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Aktienhandel auf dem SmartphoneBörsen-App erzielt mit Gratisangebot fette Gewinne

Apps wie Robinhood in den USA bieten Börsenhandel ohne Gebühren an. Auch in der Schweiz steigt damit der Druck auf die Kommissionen. Doch für die Kunden haben die Gratisangebote auch Nachteile.

Robinhood verleitet unter anderem mit Gratisversprechen vor allem jüngere Anleger zu teilweise höchst riskanten Handelsgeschäften.
Robinhood verleitet unter anderem mit Gratisversprechen vor allem jüngere Anleger zu teilweise höchst riskanten Handelsgeschäften.
Foto: Getty Images

Menschen mit wenig Geld sollen wie kapitalkräftige Anleger an der Börse handeln und erfreuliche Renditen erzielen können. Deshalb wählten die Gründer Baiju Bhatt und Vladimir Tenev für ihr Fintech-Start-up und die gleichnamige App den Namen Robinhood. Den Zugang zum Börsenhandel erleichtert das im kalifornischen Menlo Park angesiedelte Robinhood wie folgt: Erstens müssen Nutzer für ihre Transaktionen keine Kommission entrichten. Zweitens gibt es eine coole App, mit der ein Börsendeal mit einem Wisch abgeschlossen werden kann, wie es viele meist jüngere Nutzer von der Partnervermittlungs-App Tinder kennen. Und wer trotz kleinem Budget in teure Aktien investieren möchte, kann drittens auch nur einen Bruchteil des Wertpapiers kaufen.

Das klingt auf den ersten Blick vorteilhaft. Doch Bhatt und Tenev sind keine Wohltäter, sondern clevere Geschäftsleute. In den sieben Jahren seit der Gründung von Robinhood haben sie ein Vermögen erwirtschaftet. Ihr Unternehmen wird heute mit über acht Milliarden Dollar bewertet. In den USA zählen sie bereits zu einer kleinen Gruppe von Marktführern im Geschäft mit Kleinkunden. Robinhood fokussiert bisher auf den US-Markt. Im November 2019 gab das Unternehmen bekannt, nach Grossbritannien zu expandieren.

Kunden erhalten schlechtere Kurse

Doch wie ist es möglich, dass Robinhood mit einem Gratisangebot Geld verdient? Robinhood arbeitet mit Handelsfirmen zusammen. Verschiedentlich genannt werden der Finanzdienstleister Virtu und der Hedgefonds Citadel. Diese zahlen Robinhood eine Vermittlungsgebühr. Die Handelsfirmen erzielen wiederum mit der Differenz zwischen An- und Verkaufskursen Einnahmen. «Damit die Handelsfirmen einen Ertrag erwirtschaften können, erhalten die Robinhood-Kunden einen schlechteren Kurs», sagt Andreas Akermann, Anlageexperte beim Schweizer Finanzdienstleister VZ Vermögenszentrum.

Zusätzlich verrechneten die Handelsfirmen eine Marge. Mit anderen Worten: Was der Kunde bei der Kommission einspart, wird ihm mit schlechteren Kursen zumindest teilweise wieder belastet. Viele Kunden sind sich dessen allerdings nicht bewusst und lassen sich durch das angebliche Gratisangebot ködern.

Noch deutlichere Worte wählt Jan De Schepper von der Schweizer Onlinebank Swissquote: «Robinhood verdient Geld, indem das Unternehmen die Aufträge der Kunden an Hochfrequenz-Händler weiterverkauft, die sich dann an den Aufträgen meist risikofrei bereichern.» Dieser Handel sei für Kunden höchst intransparent und werde in Europa zum Schutz privater Investoren nicht toleriert.

«Die hierzulande hohen Kommissionen lassen sich kaum noch rechtfertigen.»

Professor Andreas Dietrich

Dennoch dürften Veränderungen, wie sie unter anderem Robinhood angestossen hat, bis in die Schweiz spürbare Folgen haben. In den USA haben andere Handelsplattformen aufgrund der Preispolitik von Robinhood ihre Kommissionen bereits gesenkt. Auch in der Schweiz dürften die Kommissionen aufgrund der neuen Angebote zunehmend unter Druck geraten, sagt Andreas Dietrich, Professor und Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ): «Die hierzulande hohen Kommissionen lassen sich kaum noch rechtfertigen.» Mit Kommissionen werde unter anderem die Gratis-Kundenberatung querfinanziert.

Dietrich zweifelt nicht daran, dass günstige Anbieter, die auf das traditionelle Angebot mit Gratisberatung verzichten und dafür die Kommission senken, rasch Kunden finden. Denn längst handeln etliche Anleger ohne Beratung mit verschiedenen Börsentiteln. In Nachbarländern gibt es bereits Fintech-Start-ups, die ähnlich wie Robinhood mit Smartphone-App und tiefen Gebühren oder gar Gratisangeboten werben. Dazu zählen unter anderem Scalable Capital, Trade Republic und Etoro. Von diesen drei Plattformen ist bisher nur Etoro auf dem Schweizer Markt präsent.

Robinhood bietet mit seiner App ein Nutzererlebnis, das für traditionelle Anleger neu ist. Die Bedienung ist einfach, intuitiv und spielerisch. Laut De Schepper von Swissquote geht der Trend klar in diese Richtung: «Wir sehen hier ein gewaltiges Potenzial, Neukunden zu gewinnen.» Vor allem bei jüngeren Anlegern kommt das gut an. Davon zeugen etliche Videos von Nutzern, die auf Youtube ihre Handelseinsätze kommentieren. Das Durchschnittsalter der Robinhood-Nutzer liegt bei 27 Jahren. Bei traditionellen Anlegern in der Schweiz ist das Durchschnittsalter rund doppelt so hoch.

Robinhood baut zudem spielerische Elemente ein: Wer neue Kunden anwirbt kann am Bildschirm aus Losen eines freirubbeln und erhält einen Gratistitel. Bei einem Erfolg fliegen Konfetti. Und die kurzen Börseninformationen in der App heissen «Snacks». Fachleute sprechen dabei von Gamification: Anlegerentscheide werden als unterhaltsames Spiel präsentiert.

Gefährliches Herdenverhalten

Robinhood kann aber auch ein unvorteilhaftes Herdenverhalten auslösen: In der App werden Wertpapiere angepriesen, die andere Nutzer gekauft haben, was unter schlecht informierten Anlegern auch mal eine Kettenreaktion auslöst. So haben kürzlich innert weniger Tage über 100’000 Robinhood-Nutzer in Kodak investiert, ein Unternehmen das früher Filmmaterial hergestellt hat. Der Kurs sprang von gut 2 auf über 33 Dollar. «Diese hohe Bewertung kann die Firma aber nur schwer rechtfertigen, und viele Hobby-Trader werden Verluste einfahren – bereits heute ist der Kurs wieder bei rund 8 Dollar», sagt Dietrich.

Robinhood bietet auch die Möglichkeit auf Kredit Wertpapiere oder komplexe Derivate zu kaufen, was den Zinsgewinn für das Unternehmen und das Risiko für Anleger erhöht. Kombiniert mit dem verführerischen Spiel kann das auch dramatische Folgen haben. So hat sich im Juni ein 20-jähriger Student aus dem US-Staat Nebraska das Leben genommen. Gemäss Medienberichten startete er mit Ersparnissen von 16’000 Dollar und erhöhte seinen Einsatz mit Krediten von Robinhood. Bei einem komplizierten Optionen-Konstrukt stand er auf einmal 730’000 Dollar im Minus. Offenbar war das nur ein Zwischenergebnis und nicht der tatsächliche Verlust, was der Student aber leider übersah und Suizid beging. Nach diesem tragischen Ereignis kündigte Robinhood Änderungen und bessere Hilfestellungen in der App an.