Zürich

«Den Tod zu sehen, macht Lust auf Eigensinn»

Lachen über den Tod, Probeliegen im Sarg: Christine Süssmann hat das Sterben aus der Gruft geholt. Nun verlässt sie das städtische Friedhof Forum.

«Der Tod hat auch positive Seiten»: Christine Süssmann auf dem Friedhof Sihlfeld. Foto: Marc Dahinden

«Der Tod hat auch positive Seiten»: Christine Süssmann auf dem Friedhof Sihlfeld. Foto: Marc Dahinden

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Das Friedhof Forum versteht sich als überkonfessionelles «Büro für die letzte Reise». Es befindet sich am Eingang des Friedhofs Sihlfeld in Zürich. Christine Süssmann hat am Konzept mitgewirkt und leitet es seit der Eröffnung im Jahr 2012. Die Ausstellungen, Führungen und Podien werden jährlich von 3500 bis 4000 Menschen besucht. Die Institution hat drei eigene Publikationen herausgegeben und ist mittlerweile auch überregional bekannt.

Frau Süssmann, was hat Sie an der Aufgabe gereizt?
Christine Süssmann: Ich erhielt Gelegenheit, etwas ins Leben zu rufen, das es vorher noch nicht gab. Und dies zu einem Thema, über das damals noch wenig geredet wurde. Mir hierzu etwas zu überlegen, zusammen mit anderen Leuten, fand ich inspirierend. Ich glaube auch, das Thema liegt in der Luft.

Wie meinen Sie das? Der Tod ist doch eher ein Tabuthema.
Wir werden heute von Informationen überschwemmt. Nach meinem Gefühl gibt es ein wachsendes Bedürfnis nach einem Wissen, das einen Bezug zum eigenen Dasein hat. Das Friedhof Forum behandelt Erfahrungen, die alle Menschen machen. Wir fragen, wie man leben will, mit dem Tod als Ratgeber auf der Schulter. Auch als Gesellschaft. Was ich von Besucherseite erlebte, waren Wertschätzung und Dankbarkeit.

«Manchmal hatte ich genug von diesem schweren Gerede zum Tod.»Christine Süssmann

Eine Ausstellung trug den Titel «Sterben Sie wohl». Es ging um Tod und Humor. Woher nahmen Sie den Mut für solche Projekte?
Das braucht keinen Mut. Anders wäre es vielleicht bei einer Veranstaltung wie: Was hat ein Todesfall eigentlich für Vorteile? Natürlich würde ich diese Frage niemals an Trauernde richten. Manchmal aber hatte ich genug von diesem schweren Gerede zum Tod. Man ist nicht dauernd in Trauer, und der Tod hat auch positive Seiten. Zum Beispiel macht er Platz für Neues. Und sogar wenn ich eine für mich wichtige Person verloren habe, kann ich mich fünf Jahre später fragen, inwiefern ich nun ein anderer Mensch geworden bin, im guten Sinn.

Nicht allen hat gefallen, wie Sie das Forum bespielt haben. Wo erlebten Sie Widerstände?
Am meisten Kritik kam von intern. Das Friedhof Forum gehört zum städtischen Bestattungsamt, dort hat man mit Trauernden zu tun und führt empathische Gespräche. Wir aber richten uns an Leute, die einfach ‹nur› sterblich sind. Sie haben gerade keinen Todesfall zu bewältigen. Da gibt es völlig andere Interessen. Einmal verbrachten zwei Studenten eine Nacht auf dem Friedhof, einer lag im Sarg, der andere sass daneben, beide machten Filmaufnahmen. Es war ein Projekt mit einer Ausbildungsinstitution. Ein älterer Bestatter empfand das als Affront. Der Sarg werde missbraucht und entwürdigt.

Widerstand gab es bereits vor der Eröffnung.
Besonders heikel sind Projekte im öffentlichen Raum. Um auf das neue Friedhof Forum aufmerksam zu machen, wollte ich vor der Eröffnung in der Innenstadt ausrangierte Grabsteine aufstellen. Darauf sollten Fragen stehen wie: Wohin gehört der Tod? Ist Sterben tabu? Möchten Sie erdbestattet oder kremiert werden? Das wurde schon innerhalb der Stadtverwaltung als zu provokativ empfunden.

Für Sie nachvollziehbar?
Ich finde, solche Fragen würden die Bahnhofstrasse menschlicher machen. Und alle, die dort spazieren, werden einmal erdbestattet oder kremiert werden, wo also ist das Problem? Bei diesem Projekt war man in der Stadtverwaltung zurückhaltend, insgesamt erlebte ich im Bevölkerungsamt aber viel Offenheit.

Haben Sie ein Beispiel?
Einmal stellten wir am Eingang des Friedhofs Sihlfeld eine Bautafel auf. Sie war Teil einer Ausstellung und kündigte die Überbauung des Friedhofs mit Wohnhäusern und einer Shoppingmall an. Das löste im Quartier viele Emotionen aus.

Stösst man mit solchen Aktionen die Leute nicht vor den Kopf?
Es wurden Fragen aufgegriffen, die ganz einfach da sind. Ein Friedhof, der immer weniger belegte Grabfläche aufweisen kann, ist unter Druck, vor allem in einer Stadt wie Zürich, wo Boden so gefragt ist. Dies zu thematisieren, bedeutet nicht, den Friedhof anzugreifen, sondern sich für ihn stark zu machen. Genau diese Art von Energie hat die Bautafel im Quartier freigesetzt.

«Wieso nicht ein lautes Konzert zum Tod veranstalten oder einen Totentanz aufführen?»Christine Süssmann

Wegen einer Grusel-Lesung auf dem nächtlichen Friedhof haben Sie ein Postulat ausgelöst. Zwei Gemeinderäte wollten kulturelle Aktivitäten auf dem Friedhof unterbinden.
Der Vorstoss wurde abgelehnt. Zu dieser Lesung strömten etwa 300 Leute. Und unter ihnen waren solche, die sich wesentlich Gruseligeres gewünscht hätten. Der Tod ist nicht einfach besinnlich und ruhig, er hat auch eine schauerliche Seite. Kein Thriller kommt ohne sie aus.

Der Friedhof gilt als Ort der Ruhe. Wieso soll er auf einmal ganz anders genutzt werden?
Der Friedhof ist längst im Wandel, aber er steht der Stadt noch immer als ein ‹anderer› Ort zur Verfügung. Er hat ein besonderes Potenzial, hier kann man über den Alltag hinaussehen. Man sollte Sorge dazu tragen und fragen, was eine Gesellschaft braucht und noch nicht hat. Wenn ich hier etwas machte, dann musste es eine überlegte Auseinandersetzung zum Tod sein. Aber hier könnte noch viel Neues passieren. Wieso nicht ein lautes Konzert zum Tod veranstalten oder einen Totentanz aufführen? Gerne hätte ich noch eine Ausstellung über Friedhofsutopien gemacht, mit jungen Leuten. Oder eine über Räume des Abschieds, die nicht trostlos sind, da herrscht grosses Manko.

Die Ideen gehen Ihnen nicht aus. Wieso verlassen Sie Ende Jahr trotzdem das Friedhof Forum?
Das Friedhof Forum ist an einem Wendepunkt. Man muss jetzt schauen, was es für die nächste Etappe braucht, auch in Sachen Ausrüstung. Diesen Moment nutzte ich, um die Weichen für mich selbst neu zu stellen. Auch deshalb, weil mir Leute gefallen, die mit 75 oder mehr Jahren beruflich noch was tun.

«Ich glaube, dass die Bereitschaft zu sterben, eine Rolle spielt.»Christine Süssmann

Wohin zieht es Sie? Werden Sie dem Tod untreu werden?
Mein Engagement gilt jetzt meinem Eigenen, Süssmann Coaching. Ich zeige meinen Kunden, wie sie Klarheit finden für einen nächsten Schritt. ‹Ich will. Fundiert und frech› - darum geht’s, wie schon im Friedhof Forum. Ich nehme auch Fragen mit, denen ich weiterhin nachgehen will. Zum Beispiel, wie man leben kann bis zum Schluss. Ohne dieses lange Halbleben am Ende.

Halbleben?
Wir leben immer länger, aber wie sieht es in der letzten Etappe mit der Lebensqualität aus? Vor 100 Jahren wurden viele Menschen vom Tod ereilt, während sie noch mitten im Leben standen, vielleicht starb man plötzlich an einer Lungenentzündung. Heute kann die Hochleistungsmedizin viele Todesursachen aus dem Weg räumen. 90 Prozent der Menschen sterben nach einer Phase der Pflegebedürftigkeit. Heute muss man Entscheide treffen: Wie stehe ich zu lebensverlängernden Therapien, wo will ich sterben?

In ihrem letzten Newsletter stellen Sie die Frage, wie es sich wohl anfühlt, zu sterben. Wie lautet Ihre Version?
Ich habe keine, aber ich beobachte, dass manche Leute den Wunsch nach einem Sekundentod verlieren, wenn sie sich einmal länger mit dem Sterben auseinandergesetzt haben. Ich verstehe das, will aber auch noch mehr darüber erfahren, was man für ein gutes Ende tun kann. Ich glaube, dass die Bereitschaft zu sterben eine Rolle spielt. Auch hier geht es um ein ‹Ich will›.

Was passiert mit einem, wenn man sich neun Jahre lang mit dem Sterben beschäftigt?
Den Tod zu sehen, macht Lust auf Eigensinn. So habe ich das erlebt.

Erstellt: 29.11.2019, 17:18 Uhr

Zur Person

Christine Süssmann (60) studierte Kulturwissenschaften und bildete sich in lösungsorientiertem Coaching weiter. Berufliche Stationen waren unter anderem die Galerie Beyeler in Basel, Expo.02, Herzog & de Meuron und Christ & Gantenbein. 2010 bis 2019 war sie für den Aufbau und die Leitung des Friedhof Forums der Stadt Zürich verantwortlich. (hz)

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