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Finanzielle Krise in den StadienCorona beschert europäischen Fussballclubs Milliardenverluste

Erstmals veranschlagt der oberste Fussballfunktionär die Einkommenseinbussen auf 3,6 Milliarden. Auch deswegen greifen sich Milliardäre und Staatsfonds immer mehr Vereine. Und die Credit Suisse hilft bei der Finanzierung von Spielertransfers.

Schwere finanzielle Einbusse: Das Champions-League-Spiel zwischen dem FC Barcelona und Napoli fand am 8. August vor leeren Rängen statt.
Schwere finanzielle Einbusse: Das Champions-League-Spiel zwischen dem FC Barcelona und Napoli fand am 8. August vor leeren Rängen statt.
Foto: Albert Gea (Reuters)

Die Corona-Pandemie beschert den europäischen Fussballclubs Milliardenverluste. Nach Angaben des Präsidenten der Europäischen Clubvereinigung, Andrea Agnelli, der auch den Fussballclub Juventus Turin präsidiert, müssen die Clubs in diesem Jahr Einkommenseinbussen von 3,6 Milliarden Euro verkraften.

Zum Beispiel der FC Barcelona. Noch im Januar herrschte beim spanischen Spitzenclub eitel Freude. Laut dem Beratungsunternehmen Deloitte hatte er mit seinem Superstar Lionel Messi erstmals den Erzrivalen Real Madrid als reichster Verein der Welt abgelöst.

FC Barcelona reagiert wie ein Unternehmen – mit einem Sparprogramm

Doch diese Woche musste der FC Barcelona bekannt geben, dass er in der Saison 2019/20 Corona-bedingt rund 100 Millionen Euro Verlust eingefahren hat. Sein Schuldenberg hat sich auf 488 Millionen Euro verdoppelt.

Die ausbleibenden Fussballfans kosten die Vereine Millionen und Abermillionen: Gähnende Leere im Allianz Stadium Turin.
Die ausbleibenden Fussballfans kosten die Vereine Millionen und Abermillionen: Gähnende Leere im Allianz Stadium Turin.
Foto: Massimo Pinca (Reuters)

Zwar machte der katalanische Traditionsverein immerhin noch einen Umsatz von 855 Millionen Euro, doch lag dies 14 Prozent unter dem Ergebnis des Vorjahres. Die Sponsoring-Einnahmen brachen um 9 Prozent auf 297 Millionen Euro ein. Die Einkommen durch Fernsehübertragungsrechte sackten um 17 Prozent auf 249 Millionen Euro ab. Barcelona reagierte – wie viele gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen auch – prompt mit einem ersten Sparprogramm in Höhe von 74 Millionen Euro.

Auch in der Schweiz ist die Lage der Vereine «ausserordentlich schwierig»

Viele andere Vereine leiden unter den Folgen der Corona-Pandemie. Der deutsche Bundesligaclub Hertha BSC bestätigt der SonntagsZeitung, dass er in diesem Jahr mit einem Einnahmeverlust «im mittleren zweistelligen Millionenbereich» rechnet.

Betroffen sind auch Schweizer Clubs. Ein Sprecher der Berner Young Boys spricht von «Einbussen in Millionenhöhe». Die Lage der Vereine sei «ausserordentlich schwierig», sagt Philippe Guggisberg, Sprecher der Swiss Football League. Diese habe in den vergangenen Tagen von ihren Clubs «aktualisierte Abschlüsse und Budgets verlangt, um eine bessere Übersicht über die finanzielle Situation zu erhalten».

Liquiditätskrise befürchtet

Andrea Agnelli von der Europäischen Clubvereinigung warnt gleichzeitig vor einer «Cash-Krise». Sprich: Den Clubs droht ein Liquiditätsengpass. Denn ein Ende der Pandemie ist nicht abzusehen, und in vielen Ländern sind keine oder nur begrenzte Zuschauerkontingente zugelassen.

Besonders schmerzlich ist der Einbruch bei den Fernsehrechten. Der europäische Fussballverband Uefa zahlt den grossen Sendern wie Sky aufgrund der Unterbrechung und Verkürzung der Champions-League-Wettbewerbe rund 575 Millionen Euro zurück. Allein die englische Premier League muss auf Fernseheinnahmen von 330 Millionen Pfund verzichten. Insgesamt werden ihre Verluste auf 850 Millionen Pfund geschätzt.

Agnelli erwartet auch Auswirkungen auf den Spieler-Transfermarkt. Im vergangenen Jahr hatte die Branche laut Deloitte rund 5,5 Milliarden Euro für Transfers ausgeschüttet, ein Rekord. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG prognostizierten im Mai einen Pandemie-bedingten Wertverlust europäischer Spitzenfussballer von 10 Milliarden Euro.

Milliardäre helfen mit Geldspritzen aus

Etliche Clubs versuchen ihre finanziellen Reserven zu erhöhen. Der deutsche Grossinvestor Lars Windhorst hat Hertha BSC im Juli eine zusätzliche Geldspritze von 150 Millionen Euro zugesagt. Damit steigt sein finanzielles Engagement auf rund 500 Millionen Euro. Mit der Aufnahme einer Anleihe von 40 Millionen Euro hatte der Verein zuvor den US-Investor KKR ausgezahlt.

Andere Vereine setzen auf Financiers wie den US-amerikanischen Multimilliardär George Soros, der über die Londoner Risikokapitalgruppe 23 Capital Kredite in der Höhe von rund einer Milliarde Dollar organisiert hat. Damit wurde unter anderem der 120 Millionen Euro teure Transfer des französischen Fussballspielers Antoine Griezmann an den FC Barcelona und der 126 Millionen schwere Deal von Atlético Madrid für Joao Felix finanziert.

Credit Suisse ist bei der Finanzierung beteiligt

Geldgeber für die kostspieligen Transfers ist unter anderem die Credit Suisse, die bestätigt, im Fussballgeschäft mitzumischen. Details über Umfang und Art des Engagements will die Grossbank keine nennen.

23 Capital vermindert nun jedoch seine Aktivitäten. Das Unternehmen hat die Verwaltung des Geschäfts laut der britischen Wirtschaftszeitung «Financial Times» an die Amsterdamer Firma Intertrust übertragen und verhandelt über eine Anpassung der Kreditverträge, auch mit der Credit Suisse.

Risiken entstehen dann, wenn ein Mittelsmann durch den Einsatz von Derivaten oder Fremdkapital versucht, seinen Gewinn zu vergrössern. Oder wenn Sicherheiten für die Bank wie Ticket- und T-Shirt-Verkäufe oder Fernsehrechte plötzlich einbrechen.

Investoren sind auf der Lauer

Trotz oder wegen der Krise wittern Investoren ein Geschäft. Im September schnappte sich der US-Milliardär Kyle Kraus den FC Parma für fast 100 Millionen Dollar. Bereits im Sommer hatte der texanische Milliardär und Autohändler Daniel Friedkin die AS Roma für 591 Millionen Euro gekauft.

Die höchste italienische Liga, die Serie A, plant eine eigene Marketinggesellschaft für Fernsehrechte. Zwei Risikokapitalfirmen, CVC Capital und Bain Capital, kämpfen um eine Beteiligung. Die Rede ist von 160 Millionen Euro.

Er hat gut lachen, gehören ihm doch nicht nur ein Radsportteam, sondern auch noch zwei Fussballclubs: Ineos-Gründer Jim Ratcliffe.
Er hat gut lachen, gehören ihm doch nicht nur ein Radsportteam, sondern auch noch zwei Fussballclubs: Ineos-Gründer Jim Ratcliffe.
Foto: Matthew Lloyd (Getty Images)

Die englische Premier League hat im September nach einem Streit mit dem chinesischen Partner PPTV den Fernsehvertrag in Höhe von 700 Millionen Dollar kurzerhand gekündigt. Neuer Partner ist das Internetunternehmen Tencent, ebenfalls aus China.

Arabische und chinesische Investoren greifen zu

Besonders aktiv im europäischen Fussballgeschäft sind reiche Araber, Russen und Chinesen. Die US-Beteiligungsgesellschaft Silver Lake erwarb im vergangenen Jahr für 500 Millionen Dollar einen 10-Prozent-Anteil an der City Football Group, die unter anderem den englischen Fussballclub Manchester City besitzt. Hinter der City Football Group steckt Scheich Mansour bin Zayed al-Nahyan aus Abu Dhabi.

Der saudische Staatsfonds wiederum ist am englischen Club Newcastle United beteiligt, und der russische Oligarch Alisher Uzmanov ist an Everton interessiert.

Der US-Hedgefonds Elliott Management kontrolliert den italienischen Spitzenklub AC Milan und finanziert Spielerverkäufe des französischen Clubs OSC Lille. Der britische Milliardär Jim Ratcliffe liess sich im vergangenen Jahr den Kauf des OGC Nizza 110 Millionen Euro kosten. Zuvor hatte er es abgelehnt, den vom russisch-israelischen Milliardär Roman Abramowitsch geforderten Kaufpreis von 2 Milliarden Pfund für den FC Chelsea zu zahlen. Ratcliffe ist auch Besitzer des Schweizer Clubs Lausanne Sport.

Der Zürcher Club Grasshoppers hat mit dem chinesischen Investor Champion Union HK Holdings seit April einen ausländischen Eigentümer. Hinter der Clubbesitzerin Jenny Wang steckt der chinesische Konzern Fosun. Dieser besitzt auch den englischen Premier-League-Club Wolverhampton.

6 Kommentare
    Köbi Löwe

    Nur die Starken des Europäischen Fussballs werden diese Baisse überleben.

    Der FC Bayern, als wohl einzig gesunder Verein, immer nach dem Credo 51+, wird dies locker wegstecken.