Zum Hauptinhalt springen

Lüthy eröffnet Filiale in WinterthurBuchhandelsriesen expandieren wieder

Orell Füssli und Weltbild kennen Winterthurer Bücherfreunde schon lange. Nun mischt mit der Lüthy-Gruppe ein weiteres Schwergewicht auf dem hiesigen Markt mit.

Die Buchhandlung Lüthy im Neuwiesenzentrum ist der neuste Zuzug im Winterthurer Büchergeschäft.
Die Buchhandlung Lüthy im Neuwiesenzentrum ist der neuste Zuzug im Winterthurer Büchergeschäft.
Foto: Madeleine Schoder

Der Buchhandel in der Krise: Dieses Bild hat die Branche über lange Zeit geprägt. Die Schweizer lasen weniger. Der schwache Euro machte ausländische Onlineanbieter attraktiver. Traditionsreiche lokale Buchhandlungen wie Hoster und Vogel mussten schliessen. Und selbst Marktführer Orell Füssli tauschte seine Grossbuchhandlung an der Marktgasse gegen zwei kleinere Lokale ein.

Doch in den letzten Jahren war zumindest bei den Grossen der Branche kaum noch etwas von diesem zeitweisen Niedergang zu sehen. Jüngstes Beispiel: Die erste Winterthurer Niederlassung der Lüthy-Gruppe im frisch renovierten Neuwiesenzentrum – die siebte Neueröffnung für das Solothurner Familienunternehmen innert drei Jahren.

Allein jenseits der Gleise

Auf einen unerschlossenen Markt stösst Lüthy dabei nicht vor. Orell Füssli und Weltbild – die Nummern eins und drei auf dem Schweizer Markt – haben beide bereits je zwei Filialen in der Stadt. Trotzdem sieht Lüthy noch Platz für sich in Winterthur. Westlich des Hauptbahnhofs sei man aktuell der einzige Buchladen, sagt Marketingleiter David Bucher. Auch Filialleiter Manuel Thannheiser betont, die Resonanz sei seit der Eröffnung Mitte Mai äusserst positiv gewesen – die Anwohner des Neuwiesenquartiers würden sich freuen, nun einen Buchladen in der Nähe zu haben.

Ketten wachsen wieder

Die Lüthy-Gruppe hat allein in den letzten drei Jahren vier bestehende Buchhandlungen übernommen – in Freiburg, Schaffhausen, Landquart und Liestal – und drei Filialen neu eröffnet: in Chur, Bern und jetzt in Winterthur. Das 1838 gegründete Familienunternehmen hat damit innert kürzester Zeit sein Filialnetz von 11 auf 18 um mehr als die Hälfte ausgebaut. Und Lüthy steht mit seinen Ambitionen nicht allein da.

Auch Branchenleader Orell Füssli hat in den letzten fünf Jahren acht zusätzliche Filialen eröffnet – die neuste davon wird diesen Monat in Regensdorf eingeweiht – und kommt aktuell auf schweizweit 35 Niederlassungen. «Wir sind auf Wachstumskurs», konstatiert Unternehmenssprecher Alfredo Schilirò. Trotz mehr Filialen sei die Verkaufsfläche aber in den letzten Jahren etwa gleichgeblieben – man konzentriere sich bewusst auf eine Kombination aus dem Onlineabsatz und kleineren Lokalen an guter Lage.

Selbst dort, wo gerade noch der Verkaufsflächenkahlschlag stattfand, gibt es nun wieder ein Umdenken: Migros-Tochter Ex Libris, dem Umsatz nach die Nummer zwei unter den Schweizer Buchhändlern, hatte erst 2018 43 ihrer 57 Filialen geschlossen – darunter auch die Filiale im Einkaufszentrum Rosenberg in Winterthur – und sich damit fast vollständig auf den Onlineabsatz verlegt. Das Resultat war das erste positive Geschäftsresultat seit vier Jahren. Trotzdem tönte Geschäftsführer Daniel Röthlin im Februar im «Migros-Magazin» an, man werde künftig wohl doch wieder neue Filialen eröffnen.

Kaum noch eigenständige Buchhandlungen

Dünner geworden ist die Luft vor allem für Einzelbuchhandlungen. Selbst im Nischenbereich dominieren mittlerweile Ketten. So übernahm 2013 der Basler Brunnen-Verlag, heute Fontis, die christlich ausgerichtete Spezialbuchhandlung der Quellenhof-Stiftung an der Steinberggasse. Fontis betreibt mittlerweile acht Buchhandlungen in der Deutschschweiz. Den umgekehrten Weg ging das Winterthurer Musikgeschäft Notenpunkt, das auch Musikliteratur vertreibt: Es expandierte selbst nach Zürich und St. Gallen.

«Wir sind mit Bestellungen förmlich überrannt worden.»

Daniela Binder, Besitzerin Obergass Bücher

Eigenständige Allgemeinbuchhandlungen sind, neben den Antiquariaten, in Winterthur nur noch zwei übrig: Buch am Platz bei der Stadtkirche und, unweit davon, Obergass Bücher. Daniela Binder, die den Laden an der Obergasse seit etwas mehr als 20 Jahren betreibt, sieht durchaus auch weiter eine Zukunft für eigenständige Buchhandlungen. «Man muss einfach sehr aktiv sein und den Leuten etwas bieten – vom Service über die Beratung bis hin zu Veranstaltungen», so Binder. «Es gibt zum Glück auch viele Leute, die bewusst lokale Geschäfte unterstützen.» Dies habe sich besonders während des Lockdown gezeigt: «Wir sind mit Bestellungen förmlich überrannt worden. Das hält auch jetzt, da wir den Laden wieder geöffnet haben, weiter an.»

Krise als Chance für Kleinbuchhandlungen

Dass die Aussichten im Buchhandel wieder rosiger erscheinen als auch schon, bestätigte der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband (SBVV) bereits diesen Februar. «Der stationäre Buchhandel zeigt mit neu eröffneten Buchhandlungen und Filialen Optimismus», heisst es im brancheneigenen Marktreport 2019. Der Umsatz des Schweizer Buchhandels hatte in diesem Jahr erstmals seit 2013 wieder zugelegt. «Die Talsohle schien durchschritten», sagt auch SBVV-Geschäftsführer Daniel Waser.

«Die Umsatzeinbrüche bewegen sich zwischen 10 und 95 Prozent.»

Daniel Waser, Geschäftsführer SBVV

Die Corona-Krise hat das nun zwar wieder kräftig durchgeschüttelt. «Gemäss einer Mitgliederumfrage bewegen sich die Umsatzeinbrüche während dieser Zeit zwischen 10 und 95 Prozent», so Waser. Gerade für die Vielfalt im Buchhandel könne sich dies aber auch als Chance erweisen: «Die Übernahme durch Ketten war in den letzten Jahren auch Ausdruck davon, dass Nachfolger für die Geschäfte fehlten. Wenn sich nun zeigt, dass kleinere Anbieter diese Krise gut meistern können, wird sich das hoffentlich auch auf das Interesse am Buchhandel als Unternehmen auswirken.»