Zum Hauptinhalt springen

Gewerbe in WinterthurCoop kauft Tausende Tonnen deutschen Asphalt

In seinen Läden wirbt Coop mit dem Label «Miini Region». Den Platz um das Verteilzentrum in der Grüze lässt der Grossverteiler mit günstigem Asphalt aus dem Ausland sanieren.

Die Flächen um das Verteilzentrum von Coop in der Grüze werden von der Convia AG asphaltiert – auch mit Maschinen der deutschen Mutterfirma Storz.
Die Flächen um das Verteilzentrum von Coop in der Grüze werden von der Convia AG asphaltiert – auch mit Maschinen der deutschen Mutterfirma Storz.
Foto: PD

Beat Aeppli staunte nicht schlecht, als er vor einer Woche sah, wer für Coop den Platz um das Verteilzentrum in der Grüze saniert. Es ist die Thurgauer Firma Convia AG, eine Tochter der Storz-Gruppe mit Sitz im deutschen Tuttlingen.

Der Inhaber und Geschäftsführer der Strassen- und Tiefbaufirma Wistrag aus Winterthur nahm sofort das Telefon zur Hand. Er fragte bei anderen Strassenbaufirmen der Region nach, ob sie von Coop eingeladen worden seien, sich für den Auftrag beim Verteilzentrum zu bewerben. Keiner der Befragten wusste etwas davon.

«Ich kann die Gedankengänge von Coop nicht nachvollziehen.»

Beat Aeppli, Inhaber und Geschäftsführer der Wistrag

Ob Coop auch lokale Unternehmen um eine Offerte gebeten hat, bleibt offen. Die Medienstelle von Coop beantwortet eine entsprechende Anfrage vage. Im vorliegenden Fall habe das Angebot der Thurgauer Tochtergesellschaft überzeugt, sagt Mediensprecher Patrick Häfliger.

Mehrheitlich Schweizer

«Selbstverständlich steht es dem privaten Unternehmen Coop frei, seine Aufträge nach Belieben zu vergeben», sagt Aeppli. Er sieht aber einen Widerspruch zwischen der Haltung und dem Handeln des Grossverteilers. «Ich kann die Gedankengänge von Coop nicht nachvollziehen.»

Auf der einen Seite werbe Coop mit der Verankerung in der Schweiz und vermarkte Produkte mit dem Hinweis auf Regionalität und Nachhaltigkeit. Andererseits vergebe das Unternehmen Aufträge an Firmen, die besonders günstig offerieren können, weil sie einen grossen Teil der Arbeiten im Ausland erledigen lassen.

Der Grossverteiler äussert sich zu den von Aeppli genannten Widersprüchen nicht direkt. «Coop setzt bei der absoluten Mehrheit ihrer Bauprojekte auf Schweizer Anbieter», sagt Mediensprecher Häfliger. Weitere Fragen beantwortet er nicht. Interna kommentiere Coop nicht öffentlich.

Der heisse Asphalt wird mit Lastwagen aus Welschingen in die Grüze gefahren. Dafür sind schätzungsweise 250 Fahrten über eine Distanz von 100 Kilometern notwendig.
Der heisse Asphalt wird mit Lastwagen aus Welschingen in die Grüze gefahren. Dafür sind schätzungsweise 250 Fahrten über eine Distanz von 100 Kilometern notwendig.
Foto: PD

Den Wert des Auftrags von Coop schätzt Aeppli auf eineinhalb Millionen Franken. Einige Tausend Tonnen alter Asphalt mussten weggefräst und durch neuen Asphalt ersetzt werden. Dabei kamen auch Maschinen der Mutterfirma Storz zum Einsatz. Für den Transport von Welschingen bei Engen nach Winterthur sind schätzungsweise 250 Fahrten von 100 Kilometern notwendig. Wohin der alte Asphalt transportiert wird, ist offen. Die Convia AG war am Freitag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Tiefe Löhne, günstiger Kies

«Die Firmen aus der Region können mit Angeboten aus Deutschland nicht mithalten», sagt Aeppli, der auch Präsident des Baumeisterverbandes Winterthur ist und Verwaltungsrat in der Asphaltproduktionsfirma Tobega in Neftenbach. Wegen der tieferen Löhne und Herstellungskosten könne Asphalt in Deutschland günstiger produziert werden. Auch die Kosten für die Entsorgung, für den Transport und für Rohstoffe wie Kies und Sand seien viel tiefer.

Für seine Wistrag, die 40 Angestellte beschäftigt, könnte Aeppli den Asphalt ebenfalls günstig in Deutschland einkaufen. Er will das aber weiterhin bleiben lassen. «Wir haben ein Interesse, dass die Wertschöpfung hier erfolgt.» Die Wistrag sei seit 1952 in Winterthur und Umgebung tätig und verdiene ihr Geld mit Aufträgen von Privaten und der öffentlichen Hand. Jeder Franken, den die lokalen Baufirmen einnehmen würden, bleibe der Region in Form von Löhnen und Steuern erhalten und stärke auch das Gewerbe.

Der weggefräste alte Asphalt kann teilweise wieder rezykliert und für die erneute Herstellung von Asphalt verwendet werden.
Der weggefräste alte Asphalt kann teilweise wieder rezykliert und für die erneute Herstellung von Asphalt verwendet werden.
Foto: PD

Die Convia AG wurde 2008 gegründet. Sie beschäftigt nach eigenen Angaben 70 Mitarbeiter und rechnet 2020 mit einem Umsatz von 20 Millionen Franken. Vom Kanton Thurgau erhielt die Firma seit 2016 Aufträge im Wert von 34 Millionen Franken. Anonym eingegangene Vorwürfe, dass es bei der Vergabe zu Unregelmässigkeiten gekommen sei, wurden von der kantonalen Finanzkontrolle untersucht und zum grössten Teil entkräftet.

Ökologie ist schwierig

Vor zwei Jahren kritisierten Thurgauer Kantonsräte aus SVP und SP den Einkauf von Asphalt aus Deutschland und verwiesen auf die weniger strengen Umweltauflagen. Der Chef des Tiefbauamtes verteidigte sich und sagte gegenüber der «Thurgauer Zeitung», es gebe bisher kein System, bei der Vergabe von Bauaufträgen den Faktor Ökologie mit allen Aspekten zu gewichten. Qualitativ sei der Asphalt aus Deutschland einwandfrei.

Der Kanton Zürich vergab in den letzten vier Jahren Aufträge von 5 Millionen Franken an die Convia AG. «Die Convia gewann vier offene Ausschreibungen», sagt Thomas Maag, Mediensprecher der Baudirektion. Die Firma sanierte die Hofstetterstrasse in Schlatt und Elgg, die Heitertalstrasse in Schlatt, eine Strasse in Islikon sowie die Hauptstrasse in Feuerthalen. Während private Unternehmen ihre Aufträge frei vergeben können, muss sich der Kanton Zürich bei der Vergabe an interkantonale Vereinbarungen halten.

Von der Stadt Winterthur hat Convia 2019 und 2020 laut dem städtischen Baudepartement wahrscheinlich keine oder keine nennenswerten Aufträge erhalten.

2 Kommentare
    M. Blattner

    Aha, so läuft das also. Aber die Einkaufstouristen welche in Deutschland einkaufen verurteilen!