Cassis zückt die Tessiner Karte

Erhalten die Grünen einen Sitz im Bundesrat, so geschähe das wohl auf Kosten von FDP-Magistrat Ignazio Cassis. Dieser sagt, er sei zur Zielscheibe geworden.

«Ich komme aus einer anderen Kultur, aus einer anderen Sprache.»: Ignazio Cassis spricht anlässlich des Nationalfeiertags am 1. August in Chiasso. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone / Ti-Press )

«Ich komme aus einer anderen Kultur, aus einer anderen Sprache.»: Ignazio Cassis spricht anlässlich des Nationalfeiertags am 1. August in Chiasso. Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone / Ti-Press )

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Die Nervosität ist hoch im Stab von FDP-Bundesrat Ignazio Cassis. Nach dem Wahlsieg der Grünen hat sich rasch ein Konsens gebildet: Sollten die Grünen im Dezember Anspruch auf einen Bundesratssitz erheben, würde wohl der Tessiner als Ziel der Angriffe feststehen. SP-Präsident Christian Levrat zum Beispiel wiederholt pausenlos, er sei «nicht zufrieden» mit den Leistungen des Bundesrats, den er einst einen «Praktikanten» geschmäht hatte.

Die Anspannung war Cassis anzusehen, als er am Mittwoch im Studio von TeleZüri sass. Dabei zückte er zur Verteidigung die Tessiner Karte. Auf die Frage, warum er, und nicht andere Bundesräte, zur Zielscheibe geworden sei, antwortete Cassis: «Ich bin zuerst einmal anders, ich komme auseiner anderen Kultur, aus einer anderen Sprache. Das ist schon mal ein Unterschied, und Unterschiede stören auch», sagte der Tessiner, um weiterzufahren: «Man ist nicht immer für die Vielfalt, man versucht heute, im Mainstream zu sein, dann fühlt man sich in einer Komfortzone wohl. Das könnte eine Begründung sein.»

«Die Deutschschweiz hat noch nicht gemerkt, dass sie gegenüber dem Tessin eine historische Schuld trägt»Marco Solari, Direktor des Filmfestival Locarno

Deutlich gibt Cassis zu verstehen, ohne es direkt zu sagen, dass er sich missverstanden und falsch beurteilt fühlt, weil er Tessiner ist. Diese Interpretation ist auch im Umfeld des Aussenministers zu hören. Schwer zu sagen ist, ob das auch mit wahltaktischem Kalkül zusammenhängt: Das eine oder andere Mitglied der Bundesversammlung dürfte zwar bereit sein, für die Grünen einen FDP-Bundesrat zu opfern, würde aber vor der Abwahl eines Tessiners zurückschrecken.

Der Jöö-Effekt

Beklagt sich Cassis zu Recht? Ja, findet Marco Solari, Präsident des Filmfestivals von Locarno und langjähriger Tessiner Tourismuspräsident. «Die Deutschschweiz hat noch immer ein verniedlichendes Bild des Tessins», sagt er. «Im Norden hat Cassis einen Jöö-Effekt ausgelöst, als er bei seinem Amtsantritt sagte, er denke, spreche, schreibe und träume Italienisch. Dabei hat er das tief ernst gemeint.» Eine tiefe Nord-Süd-Grenze zwischen den Mentalitäten durchziehe Europa. Cassis sei sich zum Beispiel gewohnt, Diskussionen zu provozieren, weil diese im Süden Teil der Lösung, auch der Lebensfreude seien. Im Norden werde das nicht verstanden. «Ignazio Cassis ist ein ausgezeichneter Bundesrat», sagt Solari.

«Bei Cassis wird immer erwähnt, dass er Tessiner ist.»Marco Romano, CVP-Nationalrat

Die italienische Schweiz habe Anspruch auf einen Sitz im Bundesrat, sie dürfe weder ökonomisch geschwächt noch kulturell gedemütigt oder politisch erniedrigt werden. «Die Deutschschweiz hat noch nicht gemerkt, dass sie gegenüber dem Tessin eine historische Schuld trägt», sagt Solari. «Drei Jahrhunderte unter Deutschschweizer Landvögten haben einen mausarmen Kanton mit Hungersnöten, ohne Strassen oder Schulen hinterlassen. Kolonialpolitik pur.»

«Er hat ein grosses Herz»

Für CVP-Nationalrat Marco Romano ist es ein Segen, einen Tessiner Bundesrat zu haben. «Cassis beginnt langsam eine Wirkung zu haben, in der Verwaltung wird wieder mehr Italienisch benutzt», sagt Romano. (Lesen Sie hier, wie die CVP als Partei zu einem grünen Budesrat steht.) Kritik übt er an Cassis für dessen Europa- und Italienpolitik. Aber auch er findet, Cassis werde zu oft nach Herkunft und Sprache beurteilt. «Ich habe noch nie gehört, dass bei einem Entscheid von Ueli Maurer jemand kommentiert hat: typisch Zürcher», sagt Romano. «Bei Cassis wird immer erwähnt, dass er Tessiner ist.»

Ein Beispiel lieferte diese Woche Elisabeth Schneider-Schneiter, Präsidentin der aussenpolitischen Kommission. In der «Rundschau» erklärte sie Cassis’ Schwierigkeiten im Amt so: «Er hat ein grosses Herz, und das Herz ist manchmal auch ein bisschen auf der Zunge gelegen. Und er ist ein Tessiner, er hat Emotionen, das spürt man halt immer wieder.»

«Seine Politik stört»

Von einem Anti-Tessiner-Reflex in der Bundespolitik will hingegen der abtretende Tessiner FDP-Ständerat Fabio Abate nichts gespürt haben. «Es ist aber klar, dass die Tessiner sich in die Realität des Bundeshauses integrieren müssen und nicht nur für die eigenen Probleme kämpfen», sagt er. Im Übrigen sei er sich sicher, dass Cassis wiedergewählt werde.

Cassis während einer Debatte im Ständerat im Frühling dieses Jahres. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Cassis solle zu seiner Politik stehen, statt sich in einer Opferrolle darzustellen, weil er einer Sprachminderheit angehöre, kritisiert der Politologe und frühere Tessiner SP-Politiker Nenad Stojanovic: «Es ist seine Politik, die stört.» Allerdings wäre es «erklärungsbedürftig», wenn ein Tessiner Bundesrat nach nur zwei Amtsjahren abgewählt würde, nachdem der Kanton vorher 18 Jahre lang nicht mehr vertreten war, findet Stojanovic. Er verweist darauf, dass der Bund Italienischsprachige verschiedentlich benachteiligt habe.

Das Dilemma

Vor einem Dilemma wird Greta Gysin stehen, falls die Grünen im Dezember den Sitz von Cassis angreifen. «Die Vertretung der Minderheiten, insbesondere der sprachlichen, ist sehr wichtig, die darf man nicht unterschätzen», sagt die neu gewählte grüne Tessiner Nationalrätin. «Es ist aber auch ein Fakt, dass die Grünen stark zugelegt haben und die FDP übervertreten ist im Bundesrat.» Ob das rotblaue oder das grüne Herz lauter schlagen wird, wisse sie jetzt noch nicht.

Erstellt: 16.11.2019, 13:01 Uhr

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