Gesundheit

«Das ist kein ‹Jugend forscht› am Patienten»

Am Universitätsspital Zürich betreuen Auszubildende der Medizin, Pflege und Physiotherapie gemeinsam Patienten. Das neue Ausbildungsmodell soll die Medizin umkrempeln.

Gemischtes Team: Pflegestudentin Janina Yildiz, Oberarzt Frank Peter Schäfer, Physiotherapiestudent Jan Leu, Medizinstudentinnen Mira Bittner und Isabel Zucal und ­Pflegestudentin Seline Zumsteg (von links im Uhrzeigersinn).

Gemischtes Team: Pflegestudentin Janina Yildiz, Oberarzt Frank Peter Schäfer, Physiotherapiestudent Jan Leu, Medizinstudentinnen Mira Bittner und Isabel Zucal und ­Pflegestudentin Seline Zumsteg (von links im Uhrzeigersinn). Bild: Marc Dahinden

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«Heute war für mich richtig streng», sagt Pflegestudentin Seline Zumsteg im kleinen Büro in der Unfallchirurgie des Universitätsspitals Zürich. Das Zimmer ist zugestellt mit sechs PCs, Laptops, einer Flipchart und grossen Plakaten. Zwei Pflegefachfrauen in Ausbildung, zwei Medizinstudentinnen und ein Physiotherapiestudent, ein Oberarzt und eine Pflegefachfrau sitzen im Kreis.

Sie habe zig Verbände gewechselt, sagt Zumsteg, Patienten bei der Körperpflege geholfen und Herrn H. ins Bad begleitet, der zwar selber humpeln könne, aber dennoch sehr langsam vorwärtskomme. «Morgen könnten wir einige der Verbände wechseln, um euch zu entlasten», schlägt Medizinstudentin Mira Bittner vor, die vis-à vis-sitzt. «Danke», sagt Zumsteg, «wenn ich mitten in der Arbeit stecke, kommt mir gar nicht in den Sinn, dass ich euch fragen könnte.»

Auszubildende managen Station

Angehende Ärztinnen, die die Pflege bei ihrer Arbeit unterstützen, ein Physiotherapiestudent, der beim Verbandswechsel assistiert, und Pflegefachfrauen in Ausbildung, die mit den Medizinstudentinnen zusammen den Patienten die Folgen einer Operation erklären. Das nennt sich interprofessionelle Zusammenarbeit und ist derzeit Realität in der Klinik für Traumatologie am Unispital. Die Auszubildenden betreuen im Team jeden Tag sechs Patientinnen und Patienten und managen damit eine Station in der Station.

Die Zürcher Interprofessionelle Ausbildungsstation (Zipas) ist ein wissenschaftlich begleitetes Grossprojekt, das sechs Institutionen gemeinsam entwickelt haben: Das Careum-Bildungszentrum, die Careum-Stiftung, die Medizinische Fakultät der Uni Zürich, das Unispital, das Zentrum für Ausbildung im Gesundheitswesen (ZAG) sowie das Departement Gesundheit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) haben sich an schwedischen und deutschen Spitälern ein Beispiel genommen, wo zum Teil schon seit den 1990er-Jahren interprofessionell ausgebildet wird.

In Zürich wollte man nicht nur die Ausbildungsart übernehmen, sondern ein Konzept entwickeln, wie Zipas auch in anderen Spitälern angewendet werden kann, sagt Projektleiter Gert Ulrich. So haben die sechs Institutionen ein dickes Manual erarbeitet, das das pädagogische Konzept beschreibt, die nötige Infrastruktur, die Personalressourcen sowie die wissenschaftliche Evaluation. Im Herbst 2018 fand am Unispital das erste Zipas-Pilotprojekt statt. Seit vergangenem Oktober arbeiten nun sechs bis acht Studierende aus Medizin, Pflege und Physiotherapie während jeweils drei Wochen auf der Station in der Unfallchirurgie oder derjenigen in der Inneren Medizin.

Junge Leute sollen Verantwortung übernehmen

Eng begleitet werden die Studierenden von sogenannten Fazilitatoren aus ihren Fachbereichen. Mehrmals am Tag kommt Frank Peter Schäfer ins kleine Zipas-Büro in der Unfallchirurgie. Der Oberarzt ist Fazilitator der Medizinstudentinnen, beantwortet aber auch die Fragen von Pflegestudentin Seline Zumsteg zum Patienten, der bei einem Mountainbike-Unfall den Ellenbogen gebrochen hat.

Er müsse sich oft zurückhalten, sagt Schäfer. Denn die jungen Leute sollen in der ersten Reihe stehen und Verantwortung übernehmen für ihre Handlungen. Damit die Studierenden die Probleme selbstständig lösen können und nicht überfordert sind, werden Zipas nur leichte und mittelschwere Fälle zugeteilt. «Dennoch wird jeder Entscheid, den die Studierenden fällen, von uns abgesegnet», sagt Schäfer. «Das hier ist kein ‹Jugend forscht› am Patienten.»

«Niemand wollte bisher aussteigen»

Die Patienten werden informiert über Zipas und anschliessend zu ihrer Zufriedenheit befragt. Diese sei hoch, sagt Projektleiter Ulrich. «Niemand wollte bisher aussteigen.»

Während andernorts Ärztinnen, die Pflege und die Therapeuten den Patienten immer wieder dieselben Fragen stellen müssen, geschieht dies auf Zipas nicht. Bei der Visite sind alle Berufsgruppen dabei, und anschliessend entscheiden alle zusammen über die weitere Behandlung. Dank mehrmaligem Austausch pro Tag lernen die Studierenden mit- und über einander und wissen Bescheid, was ihre Kolleginnen und Kollegen tun.

«Ich verstehe ja auch nichts, wenn du Physiotherapeuten-Deutsch sprichst.»Janina Yildiz,
Pflegefachfrau in Ausbildung

«Ich habe in den letzten zwei Wochen Zipas mehr gelernt als in den zwei Monaten davor als Unterassistentin auf einer normalen Station», sagt Medizinstudentin Mira Bittner. Durch den Austausch und das Miteinander wachse der Respekt und die Wertschätzung der Leistung der anderen, sagt Physiotherapiestudent Jan Leu. Zudem könne er mit den Medizinerinnen darüber diskutieren, ob die Teilbelastung eines Beins sinnvoll sei oder nicht: «Ich kann mitentscheiden und muss nicht einfach Verordnungen ausführen.»

Jan Leu war an diesem Tag erstmals in einem Operationssaal, als er mit der Pflegestudentin Janina Yildiz einen Patienten dorthin brachte. «Du bist etwas verloren herumgestanden», sagt Yildiz und lacht. «Aber ich verstehe ja auch nichts, wenn du Physiotherapeuten-Deutsch sprichst.» Um daran zu arbeiten, gehen Leu und Yildiz nach der Besprechung zusammen zu einem Patienten, um ihm zu zeigen, wie er die Gehstöcke richtig gebraucht.

Als Businessmodell konzipiert

Künftig sollen möglichst viele Studierende während ihrer Ausbildung einige Wochen interprofessionell arbeiten. Im vergangenen Frühling hat in der Orthopädie in der Klinik Balgrist ein erstes Zipas-Pilotprojekt stattgefunden. Bald sollen weitere Lehr- und Partnerspitäler der Universität Zürich dazukommen.

Während das Projektteam sein Wissen derzeit noch unentgeltlich zur Verfügung stellt, sei Zipas möglicherweise längerfristig als Businessmodell konzipiert, sagt Gert Ulrich. Die Initianten erhoffen sich von Zipas einen Anstoss für einen Kulturwandel in der Medizin.

«Wer gelernt hat, Hürden abzubauen und aus dem Silo-Denken der Fachbereiche auszubrechen, wird dies auch nach der Ausbildung tun», sagt Ulrich. So könnte sich die ganze Gesundheitsversorgung verbessern. Beispielsweise könnten Patienten das Spital früher verlassen, weil Doppelspurigkeiten vermieden werden und sie typische Fragen nur noch einmal beantworten müssen.

Erstellt: 27.11.2019, 15:45 Uhr

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