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Ein Afrikanerin will die WTO erneuernChina sät Zweifel an ihrer Kandidatur

Ngozi Okonjo-Iweala, die ehemalige Finanzministerin Nigerias, möchte WTO-Chefin werden – und damit die Entwicklungsländer stärker ins Blickfeld bringen.

Die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala bewirbt sich um die Leitung der Welthandelsorganisation, die ihren Sitz in Genf hat.
Die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala bewirbt sich um die Leitung der Welthandelsorganisation, die ihren Sitz in Genf hat.
Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Einmal wurde ihre Mutter entführt, ohne dass eine Lösegeldforderung eintraf. Es kam nur die Botschaft, die Mutter werde nur dann freigelassen, wenn die Tochter Ngozi Okonjo-Iweala vor laufenden Fernsehkameras ihren Rücktritt als Finanzministerin Nigerias einreiche. Als Okonjo-Iweala das Amt viele Jahre später freiwillig verliess, meldete sich etwas später die Polizei, durchsuchte ihr Haus in der Hauptstadt Abuja nach Geldsäcken, die ein angeblicher Whistleblower dort vermutete, was in der notorisch korrupten nigerianischen Politik nicht unüblich wäre. Zwar fanden sich einige Säcke im Keller von Okonjo-Iweala, sie enthielten aber nur alte Zeitungen.

Sieben Jahre lang war die heute 66-Jährige Finanzministerin Nigerias, der grössten, aber auch dysfunktionalsten Ökonomie Afrikas. «Wenn du glaubst, du hättest Nigeria verstanden, dann wurde es dir nicht richtig erklärt», lautet ein nigerianisches Sprichwort. Okonjo-Iweala hat mit zwei Büchern versucht, etwas Licht ins Dunkel der nigerianischen Politik zu bringen. Das eine dreht sich darum, wie sie sich mit ihrem Kampf gegen die Korruption mächtige Feinde machte, die schliesslich sogar ihre Mutter entführten. Das zweite handelte eher vom Land als solchem: «Das Unreformierbare reformieren» heisst es, ein Titel, der auch ganz gut zu der neuen Aufgabe passen würde, die Okonjo-Iweala anstrebt: die Führung der Welthandelsorganisation (WTO). Einer Organisation, deren Mitgliedstaaten sehr verschiedene Vorstellungen darüber haben, wie sich die Handelsbeziehungen auf der Welt künftig entwickeln sollen.

Offene Märkte waren verheerend

Okonjo-Iweala möchte den Handel so gestalten, dass er den Entwicklungsländern stärker bei der Entwicklung hilft. Viele Staaten in Afrika wurden in den vergangenen Jahrzehnten von IWF und Weltbank gezwungen, ihre Märkte zu öffnen, und wurden dann von oft subventionierten Waren aus Europa, den USA und China überschwemmt. In ihrer Heimat Nigeria gingen Hunderttausende Jobs in der Textilindustrie verloren.

Unter den acht Bewerbern für das Amt gilt Okonjo-Iweala als eine Favoritin. Handel solle allen helfen, nicht nur den Reichen, wiederholt sie derzeit auf allen Kanälen. Allein durch noble Ziele wird sie aber nicht an die Spitze der WTO kommen, vor allem die USA und China, die sich in einem mehr oder weniger offenen Handelskrieg befinden, schauen genau, wer ihnen besser nützen könnte.

Die Chinesen säen bereits Zweifel an der Unabhängigkeit von Okonjo-Iweala, die in Harvard ausgebildet wurde, ein Vierteljahrhundert bei der Weltbank in Washington arbeitete, mittlerweile neben der nigerianischen Staatsbürgerschaft auch die US-amerikanische besitzt und bei Unternehmen wie Twitter im Aufsichtsrat sitzt. Es macht die Sache nicht unbedingt besser, dass die Kandidatin eine Lobbyfirma aus Washington damit beauftragte, ihre Bewerbung ein wenig anzuschieben.

Wie es weitergeht, bleibt offen

Ngozi Okonjo-Iweala selbst sieht sich als Kandidatin zur rechten Zeit, sie hat neben vielen anderen Ämtern und Posten auch den Vorsitz der internationalen Impfallianz Gavi inne, der auch die Gates-Stiftung angehört, dazu Regierungen und Pharmakonzerne, die vor allem in Entwicklungsländern den Zugang zu Impfstoffen dramatisch verbessert haben. Das müsse sich nun bei Corona wiederholen, sagt Okonjo-Iweala: «Es muss den gleichen Zugang zu Medizin geben, und die WTO könnte Teil der Lösung sein.» Die Organisation müsse die Regeln so gestalten, dass sich ein Kompromiss finde zwischen dem Zugang aller zum Impfstoff und den Patentrechten der Hersteller. Vorbild könne die Bekämpfung von Aids in Südafrika sein, wo die Rechte aufgeweicht, aber nicht völlig aufgehoben worden seien. «Es kann kein ‹Weiter so› geben», sagt Okonjo-Iweala über die WTO. Wie es weitergehen soll, lässt sie so weit offen, dass sich möglichst wenige Länder vor den Kopf gestossen fühlen.

9 Kommentare
    Peter Brech

    Auch wenn ich bei dieser nigerianischen "Mama Benz" gewisse Bedenken habe, muss ich ihr recht geben. Es gibt kein Beispiel eines Schwellen oder Drittweltlandes das dank völlig offenen Grenzen und Freihandel es zu Stabilität und Wohlstand geschafft hätte. All die asiatischen Tigerstaaten haben es gerade wegen den Zollschranken geschafft eigene starke Industrien aufzubauen und haben erst dann angefangen die Grenzen für den freien Handel zu öffnen als die eigene Industrie reifer geworden ist. Dies war übrigens auch so in der Geschichte der Schweiz der Fall.