen vor der «Manege». «Hunde» vollführen allerlei Kunststücke. Im Nebenzimmer springen ein paar Kinder von den leeren Regalen auf eine dicke Matte. Ein Junge trägt auf seinem Rücken einen grossen Korb, wie eine Schnecke ihr Häuschen. Zwei Mädchen legen mit Tüchern einen «Zaubergarten».

Kindergärtnerin als Beobachterin

Die Kindergärtnerin kann sich viel Zeit nehmen, mit der Journalistin zu reden. Ihre Aufgabe beschränkt sich darauf, das Geschehen zu beobachten und bei gefährlichen Vorhaben der Kinder zu intervenieren. «Die Kinder haben mir schon gesagt, sie bräuchten mich nicht mehr, sie könnten mich eigentlich wie die Spielsachen im Keller versorgen», sagt Cristina Carotti schmunzelnd. Den ganzen Morgen lang beschäftigen sich die 5- bis 6-Jährigen selbst. Nur, wenn sie nicht weiterkommen, bitten sie die Kindergärtnerin um Rat. «Frau Carotti, ich schaffe es nicht, den Tisch dort rüber zu tragen», sagt ein Junge. Cristina Carotti fragt zurück. «Was ist das Problem? Wie könntest du es lösen?» Auch das ist Teil des Konzepts: Die Lehrperson hält sich zurück mit Lösungsvorschlägen, Ratschlägen und Ideen. Der Bub kommt selber darauf, dass er drei Mädchen fragen muss, ob er ihre «Wohnung», die sie aufgebaut haben, etwas verschieben darf, damit sein Tisch daran vorbei passt.

Möchte ein Kind nach draussen gehen, klingelt es mit der Glocke. Sobald sich alle Kinder versammelt haben, bringt es sein Anliegen vor und es gibt eine Abstimmung. Die Mehrheit entscheidet – auch die Kindergärtnerin ordnet sich unter.

Keine Anarchie

Eine Lehrperson, die nichts zu sagen hat? Wer meint, im spielzeugfreien Kindergarten herrsche Anarchie, der irrt. Die Kindergärtnerin greift zwar möglichst selten ins Geschehen ein, doch der spielzeugfreie Kindergarten ist keine regelfreie Zone. Die Kinder müssen respektvoll miteinander umgehen. Tun sie das nicht, bittet sie die Kindergärtnerin aufs «Friedensbänkli». Dort geht es darum, den Konflikt zu lösen. Die Kindergärtnerin hilft auch hier lediglich, indem sie Fragen stellt. Am Anfang sei das Bänkli noch rege genutzt worden, doch seit zwei Wochen liege es brach, erzählt Cristina Carotti. Die Kinder lösen ihre Konflikte an jenem Ort, an dem sie entstehen – alleine. «Das überrascht mich total», sagt die erfahrene Kindergärtnerin.

Das klingt alles interessant. Doch warum gleich so radikal? Warum gibt es im spielzeugfreien Kindergarten nicht einmal Malsachen? «Es geht in dem Projekt darum, dass sich die Kinder von nichts ablenken lassen», erklärt Cristina Carotti. «Sie sollen beim Malen nicht in eine eigene Traumwelt abtauchen.» Die Kinder sollen sich miteinander auseinandersetzen, sie sollen lernen, Langeweile auszuhalten und ohne Angebot von aussen zurechtzu-kommen.

Energieverbrauch steigt

«Ich habe Hunger!», ruft ein Mädchen. «Ich auch! Ich auch!», kommt es wie ein Echo aus den Mündern vieler Kinder. Es ist 9.30 Uhr und die Znünis sind bereits alle aufgegessen. Während des Projekts spielzeugfreier Kindergarten dürfen die Kinder essen, wann sie wollen. Viele machen das bereits zwischen 8.30 und 9 Uhr. Wer kreativ ist, braucht viel Energie. Zudem bewegen sich die Kinder viel mehr als im normalen Unterricht. «Obwohl ich auch sonst viel Bewegung einbaue, merke ich jetzt, wie enorm gross der Bewegungsdrang von Kindern in dem Alter ist», sagt Cristina Carotti. Diese Erkenntnis möchte sie in den «normalen» Kindergartenalltag mitnehmen.

Cristina Carotti und ihre Kollegin Montserrat Venditti sind begeistert von dem Projekt. «Es ist unglaublich, wie liebevoll die Kinder miteinander umgehen, wie sie zum Beispiel beim Anstehen geduldig warten, bis sie an der Reihe sind», sagt Carotti. Die drei Alphatiere der Klasse würden die anderen Kinder nicht mehr dominieren. «Am Anfang war es, wie ich es erwartet hatte: die drei sagten, wo es lang geht, die anderen machten mit. Doch nach einer Weile fingen Letztere an, sich zu wehren. Sie wollten aufs Friedensbänkli und forderten dort ganz vehement ihre Rechte ein.» Das habe sie so noch nie erlebt.

Anspruchsvoller Start

Der Start des Projekts sei sehr anspruchsvoll gewesen, erzählt Carotti. Die Kinder loteten ihre Grenzen aus: «Manche waren unanständig und meinten, meine Kollegin und ich hätten jetzt nichts mehr zu sagen. Andere sprangen wild herum.» Obwohl die Kindergärtnerinnen vor der Gefahr gewarnt hatten, fiel ein Regal um. Da sei der Groschen gefallen. «Die Kinder verstanden, dass sie selbst dafür verantwortlich sind, dass es ihnen gut geht.»

Cristina Carotti ist zwar begeistert, trotzdem sagt sie nach sieben Wochen spielzeugfreiem Kindergarten: «Mir reichts langsam.» Sie freut sich darauf, die Räumlichkeiten wieder schön einzurichten, Geschichten zu erzählen und mit den Kindern zu basteln. «Dieses Projekt verlangt mir viel mehr ab als der normale Unterricht.» Sich zurückzuhalten, stets abzuschätzen, wann sie doch intervenieren muss, weil etwas (zu) gefährlich ist, ist eine Herausforderung für die Fachfrau.

Kinder vermissen Spielsachen nicht

Die Kinder hingegen vermissen die Spielsachen und die geführten Lektionen offenbar nicht. Direkt nebenan befindet sich nämlich ein weiterer Kindergarten, der nicht an dem Projekt teilnimmt. Dort sind die Regale voller Spielsachen und auf den Tischen stehen Bastelarbeiten. Bis jetzt habe sich noch kein Kind von ihrer Gruppe dorthin «verirrt», erzählt Carotti.

Bevor sie nach Hause gehen, dürfen die Kinder jeweils kundtun, wie ihnen der Morgen gefallen hat und wie es ihnen geht. Jedes Kind klemmt eine Wäscheklammer an jenes Smiley-Gesicht, das seiner Stimmung entspricht. Die Wäscheklammern hängen jeweils mehrheitlich am lachenden Smiley. ()

Erstellt: 16.04.2016, 18:46 Uhr

Nachgefragt mit Larissa Hauser, Suchtpräventionsstelle Winterthur

Der spielzeugfreie Kindergarten ist ein Suchtpräventionsprojekt. Was hat ein Kindergarten ohne Spielsachen mit Suchtprävention zu tun?
Larissa Hauser: Mir ist wichtig zu erwähnen, dass sich das Projekt nicht gegen Spielzeug richtet. Durch das Projekt werden gewisse Lebenskompetenzen der Kinder gestärkt. Es ist erwiesen, dass diese Fähigkeiten eine gesunde Entwicklung begünstigen.

Was sind Lebenskompetenzen?
Dazu gehören Fähigkeiten wie zum Beispiel, mit Langeweile umgehen zu können, Differenzen auf konstruktive Art auszutragen, Probleme eigenständig zu lösen oder Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Wir von der Suchtprävention nennen diese Kompetenzen auch Schutzfaktoren, da sie Risikofaktoren für eine Sucht – zum Beispiel ein schwieriges soziales Umfeld – gegenüberstehen. Natürlich ist ein Kind, welches das Projekt spielzeugfreier Kindergarten miterlebt hat, nicht gefeit vor einer Sucht. Doch es ist weniger gefährdet. Das bestätigen Untersuchungen aus Deutschland, wo das Projekt entwickelt wurde.

Kindergärtler sind noch weit weg von Zigaretten, Alkohol oder Drogen. Warum kümmert man sich so früh um Suchtprävention?
Im Kindergartenalter ist die Prävention noch nicht spezifisch. Es geht nicht nur um Sucht-, sondern gleichzeitig auch um Gewaltprävention. Das Projekt «spielzeugfreier Kindergarten» bereitet allgemein auf das Leben vor. Es macht Sinn, möglichst früh damit anzufangen.

Im Winterthurer Kindergarten Frohberg funktioniert das Projekt sehr gut. Gibt es auch negative Erfahrungen?
Die Feedbacks sind mehrheitlich positiv. Von einem Abbruch habe ich noch nie gehört. Es gibt aber meistens eine Phase, in der es für die Lehrperson zäh ist. Die beobachtende Rolle ist für viele eine Herausforderung. Während des Projekts werden die Stärken, aber auch die Schwächen der einzelnen Kinder besser sichtbar. Das kann schwierig sein. Es gibt auch Kinder, die lange brauchen, bis sie sich in der neuen Situation wohlfühlen. Doch wir bekommen die Rückmeldung von Eltern wie Lehrpersonen, dass die Lebenskompetenzen der Kinder durch das Projekt sichtlich gestärkt werden und die Kinder mehrheitlich positive Erfahrungen machen.

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