Arbeit

Wenn der Job plötzlich weg ist

Wie gehen Menschen mit einer unerwarteten Kündigung um? Vielen gelingt das überraschend gut, wie eine Studie der Universität Zürich nahelegt.

Wer plötzlich die Stelle verliert, muss oft wieder lernen, wie man ein Bewerbungsschreiben verfasst.

Wer plötzlich die Stelle verliert, muss oft wieder lernen, wie man ein Bewerbungsschreiben verfasst. Bild: Shotshop

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Lukas Steinegger* befand sich mitten in einem Projekt, das ihn stark beanspruchte. «Die Arbeit interessierte mich und ich spürte einen richtigen Flow», erzählt der Informatiker, der bei einer international tätigen Firma arbeitete. Dann kam die Kündigung. Wie aus heiterem Himmel. Zwar hatte Steinegger gewisse persönliche Differenzen mit seinem Chef, der vor einem Jahr die Funktion als Bereichsleiter übernommen hatte. Doch dass man ihn so schnell loswerden wollte, damit hatte der 45-Jährige nicht gerechnet.

«Ich erschrak»

Es war im letzten August, als ein Meeting mit seinem Chef anstand. Steinegger ging davon aus, dass sich das Gespräch um das aktuelle Projekt drehen würde, und bereitete sich inhaltlich auf die anstehenden Themen vor. Als dann überraschend auch die Leiterin der Personalabteilung zugegen war, schwante ihm, worauf das Gespräch hinauslaufen könnte. «Ich erschrak», blickt Steinegger zurück.

Es war das erste Mal in seinem Berufsleben, dass er so unsanft vor die Tür gestellt wurde. Besser hätte er es gefunden, wenn der Vorgesetzte das Gespräch mit ihm gesucht hätte und sie zusammen nach einer Lösung gesucht hätten. Denn es sei leichter, sich zu bewerben, wenn man noch eine Stelle habe, als wenn man bereits beim Regiona­­len Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) angemeldet sei.

Der Informatiker arbeitete dann noch einen knappen Monat weiter. Bis Ende November wurde er bezahlt, war aber freigestellt. Am Anfang tat er sich ziemlich schwer mit seiner Situation. «Ich war verunsichert, zweifelte an mir selber und fühlte mich ausserhalb der Gesellschaft.» Als der erste Schreck nachgelassen hatte, wandte er sich rasch ans RAV. Von seiner Beraterin fühlt sich Steinegger gut unterstützt. Er erhielt Inputs für das professionelle Erstellen eines Lebenslaufs sowie Hinweise auf Webseiten für die Stellensuche. Auch die Option einer künftigen Selbstständigkeit war Thema.

Zeit für eine Standortbestimmung

Dass er jeden Monat zehn bis zwölf Bewerbungen schreiben muss, empfindet er zwar manchmal als belastend. Besonders gegen das Jahresende hin waren die Inserate dünn gesät; es war schwierig, passende Ausschreibungen zu finden. Das habe wohl damit zu tun, dass viele Firmen zu diesem Zeitpunkt noch kein bewilligtes Budget für das kommende Jahr hätten, mutmasst Steinegger. Unterdessen hat er bereits an die 100 Bewerbungsschreiben verschickt, bisher ohne Erfolg. Als Quereinsteiger werde ihm nicht gerade der rote Teppich ausgelegt, das bekam der gelernte Fernseh- und Radioelektriker zu spüren.

Vielen Verantwortlichen würden Bachelor- und Masterabschlüsse mehr imponieren als seine 20 Jahre Berufserfahrung, stellt er etwas ernüchtert fest. Zwar hat auch er sich stetig weitergebildet. Doch das zähle anscheinend weniger.

Neben der Suche in gängigen Internet-Jobportalen setzt der Erwerbslose seine Hoffnung in sein grosses Netzwerk. Weil er ­öfters die Stelle gewechselt hat, unterhält er Kontakte zu zahlreichen Berufskollegen in verschiedenen Unternehmen. Viele Stellen würden gar nie ausgeschrieben, sondern über Beziehungen vergeben, hat Steinegger erkannt.

Mehr Zeit, um zu leben

Sowieso: Langweilig ist ihm nicht. Seine Tage seien dicht gefüllt, sagt Steinegger. Nur schon das Schreiben von Bewerbungen braucht viel Zeit. «Es ist wichtig, jede einzelne individuell und genau zu verfassen», weiss er. Zudem konnte der Informatiker bereits einige Aufträge auf Free­lance-Basis an Land ziehen. Und weiter hat er nun mehr Zeit für seinen grossen Freundeskreis und seine Hobbys. Dass er etwas Luft hat, um sich zum Beispiel auch mal für seinen Musikverein zu engagieren, kommt ihm gerade recht. Als Unverheirateter ohne Unterhaltspflichten erhält er 70 Prozent seines früheren Lohnes. Da er gut verdiente, kommt er damit problemlos über die Runden.

Der Informatiker ist zuversichtlich, dass er bald wieder eine Stelle finden wird. Sein Time-out will er auch nutzen, um eine Standortbestimmung vorzunehmen. In der Informatikbranche arbeite man oft 120 Prozent, sagt Lukas Steinegger. Bei einer künftigen Anstellung wolle er mehr auf seine Work-Life-Balance achten sowie auf die Stimmung im Team, nimmt er sich vor. «Das ist mir unterdessen wichtiger als Position und Lohn.»


* Name geändert ()

Erstellt: 06.04.2016, 11:01 Uhr

Studie der Uni Zürich

Lukas Steinegger* ist einer von bisher gut 150 Teilnehmenden an einer Studie der Universität Zürich. Eine Abteilung des Psychologischen Instituts untersucht die Auswirkungen einer Entlassung auf die psychische Gesundheit. Das Forschungsprojekt wird von Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker geleitet und vom Schweizerischen Nationalfonds finanziell unterstützt. Gesucht werden weitere Teilnehmende, die in den letzten sechs Monaten ihren Arbeitsplatz ungewollt verloren haben und bereit sind, über ihre Erlebnisse zu erzählen. Das Gespräch dauert rund zwei Stunden und wird mit 80 Franken entschädigt.

Kontakt: Louisa Lorenz, Telefon 044 635 74 57, E-Mail: l.lorenz@psychologie.uzh.ch

«Ein Grossteil verkraftet den Stellenverlust gut»

Darüber reden sei besser als verschweigen, sagt Louisa Lorenz im Interview.

Uns Schweizern bedeutet die Arbeit bekanntlich viel. Lukas Steinegger* scheint die unerwartete Kündigung aber erstaunlich gut wegzustecken. Wie repräsentativ sind seine Erfahrungen?
Louisa Lorenz: Bei unseren bis­herigen Befragungen haben wir festgestellt, dass der Grossteil einen Stellenverlust relativ gut verkraftet. Nach einer ersten Kränkung sehen manche darin eine Chance für einen Neuanfang. Ein kleinerer Teil tut sich sehr schwer mit der Situation. Doch dies ist erst eine Tendenz, die sich abzeichnet. Wir wollen 600 Befragungen durchführen, sind aber erst bei gut 150.

Haben Sie das erwartet?
Aus der bisherigen Stressforschung weiss man, dass es Personen gibt, die mit solchen Lebensereignissen besser umgehen können als andere.

Worunter leiden die Leute am meisten?
Mit der Arbeit verliert man nicht nur eine Tätigkeit, sondern auch eine geregelte Tagesstruktur und ein soziales Umfeld. Diese Umstellung macht einigen Menschen Mühe. Dazu kommt der administrative Aufwand: Mit der Anmeldung bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) kommt der Druck, sich zu bewerben. Viele haben schon lange kein Bewerbungsschreiben mehr verfasst und müssen dies zuerst lernen. Manche müssen sich mit einem Umzug beschäftigen oder eine neue Betreuungseinrichtung für die Kinder suchen.

Wie können Sie einschätzen, wie es den Betroffenen wirklich geht?
Die meisten Betroffenen erzählen in unseren Befragungen gern und ausführlich. Wir fragen auch nach Symptomen, die auf eine Depression oder eine Anpassungsstörung hinweisen: zum Beispiel, ob sie Konzentrations- und Schlafstörungen haben oder ob sie ständig an eine bestimmte Situation denken. Die Geschichten sind sehr vielfältig.

Können Sie bereits sagen, welche Voraussetzungen für eine gute Verarbeitung günstiger sind und welche weniger?
Personen, die sozial gut eingebettet sind, können besser mit einem Stellenverlust umgehen. Das ist naheliegend. Darüber reden ist besser als verschweigen.

Was für eine Rolle spielen finanzielle Sorgen?
Dazu können wir noch nichts sagen.

Gibt es bereits ähnliche Studien aus anderen Ländern?
Die Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit wurden bereits verschiedentlich erforscht. Uns ist aber keine Untersuchung des unmittelbaren Erlebens einer Kündigung bekannt.

Wird Ihre Studie jemandem nützen, wenn der Schlussbericht vorliegt?
Ja, wir werden unsere Ergebnisse allen Interessierten zugänglich machen, zum Beispiel den RAV. Das Ziel ist es, Angebote schaffen zu können, welche die Personen in schwierigen Situationen unterstützen.

Gibt es denn dazu bereits Ideen?
Denkbar sind zum Beispiel Schulungen für RAV-Beratende, um sie für speziell belastete Personen zu sensibilisieren. Weiter könnte man Selbsthilfegruppen oder Kurse für Betroffene ent­wickeln. Aber konkret ist noch nichts.

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