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Interview«Le Corbusier sagte mir nichts»

Nichts habe seine Bauten mehr geprägt als der Wunsch, eine Grossfamilie möge in ihnen glücklich werden: Der 91-jährige indische Architekt Balkrishna Doshi. Foto: Keystone

Vergangenes Jahr wurde Ihnen der Pritzker-Preis verliehen, die weltweit bedeutendste Auszeichnung für Architekten. In Ihrer Dankesrede sagten Sie, Sie seien einer Eingebung gefolgt, als Sie Ihr Studium der Malerei nach zwei Jahren abbrachen und sich für Architektur entschieden. Haben Sie solche Eingebungen öfters?

Sprachen Sie Englisch?

Der Schweizer Le Corbusier, 1887 als Charles-Édouard Jeanneret-Gris geboren, war damals neben Frank Lloyd Wright und Walter Gropius der berühmteste lebende Architekt. Was liess Sie hoffen, der 64-Jährige könnte Interesse an einem 24 Jahre alten Niemand haben?

«Abends sass ich allein in meinem Hotelzimmer, trank Milch und weinte.»

Ein paar Tage später reisten Sie nach Paris.

Welche Atmosphäre erwartete Sie?

Wovon haben Sie in Paris gelebt?

«Das Manifest» – Eine Mischung aus Architekturbüro und Veranstaltungszentrum: Das Sangath, 1980 fertiggestellt. Foto: Getty Images

Fanden Sie Freunde?

Wie sah das Chefzimmer von Le Corbusier aus?

Sie wurden erst der Vorzugsschüler von Le Corbusier, dann vier Jahre lang sein wichtigster Mitarbeiter bei Projekten in Indien. Was sah Ihr Mentor in Ihnen?

Zu Ihren ersten Aufgaben gehörten Detailentwürfe für Gebäude in Chandigarh, einer Planstadt für 500'000 Einwohner im nordindischen Bundesstaat Punjab. Warum wurde statt Le Corbusier kein Inder mit diesem Prestigeprojekt betraut?

Le Corbusier galt als in sich gekehrt und unnahbar. Sie nannte er oft zärtlich «mon petit Doshi». Was für ein Mensch war er?

Le Corbusiers Biografen behaupten, Indien habe seine Ästhetik radikal verändert. Richtig?

In der Regel bekommen Architekten strikte Vorgaben, was sie zu welchem Preis zu bauen haben. Weshalb hatte Le Corbusier in Indien freie Hand?

1925 wollte Le Corbusier die halbe Altstadt von Paris dem Erdboden gleichmachen, um dort Hochhäuser mit sechzig Stockwerken zu bauen. Sollten wir lernen, uns vor Architekten mit revolutionärem Impetus zu fürchten?

Wenn Sie Ihre Erfahrungen mit Le Corbusier in einem Satz zusammenfassen müssten, wie würde er lauten?

«Es muss Zeit vergehen, bis eine künstliche Stadt lebenswert ist.»

Nach sechs Jahren Le Corbusier haben Sie von 1962 an vierzehn Jahre lang mit dem Amerikaner Louis Kahn zusammengearbeitet, einem weiteren Säulenheiligen der Architekturmoderne. Von wem haben Sie mehr gelernt?

Gab es Ähnlichkeiten zwischen Kahn und Le Corbusier?

1956 gründeten Sie in Ahmedabad Ihr Architekturbüro Vastu Shilpa, das bis heute rund hundert Bauten konzipiert hat, von Privathäusern und Regierungsgebäuden bis hin zu Hochschulen und ganzen Städten. Gab es einen Leitgedanken?

Mitte der Achtziger entwarfen Sie ausserhalb von Jaipur die Satellitenstadt Vidhyadhar Nagar mit energieeffizienten Sozialwohnungen für 400'000 Menschen. In Indore waren Sie Ende der Achtziger beim Aranya Housing Project für die Planung von 6500 Sozialwohnungen für 80'000 Menschen verantwortlich. Berühmte Architekten reden gern davon, Wohnungen für die Bewohner von Slums zu entwerfen, tun es aber nicht. Was treibt Sie?

«In meinem Büro erwarten mich To-do-Listen, denen ich seit dreissig Jahren keine Beachtung schenke.»

Sind am Reissbrett geplante Siedlungen für ihre Bewohner nicht der blanke Horror?

Möchten Sie in einer Retortenstadt leben?

Laut Doshi eine Symbiose von Modernismus und Hindu-Traditionen: Studenten im Indian Institute of Management Bangalore (1977-1992). Foto: Getty Images

Sie haben nie Aufträge ausserhalb von Indien angenommen. Waren Sie mal versucht, in London oder New York glanzvolle Hochhäuser oder Konzerthäuser zu bauen, die Ihnen den Nimbus eines Celebrity-Architekten verliehen hätten?

Bei Ihrer Geburt im Jahr 1927 hatte Indien 270 Millionen Einwohner, heute sind es 1,3 Milliarden. Jährlich kommen 15 Millionen Menschen hinzu. Lösen diese Zahlen bei Ihnen Weltuntergangsstimmung aus?

Wenn Sie nur eines Ihrer Gebäude vor dem Abriss retten könnten, welches wäre es?

Es heisst Sangath, steht in Ahmedabad und ist eine Verbindung aus Architekturbüro, Ideenlabor und Veranstaltungszentrum.

Verglichen mit den Büros berühmter Architekten in Europa oder den USA wirkt Sangath höchst bescheiden.

Sie sind 91 Jahre alt. Wie sieht Ihr Tag aus?

Welche?

Sind Sie spirituell oder religiös?

Menschen, die meinen, Sie zu kennen, erzählen, die prägendste Figur Ihres Lebens sei Ihre Mutter. Sehen Sie das auch so?

«Ich musste nie Geld von Menschen annehmen, deren Verhalten meiner Ethik zuwiderlief.»

Hatten Sie weitere Erlebnisse dieser Art?

Ihnen gehört weder Ihr Privathaus noch Sangath. Warum?

Seit wann denken Sie so?

Stimmt es, dass Sie für Ihre Arbeit als Dozent und Rektor der Architektenhochschule in Ahmedabad in mehr als zwanzig Jahren niemals Geld angenommen haben?

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein zeigt vom 30. März bis zum 8. September die erste Retrospektive über Ihr Gesamtwerk, die ausserhalb von Asien zu sehen ist. Kommen Ehrungen immer erst dann, wenn sie einem nichts mehr bedeuten?

Sie sind seit 1955 verheiratet und haben drei Töchter. Mit welchem Blick schaut Ihre Frau auf Ihr Leben?

Angenommen, ein Student von Ihnen fragt Sie nach einer Richtschnur für sein Leben. Was antworten Sie?