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Infektionsketten nachverfolgenDas Coronavirus schafft einen neuen Berufszweig

Wegen der Krankheit wird es in der Schweizer Gesundheitsverwaltung viele neue Stellen geben – für Detektivarbeit. Doch nur wenige Kantone kümmern sich aktiv darum.

Eine Contact-Tracerin im Kontakt mit einer Patientin in Selbst-Quarantäne: Auch in der Schweiz braucht es jetzt bis zu 2000 Personen, welche bei allen Betroffenen die Kontakte verfolgen.
Eine Contact-Tracerin im Kontakt mit einer Patientin in Selbst-Quarantäne: Auch in der Schweiz braucht es jetzt bis zu 2000 Personen, welche bei allen Betroffenen die Kontakte verfolgen.
Keystone/AP Photo/Elaine Thompson

Das Coronavirus ist nicht nur Gift für die Wirtschaft, ein richtiger Jobkiller. Es schafft auch einen neuen Berufszweig. Um Covid-19-Infektionen lückenlos zu verfolgen, setzen viele Länder nun auf sogenannte Tracer. In Deutschland, beispielsweise, müssen die Gesundheitsämter fünf Personen pro 20000 Einwohner einsetzen, welche Infektionsketten nachverfolgen sollen. In stärker betroffenen Gebieten sind es sogar mehr, dort soll auch die Bundeswehr bei den Nachforschungen helfen.

Legt man dieses Verhältnis auf die Schweiz um, müssten hier landesweit 2000 Tracer zum Einsatz kommen. Auch hier sollen die Infektionsketten wieder verfolgt werden, was ab unter 100 neuen Infektionen pro Tag möglich scheint. Auf diese Marke haben sich in den vergangenen Tagen sowohl Bundesrat Alain Berset als auch Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit BAG festgelegt: Dann könne man wieder beginnen, bei allen Betroffenen die Kontakte zu verfolgen. So, wie in der Anfangszeit der Krise. Derzeit sind es allerdings noch rund 350 tägliche Neuinfizierungen.

Kantone warten auf Direktiven und Mittel vom Bund

Zum Einsatz kommt nicht nur eine neue App, die soziale Kontakte anzeigt. Beim eigentlichen Contact-Tracing» geht es um handfeste detektivische Arbeit: Die infizierten Personen müssen sagen, wen sie in den Tagen zuvor trafen, wo und wie lange. Und diese Personen müssen dann aufgesucht und in Quarantäne gesteckt werden. Nicht freiwillig, sondern als «gesundheitspolizeiliche Massnahme» per Verfügung, sagt Koch.

Der Experte des BAG definierte auf einer Medienkonferenz am Freitag auch, wer für das Contact-Tracing verantwortlich sei: die kantonsärztlichen Dienste. Der Bund werde sie «mit Zahlen und Namen» unterstützen. Doch Koch appellierte an die Kantonsärzte: «Ihr müsst ausbauen und schauen, dass ihr das besser organisieren könnt: Mit Hilfskräften, mit Zivilschutz oder sonstigem Personal.»

Daniel Koch vom BAG verlangt von den Kantonsärzten, sie müssten sich jetzt besser organisieren. 
Foto: Peter Klaunzer (Keystone) 

Sind die Kantone dafür gerüstet? Anfragen bei den kantonalen Gesundheitsdirektionen ergeben kein einheitliches Bild: In der Deutschschweiz warten vor allem die grossen Kantone auf Direktiven. Graubünden könne erst mehr sagen, «wenn der Bund konkret mitteilt, wie das Thema angegangen werden soll», heisst es von der Kommunikationsstelle Coronavirus.

Luzern prüft spezielle Software-Lösungen sowie die Einbindung der Zivilschutzorganisationen. Aber solange das Konzept des Bundes nicht vorliege, «können wir keine konkreten Angaben machen, ob und welche technischen Hilfsmittel eingesetzt werden». Auch die Zürcher befinden sich im «Stadium der Abklärung».

In der Stadt Basel werden Infizierte täglich kontaktiert

Nur wenige Kantone wurden von sich aus aktiv. In Zug werden nicht nur Infizierte täglich kontaktiert, wie die SonntagsZeitung schrieb, sondern auch deren Kontakte. Dabei helfen 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lungenliga Zentralschweiz. Auch im Kanton Basel-Stadt werden Infizierte plus Personen angerufen, die mit ihnen in Kontakt waren. Derzeit komme man dafür mit drei Vollzeitstellen aus, sagt Kantonsarzt Thomas Steffen. Allerdings habe man schon mit anderen Verwaltungsstellen und dem Krisenstab eine Struktur, die auch einen viel grösseren Aufwand bewältigen könne.

Vorbereitungen laufen auch in mehreren Westschweizer Kantonen. In Neuenburg ist Kantonsarzt Claude-François Robert gerade dabei, eine Organisation aufzubauen, um das Contact-Tracing wieder aufzunehmen. Derzeit kann Robert mit seinem Team drei Befragungen pro Tag durchführen. Idealerweise, sagt er, hätte er für die neue Aufgabe gerne fünf Teams mit je zwei Personen. Wird er diese Ressourcen auch bekommen? Der Kantonsarzt ist zuversichtlich. «Wir haben gar keine andere Wahl», sagt er: «Wir müssen wie die Feuerwehr sein: Ständig bereit zum Eingreifen.»